Flüchtlingshilfe
Unendlich dankbar und glücklich

Lotte -

Mohamed Abd Al Kader stehen Tränen in den Augen. Das Glück ist kaum zu fassen. Nach zwei Jahren der Trennung kann er seine Frau und die vier Kinder endlich in die Arme schließen. Vergangenen Freitag durften sie aus dem Libanon ausreisen.

Mittwoch, 03.05.2017, 16:05 Uhr

Mohamed Abd Alkader (Dritter von links) ist glücklich: Nach zwei Jahren sind seine Frau und die vier Kinder endlich bei ihm.
Mohamed Abd Alkader (Dritter von links) ist glücklich: Nach zwei Jahren sind seine Frau und die vier Kinder endlich bei ihm. Foto: Jessica von den Benken

Seit zwei Jahren lebt der 34-jährige Syrer allein in einer Flüchtlingsunterkunft in Lotte. Eine Kugel steckt in seinem Kopf. Er ist blind, auf fremde Hilfe angewiesen. Seine Frau und seine Kinder stecken nach der Flucht aus Syrien im Libanon fest.

Die Odyssee der Familie begann 2012. Tischler Mohamed Abd Al Kader , seine schwangere Frau Nelli und die älteste Tochter Rama – damals gerade ein Jahr alt – flüchten Hals über Kopf aus ihrem Haus. Assads Truppen und Milizen lieferten sich mit den Rebellen einen erbitterten Kampf um ihre Heimatstadt Homs. „Zeit, viel nachzudenken, hatten wir nicht“, erinnert sich Mohamed. „Wir mussten weg. Es war kein Geheimnis: Ich war schon immer gegen Assad. Wir waren in großer Gefahr.“ Die Familie habe in Eile die nötigsten Sachen gepackt, sei zum Auto gelaufen. Mohamed mit Rama auf dem Arm. Dann trifft ihn eine Kugel in den Kopf. Der junge Vater bricht zusammen. Nur mithilfe des Roten Kreuzes schaffen es Nelli, ihr lebensgefährlich verletzter Mann und die kleine Tochter in den Libanon. Dort kämpfen Ärzte zwei Monate lang um sein Leben.

Als Mohamed nach acht Wochen aus dem Koma erwacht, ist er blind. Die Kugel steckt immer noch in seinem Kopf. Libanesische Ärzte raten ihm, nach Europa zu gehen. Dort könne man helfen. Gemeinsam kann die Familie jedoch nicht reisen. Das Geld ist zu knapp. Mohamed bleibt. Die Familie wächst. Sohn Yazan kommt 2012 zur Welt, Zain al Abdin im Frühjahr 2014. Dann gerät Mohamed in Gefangenschaft, wird gefoltert und misshandelt. „Einen Fuß haben sie mir gebrochen“, erzählt er. Der libanesische Geheimdienst habe ihn unter Terrorverdacht gestellt. Nach fünf Monaten Haft kommt er frei. Sofort ist klar: Er muss das Land verlassen. Allein macht er sich auf den Weg nach Europa – über das Mittelmeer, entlang der Balkanroute. Im Sommer 2015 erreicht er Lotte. Seine Frau ist zu der Zeit mit dem vierten Kind schwanger. „Als ich gehen musste, habe ich mein Herz bei meiner Familie gelassen“, sagt Mohamed.

In Lotte angekommen, kümmern sich Jenny Nitzsche und Marko Eschelbach aus Osnabrück um den syrischen Flüchtling. Über Frank Negrassus, Flüchtlingsbetreuer der Gemeinde Lotte, sei der Kontakt entstanden. „Auch für uns war es eine Herausforderung. Mohamed braucht besondere Hilfe. Er hatte ja nie gelernt, blind zu leben“, erklärt Jenny. Der Asylantrag wurde gestellt, Blindengeld beantragt. „Fast hätten wir es geschafft, eine selbst erblindete muslimische Deutschlehrerin für Mohamed zu organisieren“, so Marko. Leider sei dieses Vorhaben an den Kosten gescheitert. Kein Amt will die Lehrerin bezahlen. Bis heute spricht Mohamed kein Wort Deutsch, gilt als arbeitsunfähig. Lebensumstände, die in der Unterkunft in Wersen auch für Konflikte sorgen. Dazu die ständige Sehnsucht nach seiner Familie.

Jetzt sind endlich alle vereint. Doch auch die Familienzusammenführung war kein Kinderspiel. „Wir haben uns die Finger wund telefoniert“, erinnert sich Jenny. Bei allen zuständigen Ämtern und Botschaften habe sie auf die Schwere des Falls hingewiesen. „Ein blinder Mann braucht seine Familie.“ Doch Mohamed ist im gesamten Verwaltungsapparat nur einer von vielen. Nach zwei Jahren Mitte April dann der Lichtblick. Das deutsche Konsulat in Beirut stellt für Nelli und die vier Kinder Visa aus – doch Geld für eine Ausreise hat die junge Mutter nicht. Kurzentschlossen buchen Jenny und Marko die Tickets für die Familie, finanzieren die Zusammenführung aus eigener Tasche. Doch als sie am 14. April Mutter und Kinder in Düsseldorf am Flughafen abholen wollen, warten sie mit Mohamed vergebens. Die libanesische Zollbehörde ließ die beiden älteren Kinder nicht ausreisen.

Neue Papiere für die Großen müssen besorgt werden. 3000 Dollar kosten die Unterlagen und neue Flugtickets für fünf Personen werden gebraucht. „Wir haben nicht lange überlegt, die Zeit drängte, sonst wären die Visa abgelaufen“, erklärt Marko. Etwa 5200 Euro – ein Teil davon durch Spenden zusammengekommen – haben die beiden in die Hand genommen und alles in die Wege geleitet. „Wir sind sehr bewegt, wie viele Menschen uns spontan Geld gespendet haben, damit wir die Familie wieder vereinen können“, freuen sich Jenny und Marko.

Seit vergangenem Freitag ist die Familie wieder vereint. „Jetzt ist mein Herz wieder bei mir“, freut sich Mohamed. Er wischt sich Tränen aus dem Gesicht und küsst liebevoll seine Kinder. Seiner Frau Nelli sieht man die Strapazen der letzten Jahre noch an. Doch auch sie ist glücklich, nun in Lotte zu sein. Jetzt heißt es: Fuß fassen. „Wir suchen dringend eine Wohnung für die beiden“, betont Jenny. Die Kinder müssen in den Kindergarten und die Schule, Mohamed muss irgendwie Deutsch lernen.

Unendlich dankbar ist die sechsköpfige Familie ihren ehrenamtlichen Helfern. Denn ohne ihre selbstlose Unterstützung wären Mohamed, Nelli und die Kinder sicher heute noch getrennt – wie viele andere Flüchtlingsfamilien auch.

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