Gute Aussichten für das Handwerk / Interview mit Frank Tischner
„Die Zukunft zum Verbraucher bringen“

Westerkappepn/Lotte/Tecklenburger Land -

Wie die Lage aktuell im Handwerk ist und wie die Zukunft wird, darüber hat sich Redakteur Peter Henrichmann mit Frank Tischner, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf, unterhalten.

Donnerstag, 19.01.2017, 08:01 Uhr

Das Handwerk liegt ihm am Herzen: Frank Tischner, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, hier in der Ausbildungswerkstatt für Tischler.
Das Handwerk liegt ihm am Herzen: Frank Tischner, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, hier in der Ausbildungswerkstatt für Tischler. Foto: Peter Henrichmann

„Die Zukunft ist unsere Baustelle“ ist das Jahresmotto des Handwerks . Die Zukunft wird rosig – oder?

Frank Tischner : Auf alle Fälle! Die Zukunft wird ganz anders werden, aber sie wird mit Sicherheit rosig sein, weil gute Handwerksleistungen stets gebraucht werden.

Rückblick: Handwerk früher war?

Frank Tischner: Da gab es sehr viel Handarbeit. Und strukturell gab es viele Kleinbetriebe, die direkt für Kunden vor Ort gearbeitet haben.

Handwerk heute ist?

Frank Tischner: Die handwerkliche, individuelle Arbeit steht immer noch im Vordergrund. Aber neue Techniken ersetzen in Zukunft manuelle Arbeit in Produktion und Fertigung. Und es gibt heute viele größere Unternehmen, die als Handwerksbetriebe tätig sind. Die Industrie ist als Kunde hinzugekommen. Zudem gibt es neue Betätigungsfelder: E-Mobilität, Energieeffizienz und Energieeinsparung – all‘ das ist heute Handwerk.

Mit mehr Technik, richtig?

Frank Tischner: Ja, viel mehr! Beispiel: Früher hat der Handwerker im Bereich Sanitär-Heizung die Fittings zusammengesteckt. Heute steuert man Haustechnik übers Smartphone – Berufsbilder haben sich völlig verändert.

Frank Tischner

Frank Tischner (47) ist gelernter Bäckermeister und Konditormeister sowie Betriebswirt des Handwerks und kennt sich aus. Tischner hat zunächst in der Lebensmittelindustrie gearbeitet und ist seit 2011 Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf.

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Und Handwerk morgen ist?

Frank Tischner: Spannend, sehr spannend wird es sein. Wir sehen, dass die handwerkliche Kunst immer noch gefragt wird, sie aber in ganz neue Technologien eingebunden wird. Noch ein Beispiel: Wir werden demnächst Tischler haben, bei denen zu bauende Tische eine Touchscreen-Oberfläche haben werden wie ein iPad . Wir werden Wände haben, in denen es keine Schalter mehr gibt und die das Licht direkt ein- und ausschalten. Es wird sich viel tun. Aber das Handwerk hat immer die Flexibilität gehabt, sich anzupassen. Spezialisierung und Kundennähe, das sind die Stärken des Handwerks auch in Zukunft.

Blick in die Branchen: Wie viele gibt es und wo läuft es und wo nicht?

Frank Tischner: Es gibt 94 Vollhandwerke und 129 Ausbildungsberufe. Schwierigkeiten gibt es bei den Fachkräften im Nahrungsmittelbereich. Bei Fleischern oder Bäckern könnten wir mit Sicherheit mehr Jugendliche begeistern für eine Ausbildung. In klassischen Berufen wie Kfz-Mechatroniker sieht es recht gut aus. Wenn wir es wirtschaftlich betrachten, läuft es im Bauhauptgewerbe recht gut und die Auslastung ist sehr positiv.

Handwerker-Termine sind schwer zu bekommen. „Goldener Boden“ – ist die wirtschaftliche Lage gut?

Frank Tischner: Wir sehen, dass es durchaus Probleme gibt bei der Zahlungsmoral und auch bei den Margen. Die Auftragslage ist gut, aber das mit dem Verdienst ist schwieriger geworden. Dennoch ist die Stimmung recht gut. Der Geschäftsklimaindex sagt, dass 95 Prozent der Betriebe zufrieden oder sehr zufrieden sind.

Wie sieht es aus mit Fachkräften: Können Betriebsinhaber Stellen neu besetzen, wenn das nötig ist?

Frank Tischner: Es sind genügend Stellen für Facharbeiter zu besetzen. Ob man aber immer jemanden findet, ist fraglich. Es gibt Felder, da ist es sehr schwierig. Anlagenmechaniker, Elektroniker oder Fachkräfte im Metall- und Maschinenbau, Bäcker, Konditoren – es gibt viele Bereiche mit hoher Nachfrage.

Fachkräftemangel ist also ein Problem?

Frank Tischner: Ja. Und wenn man auf die Demografie schaut, sehe ich da auch einige Probleme für die Zukunft.

Thema Ausbildung: Gibt es genug Interessenten?

Frank Tischner: Nein. Wir könnten Stand heute im Kreis Steinfurt noch ungefähr 200 Ausbildungsplätze besetzen. Das von der Politik bevorzugte System einer akademischen Ausbildung schadet uns. Der Drang zu immer mehr Akademikern ist ein völlig falscher Weg. Die Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten, die Jugendliche im Handwerk haben, sind enorm. Das wird oft unterschätzt.

Sind die Bewerber heutzutage ausbildungsfähig oder ist die Kritik an den Schulabgängern berechtigt?

Frank Tischner: 5,7 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. 1,4 Millionen junge Erwachsene im Alter von 20 bis 29 haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Jugendlichen heute sind anders; sie sind nicht besser oder schlechter als sie in der Vergangenheit waren. Sie sind medialer, sind internationaler und sie haben andere Ansprüche. Es ist nicht so, dass sie nicht fähig wären, oft gehen sie aber mit falschen Voraussetzungen und Erwartungen in die Ausbildung.

Woran liegt das?

Frank Tischner: Früher gab es eine Berufsorientierung gemeinsam mit den Eltern und den Schulen, aber das hat nachgelassen. Da wünsche ich mir schon eine intensivere Beschäftigung mit den Chancen dualer Ausbildungswege, auch eines dualen Studiums. Das Thema Berufsorientierung ist eine der Kernaufgaben für die Kreishandwerkerschaft . Auch bei der Berufsfelderkundung im Rahmen des Landesprogramms „Kein Abschluss ohne Anschluss“ sind wir stark involviert und gefordert. Das erwarten die Betriebe von uns.

Auch die Betriebe müssen sich Mühe geben?

Frank Tischner: Klar müssen die sich auch Mühe geben! Das geht damit los, wie man sich als Betrieb in der Öffentlichkeit präsentiert. Früher kamen die Bewerbungen stapelweise, heute muss man sehr aktiv sein, um Jugendliche zu gewinnen für seinen Betrieb.

Passt es mit dem Geld in der Ausbildung?

Frank Tischner: Geld kann ein Motivator sein. Ich glaube aber, die gute Perspektive und die Chancen in der Zukunft sind ein viel größerer Faktor. Ich glaube insgesamt, mit der heutigen Ausbildungsvergütung kommt man hin. Außerdem: Man trifft doch keine Berufswahlentscheidung auf der Basis, ob man in der Ausbildung 50 Euro mehr bekommt oder nicht.

Nach der Ausbildung: Weiterbildung – Meister statt Master, raten Sie dazu?

Frank Tischner: Lebenslanges Lernen ist angesagt. Das gilt gerade fürs Handwerk, wenn neue Technologien Einzug halten. In keinem anderen Land gibt es so tolle Weiterbildungsmöglichkeiten wie in Deutschland. Selbstständigkeit, Betriebsleiter, Meister, Techniker oder Qualifizierung in bestimmten Techniken, es gibt viele Möglichkeiten, sich zu spezialisieren.

Das Studium muss es also gar nicht sein?

Frank Tischner: Mir geht es nicht um ein entweder oder. Mir geht es um ein sowohl als auch. Die Politik steuert das aus meiner Sicht in eine völlig falsche Richtung. Wir haben 342 Ausbildungsberufe, davon 129 im Handwerk. Demgegenüber stehen 17 500 Bachelor-Studiengänge. Wer soll denn da noch durchsteigen?

Das ist am Bedarf vorbei?

Frank Tischner: Es ist völlig am Bedarf der Wirtschaft vorbei. Wir fordern eine Gleichwertigkeit der Ausbildungsgänge. Wir haben es geschafft, dass Meister und Bachelor auf einer Stufe stehen. Ein Riesenerfolg! Aber solange die NRW-Landesregierung weiter glaubt, dass wir eine noch zu geringe Akademikerzahl haben befinden wir uns auf einem Holzweg. Das ist ein völlig falscher Ansatz.

Themenwechsel: Betriebsnachfolge: Gibt‘s Probleme?

Frank Tischner: Ja. Wir sehen im Kreis Steinfurt, dass 20,7 Prozent der Betriebsinhaber älter als 60 Jahre sind. Betriebsnachfolge ist ein großes und ein wichtiges Thema. Wenn wir über Fachkräftemangel reden, glauben wir immer, dass es um die Arbeitnehmer geht. Das ist nicht richtig. Es betrifft natürlich auch die Arbeitgeber. Wir müssen gucken, dass wir junge Leute bekommen, die die Verantwortung für Betriebe übernehmen wollen. Das ist nicht einfach, man muss viel arbeiten. Aber man hat eine echt tolle berufliche Perspektive.

Schaffen es alle die Betriebe, Nachfolger zu finden?

Frank Tischner: Wir haben viele Betriebe, die den aktiven Geschäftsbetrieb aufgeben weil sie keinen Nachfolger finden. Es gibt aber auch viele, wo es sehr gut gelingt. Viele Betriebe werden mittlerweile auch außerhalb der Familie übergeben.

Scheitern Betriebsübernahmen an der Finanzierung?

Frank Tischner: Es ist oft so, dass die Banken wegen der Regularien bei der Finanzierung einer Betriebsübernahme auf viele Faktoren achten müssen. Die Voraussetzungen sind aber wegen der niedrigen Zinsen so gut wie nie zuvor. Dennoch: Oft werden hohe Werte übergeben, und die zu finanzieren fällt einem normalen Arbeitnehmer, der sich für die Selbstständigkeit entscheidet, wegen der Kapitalmenge nicht immer ganz leicht.

Können Sie, kann die Kreishandwerkerschaft helfen?

Frank Tischner: Wir können beraten, aber wir sind keine Bank. Die KfW stellt aber Kredite zur Verfügung.

Apropos Regularien: Da gibt es viel zu viel heute?

Frank Tischner: Ja! Es wird mittlerweile komplett übertrieben. Womit die Betriebe sich befassen müssen hat mit der ursprünglichen Arbeit oft nichts mehr zu tun. Dokumentationen, Auflagen, Anträge, Deklarationspflichten – das alles nimmt ein Ausmaß an, das nicht mehr hinnehmbar ist. Es schadet mehr, als es hilft.

Und wenn der Arbeitstag gelaufen ist, dann kommt das Ehrenamt. Ist die Motivation noch hoch?

Frank Tischner: Wir haben eine neue Generation im Ehrenamt. Und wir sind froh und dankbar, weil ohne Ehrenamt könnten wir diese Struktur, wie wir sie bei der Kreishandwerkerschaft und den Innungen haben, nicht aufrecht erhalten. Wir könnten die Strukturen der dualen Ausbildung, zum Beispiel das ortsnahe Prüfungswesen, nicht erhalten. Was Betriebe und Betriebsinhaber an Engagement leisten, ist gar nicht hoch genug zu bewerten. Ehrenamt ist nicht selbstverständlich, das müsste viel stärker wieder ins Bewusstsein der Menschen dringen.

Ehrenamt verdient Lob?

Frank Tischner: Uneingeschränkt „Ja!“ Der Einsatz für die duale Ausbildung verdient höchste Wertschätzung. Das Ehrenamt ist der Kitt der handwerklichen Strukturen in der Region.

Die Kreishandwerkerschaft

Die Kreishandwerkerschaft (KHW) Steinfurt-Warendorf mit Hauptsitz in Rheine ist zuständig für den Einzugsbereich der beiden Kreise. 29 Handwerksinnungen und über 2400 Mitgliedsfirmen gehören der KHW an.

Kreishandwerksmeisterin ist Erika Wahlbrink (Ibbenbüren), Stellvertreter ist Paul Laukötter (Rheine).

Geschäftsstelle Ibbenbüren (Bildungs-Center) Wilhelmstraße 256, ' 0 54 51/40 03 81 00; Geschäftsstelle Rheine, Laugestraße 51, ' 0 59 71/40 03 80 00.

  | www.kh-st-waf.de

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Schauen wir nun noch auf das Schlagwort für alle: Digitalisierung. Was muss getan werden im Handwerk?

Frank Tischner: Keine Hochschule, keine Uni in Deutschland wird bei dem Tempo der Entwicklung mithalten können, das uns aus den USA aus dem Sillicon Valley vorgegeben wird. Das Handwerk wird bei der Entwicklung nur eine kleine Rolle spielen. Die größte und wichtigste Rolle, die wir spielen werden – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – ist, dass wir diese Entwicklungen, die Produkte, die auf den Markt kommen, dem Verbraucher näher bringen, sie in die Häuser, die Betriebe und die Autos einbauen, sie pflegen, sie warten, dass wir die Barrieren zur digitalen Zukunft abbauen und sie für den Verbraucher nutzbar machen. Das ist die Chance des Handwerks für die Zukunft.

Sie sind die Umsetzer . . .

Frank Tischner: Genau. Und ohne das Handwerk als Umsetzer wird es nicht gehen. Wir müssen uns beim Thema Digitalisierung öffnen, jeder in seinem Gewerk, in dem Bereich, in dem es ihn betrifft. Es ist doch klar, dass Digitalisierung für einen Friseur anders aussehen wird als für einen Kfz-Mechatroniker. Unsere Aufgabe als Kreishandwerkerschaft wird sein, Schulungen durchzuführen und die Mitarbeiter fit zu machen für den Umgang mit der Digitalisierung.

Abschließende Frage: Immer noch alles rosig?

Frank Tischner: Ja! Immer noch alles rosig. Es macht sehr viel Spaß, wenn man Zusammenhalt, Miteinander und Solidarität erlebt. Und wenn gewürdigt wird, was hier im Kreis Steinfurt geleistet und gelebt wird vom Handwerk auch an gesellschaftlicher Verantwortung, dann ist die Zukunft sehr rosig.

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