Hygieneampel
Klage gegen den „Pranger an der Tür“

Tecklenburger Land -

Der Mann ist sauer. Olaf Kerssen (40) ist Hotelier mit Leib und Seele. Und er ist aktiv im Vorstand des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Münsterland. 1300 Mitgliedsbetriebe – Olaf Kerssen schimpft also quasi stellvertretend für jeden einzelnen von ihnen über die Hygieneampel.

Mittwoch, 22.03.2017, 08:03 Uhr

Ganz penibel auf Sauberkeit in der Küche achten, das hat Ansgar Feltmann (langjähriger Küchenchef im Teutoburger-Wald-Hotel) immer schon gemacht. Dass er jetzt auch noch umfänglich dokumentieren und ganz genau aufschreiben muss, wann wie und wo geputzt worden ist, findet er schlicht „quatsch“.. .
Ganz penibel auf Sauberkeit in der Küche achten, das hat Ansgar Feltmann (langjähriger Küchenchef im Teutoburger-Wald-Hotel) immer schon gemacht. Dass er jetzt auch noch umfänglich dokumentieren und ganz genau aufschreiben muss, wann wie und wo geputzt worden ist, findet er schlicht „quatsch“.. . Foto: Peter Henrichmann

„Diese Hygieneampel ist ein gut gemeintes Instrument, um dem Kunden zu signalisieren, ob ein Betrieb einwandfreie Lebensmittel produziert“, sagt Kerssen . Das klingt noch grundsätzlich positiv. Darüber hinaus kann er dem auf politische Initiative im rot-grünen NRW-Koalitionsvertrag festgeschriebenen Gesetz, das Mitte Februar verabschiedet worden ist, rein gar nichts abgewinnen. „Da hat man sich was am grünen Tisch ausgedacht“, sagt Kerssen. Die Beispiele dafür, dass die Hygieneampel in die Kategorie „Unfug“ fällt, sprudeln nur so aus ihm heraus:

Wer mehr als drei gleiche Essen ausgibt, muss Rückstellproben davon aufbewahren. In dem Punktsystem der Hygieneampel kann man mit einer guten Reinigung maximal 25 Punkte holen, mit einer guten Dokumentation aber maximal 40 Punkte.

Egal, ob das baulich möglich ist, müssen drei getrennte Kühlhäuser (Molkerei, Fleisch, Gemüse) vorgehalten werden. Gelingt das nicht, wird die Ampel gelb. Obwohl alles sauber geputzt und einwandfrei ist.

Bei Befall von Ratten und Mäusen in der Küche und gut geführter Dokumentation wird die Ampel grün. Wer keine Ratten und Mäuse in der Küche hat, aber eine schlechte schriftliche Dokumentation führt, bekommt eine gelbe Ampel.

„Okay, ich guck mal brummig“, hat Olaf Kerssen, der erstens Hotelier und zweitens ehrenamtlich aktiv im Vorstand des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA ist, zum Fotografen gesagt. Beim Thema Hygiene-Ampel hätte er aber ohnehin kein Lächeln zustande bekommen: Kerssen ist stinksauer.

„Okay, ich guck mal brummig“, hat Olaf Kerssen, der erstens Hotelier und zweitens ehrenamtlich aktiv im Vorstand des Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA ist, zum Fotografen gesagt. Beim Thema Hygiene-Ampel hätte er aber ohnehin kein Lächeln zustande bekommen: Kerssen ist stinksauer. Foto: Peter Henrichmann

Das sind nur einige Beispiele, die Kerssen nennt: „Die Dokumentation ist sehr aufwendig und es wird wichtiger, das alles aufzuschreiben, als ordentlich zu putzen und zu kochen“, sagt Kerssen, „und das ist ein Quatsch, gegen den man was tun muss.“ Er befürchtet, dass „viele Betriebe, besonders die kleinen, Probleme bekommen werden, obwohl sie nichts dafür können. Das ist der Pranger an der Tür.“ Und die Übergangszeit von drei Jahren, in der Betriebe die Ampel zunächst nicht sichtbar aushängen müssen, die nutzt auch nichts: Es dürfte klar sein, dass die Kunden dort hingehen, wo die grüne Ampel hängt – und da wegbleiben, wo keine hängt, mutmaßt Kerssen.

In einem Zustand zwischen Frust und Resignation – und mit wachsendem Unmut in Richtung Politik – so sieht er die aktuelle Lage der Gastronomiebranche. Mutlos macht ihn das nicht, im Gegenteil: Olaf Kerssen kündigt eine Klage des DEHOGA gegen die NRW-Hygieneampel an. Und er ist überzeugt, dass er gewinnen wird. Denn: Es gibt schon eine Gerichtsentscheidung.

Das Oberverwaltungsgericht in Münster hat im Dezember 2016 zwei Modellprojekte in Sachen Hygieneampel gekippt. In den Städten Duisburg und Bielefeld mussten die Projekte eingestellt werden. Dennoch und im Wissen um die OVG-Entscheidung hat die Politik das Gesetz verabschiedet: „Das kann doch gar nichts werden“, sagt Kerssen. Und bereitet mit Hilfe der DEHOGA-Juristen und unter Einbeziehung externen juristischen Sachverstandes eine Musterklage gegen dieses NRW-Gesetz vor.

„Wir werden das machen, das steht schon fest“, sagt der Hotelier. Sein eigener Betrieb, das Vier-Sterne-Superior-Haus namens Teutoburger-Wald-Hotel in Brochterbeck, wird einer der zwei oder drei gemeinsam klagenden Betriebe werden. Den zuständigen Veterinär beim Kreis Steinfurt und auch den Steinfurter Landrat Dr. Klaus Effing hat er schon informiert: Die Klage richtet sich nicht gegen die Partner bei der Kontrolle, mit denen man jahrelang gut kooperiert hat, sondern gegen dieses neue System der NRW-Ampel.

Kontrolle funktioniert

„Seit Jahrzehnten schon“, schildert Olaf Kerssen, funktioniert die Kontrolle der Betriebe nach seiner Einschätzung sehr gut. Die Veterinärämter der Kreisverwaltungen sind zuständig, überprüfen die Küche, Reinigung, bauliche Situation, Lebensmittel und die Personalhygiene. Zweimal pro Jahr ist normal, bis zu sechsmal pro Jahr können die Kontrollen gehen. Es gibt ein „beratendes Verhältnis“ zwischen Amt und Gastronomen, schildert Kerssen. Mängel werden umgehend beseitigt oder sofort mit Strafen belegt und beseitigt. Die hohe Hygiene und Lebensmittelsicherheit in NRW zeigt sich laut Kerssen beispielsweise daran, dass es laut Kerssen im Jahr 2015 bei 100 000 Tests nur 40 Beanstandungen gab.

...

Olaf Kerssen rechnet damit, dass die Klage im nächsten Vierteljahr vor dem Verwaltungsgericht in Münster eingereicht werden könnte. Später steht möglicherweise noch ein Verfahren vor dem OVG in Münster an, insgesamt könnte das alles ein Jahr oder länger dauern. Die Kosten der gerichtlichen Auseinandersetzung trägt erst einmal der Verband DEHOGA, sagt Kerssen, verbessert sich aber sofort: „Es wird ausgehen wie das Hornberger Schießen. Und weil wir sicher gewinnen werden, trägt die Kosten im Endeffekt Vater Staat, also wir alle.“ Auch das ärgert ihn.

Übrigens: Damit auch die Gäste in Kerssens Hotel und Restaurant im Tecklenburger Land wissen, was für ein „Unsinn“ da aus Sicht des Hausherren getrieben wird, hat Kerssen am Haupteingang schon mal ein Plakat ausgehängt. Es ist rot und grün, Ja und Nein steht darauf. Wer‘s ansieht weiß sofort, was man von der Hygieneampel hält im Teutoburger-Wald-Hotel.

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