Wie die Menschen zu Zeiten Christi Geburt im heutigen Tecklenburger Land lebten
Geheimnisvolle Germanen

Tecklenburger Land -

Wie mag es vor rund 2000 Jahren, zu Zeiten Jesus‘ Geburt, im Tecklenburger Land ausgesehen haben ? Wie haben die Menschen gelebt ? Dr. Heidrun Derks und Dr. Bernhard Stapel geben sich alle Mühe, diese und eine Menge weiterer Fragen zu beantworten. Doch die beiden Experten lassen gleichzeitig keine Zweifel aufkommen: Die Forschung hat noch viel Arbeit vor sich.

Sonntag, 25.12.2016, 10:12 Uhr

Wie mag es vor rund 2000 Jahren, zu Zeiten Jesus‘ Geburt , im Tecklenburger Land ausgesehen haben ? Wie haben die Menschen gelebt ? Wer waren sie überhaupt ? Wie haben sie gesprochen ? Woran geglaubt ? Dr. Heidrun Derks und Dr. Bernhard Stapel geben sich alle Mühe, diese und eine Menge weiterer Fragen zu beantworten. Doch die beiden Experten – sie ist Leiterin des Museums in Kalkriese, er wissenschaftlicher Referent bei der Außenstelle Münster der LWL-Archäologie für Westfalen – lassen gleichzeitig keine Zweifel aufkommen: Die Forschung hat noch viel Arbeit vor sich; der Wissensstand gleicht einem Puzzle, von dem noch viele Teile fehlen.

Das geht schon bei einfachen Dingen los. Zu welchem Volk gehörten die Menschen, die damals im heutigen Tecklenburger Land lebten ? Natürlich, sie waren Germanen. Die lassen sich wiederum in die Gruppen der Elb-, der Nordsee- und der Rhein-Weser-Germanen einteilen. Aber auch das ist noch keine wirkliche Antwort. Tacitus, römischer Historiker und Senator, hat sich intensiv mit den Nachbarn im Norden befasst. Chasuarier, Chamaver und Brukterer verortet er in etwa in der Region. Doch das seien römische Namen gewesen, stellt Heidrun Derks klar. „Wie sich die Menschen selbst bezeichnet haben, wissen wir nicht.“

Fest steht indes, dass das Tecklenburger Land besiedelt war. Derks und Bernhard Stapel sprechen von Einzelhöfen, nicht von richtigen Dörfern oder gar Städten. Die Bauern seien Selbstversorger gewesen. Ackerbau sei betrieben worden und Viehzucht.

Die Kleidung aus Wolle, Häuten und Fellen sei selbst gemacht worden, kleine Schmiedearbeiten mit Metall von minderer Qualität (Raseneisenerz) hätten die Hofbewohner ebenfalls erledigt. Höherwertige Waren seien nur durch Geschenke oder Handel zu bekommen gewesen. Allerdings waren die Möglichkeiten beschränkt, denn, so Derks, „Geld hat es nicht gegeben“.

Die Verkehrsinfrastruktur indes war vorhanden, wenn auch nicht in der Qualität wie auf römischer Seite: Während es dort ein weites Netz gepflasterter Straßen gegeben habe, seien es auf germanischer Seite einfache Wege gewesen, die die bewohnten Gegenden verbanden, erklären die beiden Fachleute. Einem Tauschhandel stand somit nichts entgegen.

Inwieweit der im Alltag eine Rolle spielte oder doch eher als ungewöhnliches Ereignis anzusehen ist, lässt sich nicht genau sagen. Belegt ist – nicht zuletzt durch die Geschichte des Arminius –, dass es Kontakte und auch Handel zwischen Germanen und Römern gab. Und sicher ist, dass Römer bis in die hiesigen Regionen vorgedrungen sind.

Ob sie auch im Tecklenburger Land waren ? Das ist eine der Fragen, die Museumsleiterin Derks nicht beantworten kann. Wenn es so gewesen sein sollte, dann sei wahrscheinlich, dass die Einheimischen „eher schlechte Erfahrungen“ gemacht haben. Um die Soldaten auf deren Märschen zu versorgen, hätten die Römer die Bevölkerung „gnadenlos ausgebeutet“.

Doch es sei auch davon auszugehen, dass es unter den hiesigen Germanen immer wieder einmal zu Auseinandersetzungen kam, ergänzt Archäologe Stapel. Es habe eine militärische Organisation gegeben, und römische Berichte über Stammesfehden seien durchaus als glaubwürdig einzuschätzen, auch wenn sie aus einem „kolonialen Blickwinkel“ heraus verfasst worden seien.

Die Gründe für Gewalt könnten in manchem Fall recht simpel gewesen sein, sollte Heidrun Derks mit ihrer Einschätzung recht haben: Zwar teilten nicht alle Wissenschaftler diese Sicht, aber sie gehe davon aus, dass die Germanen in der Region wahre „Hungerleider“ gewesen seien. Das Leben dürfte für sie „ziemlich einfach und sehr hart gewesen“ sein. Nahrungsmangel und in der Folge Raub und Diebstahl scheinen da naheliegende Folgen zu sein.

Ihre Meinung stützt Derks nicht zuletzt auf das Bild, das sich durch die Arbeit der Archäologen bislang ergibt. Die langen Hofgebäude waren einfache Konstruktionen mit Tür und Rauchabzug, aber ohne Fenster. Vieh und Mensch hätten unter einem Dach im Wohnstallhaus gelebt. „Geschlafen wurde auf dem Boden.“ Zusätzlich gab es Nebengebäude und Speicher.

Kollege Stapel sagt, dass die Menschen kleiner als heute gewesen seien und die Lebenserwartung wesentlich geringer. Genaueres, etwa über Hygiene, Krankheiten oder Todesursachen, können er und Derks nicht bieten. Die Museumsleiterin sagt, dass die Fundlage auch in diesem Bereich wenig ergiebig sei, nicht zuletzt deshalb, weil die Toten verbrannt worden seien. Ausreichend Knochenmaterial, das Aufschluss geben könnte, fehle somit weitgehend. Hinweise lieferten allein Urnen, in denen sterbliche Überreste zu finden seien.

Ähnlich mau sieht es mit Schriftzeugnissen aus. Es gibt die Berichte der Römer, aber nichts Gleichartiges auf germanischer Seite. Stapel verweist auf die Runen, „aber es ist so gut wie nichts überliefert“. Das wirkt sich bis hin zu den Themen Sprache und Religion aus. Auch über die mündliche Kommunikation und die Welt der Götter sei wenig bekannt, erklärt Derks. Stapel betont, es wäre reine Spekulation, darüber Genaueres zu äußern.

Mit Blick auf die Zukunft äußern sich beide optimistisch, dass noch manches aus dem Dunkel der germanischen Zeit ans Licht geholt werden kann. Zum einen werde natürlich weiter ausgegraben. Zum anderen mache die Wissenschaft technische Fortschritte. Und die, so ihre Hoffnung, könnten bei neuen Funden dazu führen, dass Erkenntnisse gewonnen werden, wie sie heute noch nicht denkbar sind.

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