Wersener Familie hofft auf Hilfe
Drama nach der Flucht aus Syrien

Lotte-Wersen -

Über die Balkanroute gelang den Cousins Mohammed und Ammar aus der umkämpften syrischen Stadt Rakka die Flucht nach Deutschland. Ihr Start in eine friedliche Zukunft wurde jäh gebremst, als Ammar durch einen gesundheitlichen Zwischenfall erblindete und erlahmte. Derzeit wohnen sie in Wersen bei Familie Krüninger-Dechent.

Dienstag, 04.10.2016, 18:10 Uhr

Gut eingelebt hat sich Ammar bei seiner Wersener Gastfamilie.
Gut eingelebt hat sich Ammar bei seiner Wersener Gastfamilie. Foto: Ursula Holtgrewe

Die Geschichte von Mohammed (19) und Ammar (20) gäbe reichlich Stoff für einen Film, kann hier aber nur auszugsweise dargestellt werden. Beide erreichten München und nach weiteren Stationen Rheine. Im Flüchtlingscamp dort arbeitete Iris Krüninger als Sozialbetreuerin. „In meiner zweiten Nacht kamen wieder einige Busse mit Flüchtlingen an. Darunter waren auch Mohammed und Ammar“, blickte sie in den September 2015 zurück.

„Ammar hat gesagt: ,Es geht mir nicht gut‘“, berichtete Mohammed. Ein Arzt war so schnell nicht verfügbar. Mohammed drängte darauf, Hilfe zu holen, weil Ammar Atemnot hatte. Iris Krüninger wurde hinzugerufen. „Als der Krankenwagen endlich eintraf, hatte Ammar weißen Schaum vorm Mund und schien Erstickungssymptome zu zeigen“, erinnerte sie sich.

Der mittlerweile bewusstlose Ammar wurde ins Rheiner Krankenhaus und einige Tage später in die „Stroke Unit“ nach Ibbenbüren gebracht. Durch Sauerstoffmangel im Gehirn während des Herzstillstands war Ammar blind und gelähmt. Auf der Station kümmerten sich zwei Monate lang Ärzte, Stationsteam und Therapeuten um den ausschließlich Arabisch sprechenden Patienten. Arabisch sprechende Ärzte behandelten Ammar und übersetzten ihm und Mohammed in allen Belangen. Seit dem Zwischenfall betreut Mohammed 24 Stunden lang seinen Cousin.

Erst Wochen später stellten Mediziner an der Uniklinik in Münster fest, dass Ammar an „hereditärem Angioödem“ leidet. Das ist eine vererbte seltene Krankheit, bei der Teile des gesamten Körpers, auch Organe, anschwellen können. Die Schwellungen entstehen bei Ammar, wenn er in Stresssituationen gerät. Nach etwa 48 Stunden bilden sie sich zurück. In Rheine war bei Ammar der Auslöser die dritte Zeltstadt in ihren ersten drei Wochen in Deutschland ohne Aussicht auf ein Ankommen. „Lebensbedrohlich war, dass in dieser Nacht der Kehlkopfbereich betroffen war“, schilderte Iris Krüninger.

„Eines nachts kletterte er über das Gitter aus seinem Bett. Das hat alle sehr erstaunt und erfreut. Auf der Station begann man, mit Ammar Sitzen und Stehen zu trainieren – mit sichtbarem Erfolgen. In der darauffolgenden Reha in Bad Oeynhausen hat sich sein Zustand weiter verbessert“, berichtete Iris Krüninger. Sie und Mohammed sind mittlerweile vereidigte ehrenamtliche Betreuer für Ammar.

Die Cousins, die in Syrien von klein auf vermittelt bekommen haben, dass in einer Großfamilie der Zusammenhalt gerade in Notsituationen unabdingbar ist, blieben zusammen. Mohammed fühlt sich verantwortlich und betreut Ammar sowohl bei der Pflege als auch bei Therapie und Arztbesuchen und beim Setzen der Notfallspritze.

Durch den Tipp einer Neuropsychologin fanden sie ein Trainingsprogramm in der Bergmannsheilklinik in Bochum für kortikale Blindheit, eine Erblindung, die nicht vom Auge herrührt, sondern von der Sehrinde im Kortex im Gehirn. Die Kosten wurden größtenteils durch Spenden der muslimischen Gemeinde in Rheine getragen. Die mit kleinen Schritten erfolgreiche Therapie wird sechs Monate lang täglich online am PC durchgeführt. Iris Krüninger bewundert die Haltung der beiden jungen Männer: „Die zwei nehmen ihr Schicksal als von Allah gegeben an.“

Mohammed geht mit Ammar im Rollstuhl täglich spazieren, begleitet Ammar zu sämtlichen Therapien, ist rund um die Uhr für ihn da. Andererseits wünscht sich Mohammed Unterstützung, um auch allein etwas unternehmen zu können.

Die größte Unterstützung könnten sie aus dem Kreis von Ammars Familie erfahren. Es ist die Familie des Onkels, die seit drei Jahren in der Türkei an der Grenze zu Syrien auf Frieden wartet.

Doch ein Familiennachzug ist in Ammars Fall rechtlich nicht vorgesehen, weil Ammar volljährig und der Onkel kein Verwandter ersten Grades ist. Jedoch ist Ammar nach dem Tod seiner Mutter in der Familie das Onkels aufgewachsen. Iris Krüninger hat inzwischen Kontakt zu Sevim Dagdelen , Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages , aufgenommen. Diese habe geantwortet und ein Bittschreiben wegen Familienzusammenführung an den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger gesendet.

Die beiden jungen Syrer haben es mit ihrer Gastfamilie – dem wohl kleinsten Flüchtlings-Camp in Deutschland, wie verschiedentlich wohlwollend gesagt wurde – gut getroffen. Die Familie war sich einig, beide aufzunehmen. Die fast gleichaltrigen Söhne der Gastgeber sind wie Brüder geworden. Abends ist immer etwas los, wenn auch noch die Freunde zu Besuch kommen.

Mittlerweile verstehen Ammar und Mohammed die deutsche Sprache recht gut und sprechen sie auch. Trotz der selbstverständlich übernommenen Verantwortung für den Cousin möchte Mohammed Zeit haben, sich in Deutschland zu integrieren: „Ich möchte arbeiten, eine Ausbildung machen und den Führerschein. Wir wünschen uns, dass jemand unterstützt.“ „Wir wünschen uns, dass Mohammed entlastet wird“, ergänzte Adam Dechent.

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Kontakt: a-dechent@osnanet.de

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