1956 hat der Rock‘n‘Roll im Tecklenburger Land noch nicht Einzug gehalten
Tanzen in geordneten Bahnen

Tecklenburger Land -

Bill Haleys „Rock around the clock“, Elvis Presleys revolutionärer Tanzstil, der Teenager en masse zu wahren Kreischattacken animiert – in den 1950er Jahren greift das Rock‘n‘Roll-Fieber um sich, auch in der jungen Bundesrepublik. Im Tecklenburger Land läuft die neue Mode aber noch in geordneten Bahnen.

Mittwoch, 07.12.2016, 06:12 Uhr

Die jungen Herren stürmen auf die andere Seite des Parketts (linkes Foto), um die jungen Damen zum Tanz aufzufordern. Dabei ging es laut Beschreibung des „Tecklenburger Land“-Reporters sehr gesittet zu
Die jungen Herren stürmen auf die andere Seite des Parketts (linkes Foto), um die jungen Damen zum Tanz aufzufordern. Dabei ging es laut Beschreibung des „Tecklenburger Land“-Reporters sehr gesittet zu Foto: Tecklenburger Landbote

Bill Haleys „Rock around the clock“, Elvis Presleys revolutionärer Tanzstil , der Teenager en masse zu wahren Kreischattacken animiert, die Hits von Chuck Berry, Little Richard und Jerry Lee Lewis – in den 1950er Jahren greift das Rock‘n‘Roll-Fieber um sich, auch in der jungen Bundesrepublik. Während die Jugend begeistert ist, kommt die neue Musikrichtung aus den USA in der Erwachsenenwelt nicht überall gut an. Das kommt auch in einem Bericht des „Tecklenburger Landboten“ zur Sprache, der sich am 20. November 1956 mit dem Thema Tanzen befasst. Er schließt mit einer ziemlich gewagten Prophezeiung.

„,Bitte meine Herren, wollen Sie auffordern!‘ animiert ein Tanzlehrer die Abc-Schützen des Parketts. Bei diesen Worten stürmen 16- und 17-jährige Schüler zu den gegenübersitzenden Damen (unser Bild oben), die die anbrausende Jünglingsschar aufmerksam anvisieren. Die Jugend lernt tanzen wie eh und je. ,Es wird heute viel getanzt, mehr als früher‘, zieht der Tanzlehrer die Bilanz seiner Erfahrung. Auch Erwachsene walzen noch in den Tanzkursen für Fortgeschrittene mit. Vor allem jetzt, damit sie für die bevorstehende Festsaison wieder in Schwung kommen.

Musik, Tanz, Rhythmus bannen Jung und Alt in die spiegelblanken Säle. Doch zum Glück hat das ,Rock‘n‘Roll-Fieber‘ unsere Tanzlustigen im Kreis Tecklenburg noch nicht infiziert. Gewiss, flotte Rhythmen faszinieren auch bei uns die Jugend. Auch in den Tanzkursen rangiert der Boogie, ein Spross der großen Foxtrottfamilie, in der Spitze der beliebtesten Tänze. In dezenter Form ist er durchaus salonfähig.

,Verbeugung, Ellbogen anheben, Füße schließen‘, erinnert die Stimme des Tanzlehrers. Die Grundhaltung muss korrekt sein. Dann geht‘s los, zunächst ohne Musik, ein Tanz im Trocknen sozusagen. Nach einigen Saalrunden greift der Plattenspieler ein, mit wirbelnden Klängen, die Tanzeleven anfeuernd. Nun geht es gleich besser. ,Wechselschritt, eins, zwei, drei – etwas mehr an die Haltung denken‘, untermalt mit sonorer Stimme der Tanzlehrer.

Doch bevor die Herren mit den Damen gemeinsam das Parkett beschlurfen dürfen, müssen sie eine Lektion in Etikette absolvieren. Der Tanzlehrer pflastert den Weg zum ersten Zusammentreffen mit vielen Anstandsregeln. Eine korrekte Verbeugung, das Gehen, Stehen Sitzen, alles will gelernt sein. Und die ersten Tanzfiguren üben Herren als auch Damen in stiller Einsamkeit. Die erste gemeinsame Stunde ist ein Ereignis: Den Damen werden die Herren vorgestellt.

Nun studiert man die Tanzkunst gemeinsam ein. Schwerfüßig sind meistens noch die ersten Schritte. Steife Rücken möchten am liebsten durchbrechen, Partnerfüße fahren sich in die Parade und Paare ecken hier und da noch an. Doch so etwas kommt sogar bei den gewiegten Tänzern vor. So ist es beim langsamen Walzer; Blues und Foxtrott machen die Glieder schon geschmeidiger. Der Wiener Walzer bietet Tücken, und wenn er sich zu sehr in die Länge zieht auch Strapazen. Seiner Beliebtheit bricht das manchen Zacken aus der Krone.

So wird nach und nach das ganze Repertoire der gängigen Tänze durchgewälzt und durchgewirbelt, vom Tango über den Rheinländer bis zum Boogie. Doch keine Angst, die Ekstase schlägt in den Kursen nicht Kobolz. Auch des Boogies packende Rhythmen werden in konventionelle Formen gezwängt.

Der Rock‘n‘Roll dagegen hat bei uns kaum eine Zukunft. Er ist schließlich nichts anderes als ein übertrieben und hektisch getanzter Jive, der noch ein legitimer Nachkomme des guten alten Foxtrotts war.“

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