Tierische Einwanderer im Tecklenburger Land
Räuber aus der Fremde

Tecklenburger Land -

Ernst-August Sieck ist Vorsitzender des Hegerings Lengerich – und als solcher ein Kenner der heimischen Tierwelt. Vor Kurzem musste er in der Dunkelheit besonders genau hinschauen, um sicherzugehen: Es war ein Waschbär, den er erspäht hatte. Einer jener Einwanderer im Tierreich, die durchaus Anlass zur Sorge geben.

Montag, 03.04.2017, 18:04 Uhr

Der Waschbär hat es unter anderem auf Vogeleier abgesehen.
Der Waschbär hat es unter anderem auf Vogeleier abgesehen. Foto: dpa

Es war dunkel, deshalb war sich Ernst-August Sieck auf Anhieb nicht ganz sicher. Also fuhr der Vorsitzende des Hegerings Lengerich mit seinem Wagen noch einmal zurück, um sich zu vergewissern. „Direkt neben der Fahrbahn saß der Waschbär “, berichtet der Jäger von seiner Beobachtung. Gemacht hat er sie vergangene Woche auf der Hohner Straße nahe der Grenze zu Kattenvenne. Was macht der possierliche Säuger, der eigentlich in Nordamerika beheimatet ist, im Tecklenburger Land ?

Eine ganze Reihe tierischer Einwanderer

Diese Frage könnte man auch beim Marderhund stellen, bei Mink (amerikanischer Nerz), Bisam und Sumpfbiber (Nutria), Kanada- und Nilgans. Inzwischen gibt es eine Reihe tierischer Einwanderer (Fachausdruck Neozoen) in der Region, deren ursprünglicher Lebensraum weit weg in anderen Gegenden des Erdballs liegt. Naturschützer und Jäger beobachten diese Entwicklung genau.

Ein Marderhund

Ein Marderhund Foto: dpa

Um einen Eindruck von der Dimension zu bekommen, die dieses Thema mittlerweile hat, reicht ein Blick in die Jagdstrecken-Statistik des NRW-Umweltministeriums: Für 2015/2016 werden dort mehr als 10 000 Waschbären aufgeführt, über 5600 Kanada-Gänse, rund 8800 Nilgänse, fast 8600 Nutrias und circa 3000 Bisams. Allein beim Marderhund (76) und beim Mink (vier) sind die Zahlen gering.

Was das mit der heimischen Tierwelt macht

Walter Galisch kennt sich in Sachen Waschbär und Co. bestens aus. Von Beruf ist er Tierpräparator, in Osnabrück leitet er zudem Kurse für angehende Jäger. In Lengerich hat er vor einiger Zeit beim Hegering einen Vortrag über die Fauna-Neubürger gehalten. Bei den Gänsen sieht er die geringsten Probleme, verweist darauf, dass manche recht aggressiv sein könnten. Anders sieht es schon bei Sumpfbiber und Bisam aus, die durch ihre Buddelei Schäden beispielsweise an Deichen hinterlassen. Besonders kritisch für die heimische Tierwelt sieht Galisch Marderhund, Mink und Waschbär. Die seien nicht zuletzt für Bodenbrüter wie Kiebitz, Uferschnepfe und Brachvogel eine große Gefahr.

Bestätigt wird diese Einschätzung von Robert Tüllinghoff. Der stellvertretende Leiter der Biologischen Station Kreis Steinfurt (Tecklenburg) erzählt, dass ein Marderhund 2016 in Wersen/Halen beobachtet worden sei, ansonsten aber davon ausgegangen werde, dass er noch sehr selten im Tecklenburger Land sei.

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Mit Kameras den Tieren auf der Spur 

Beim Waschbär ist die Situation komplizierter. Es gebe inzwischen den Verdacht, dass einige der Tiere in der Region beheimatet seien und Gelege von ihnen ausgeräubert wurden. Um Genaueres zu erfahren, sollen in Naturschutzgebieten nun Kameras aufgestellt werden. Möglich sei schließlich auch, dass der Fuchs oder der Steinmarder am Werk waren und nicht die possierlichen Tierchen mit den Kulleraugen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, müsse über Gegenmaßnahmen nachgedacht werden. Gespräche mit Jägern seien dann auch zu führen, so Tüllinghoff.

Der Mensch als Ursache

Wie kommen Tiere, deren natürlicher Lebensraum fern von Deutschland liegt, hierher? Beim Waschbär ist das bestens dokumentiert. In den 1920/30er Jahren wurden Exemplare importiert, um als Pelzlieferanten zu dienen. 1934 wurden einige dann bei Kassel ausgesetzt. Danach breiteten sie sich rasch aus. Auch der aus Ostasien stammende Marderhund ist als Pelzlieferant durch den Menschen „eingeschleppt“ worden. Geschossen wurde das erste freilebende Exemplar 1962 bei Osnabrück. Die Nilgans wiederum soll über Großbritannien, wo sie seit dem 18. Jahrhundert als Ziervögel gehalten wurde, eingewandert sein.

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Waschbären bald Plagegeister?

Ernst-August Sieck glaubt derweil, dass die Neueinwanderer den Hegering Lengerich in Zukunft verstärkt beschäftigen werden. Beim Marderhund sorgt er sich vor allem, dass der die Räude übertragen könnte, eine hochansteckende Hautkrankheit. Es gehe aber zum Beispiel auch um den Schutz von Brachvögeln im Bereich Hohne/Ringel, sagt der Vorsitzende. Er rechne zudem damit, dass Waschbären im Bereich des Teuto zu Plagegeistern im Siedlungsbereich werden – etwa in Gärten und auf Dachböden oder beim Durchstöbern des Mülls bei der Nahrungssuche. Die intelligenten Tiere, so seine Einschätzung, „machen viel Blödsinn“.

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