Frauentreff im Gemeindehaus
Über Vergebung nach einem Völkermord

Lotte -

Von ihrer Reise durch Ruanda hat Annette Salomo jetzt im Frauentreff erzählt. Die Ereignisse in Zusammenhang mit dem Völkermord 1994 haben bis heute spürbare Auswirkungen in dem afrikanischen Land.

Donnerstag, 20.04.2017, 20:04 Uhr

Von ihrer Reise hat Annette Salomo ein Kleid aus Batikstoff nach ruandisch-traditioneller Mode mitgebracht.
Von ihrer Reise hat Annette Salomo ein Kleid aus Batikstoff nach ruandisch-traditioneller Mode mitgebracht. Foto: Jannik Zeiser

Annette Salomo hat beim Frauentreff im evangelischen Gemeindehaus Arche von ihrer Reise durch den zentralafrikanischen Staat Ruanda berichtet. Sie gab am Mittwoch einen Einblick in Kultur, Geschichte und Menschen des Landes.

Anlass von Salomos Reise war die Vollversammlung der Vereinten Evangelischen Missionen, an der sie als Delegierte der Westfälischen Landeskirche teilnahm. Gastgeber waren die Presbyterianische und die Anglikanische Kirche in Ruanda. Die Tage vor der Versammlung nutzte Annette Salomo, um kirchliche Projekte und Einrichtungen im ganzen Land zu besuchen; dabei sammelte sie Eindrücke, die vielen touristischen Besuchern verschlossen bleiben, erzählte sie.

Schon der erste oberflächliche Blick sei überraschend gewesen, so Salomo: Ruanda habe etwa die Größe des Bundeslandes Brandenburg und sei mit über 12 Millionen Einwohnern sehr dicht besiedelt – ungefähr fünfmal dichter als Brandenburg. Dabei sei das Land jedoch überaus gepflegt und sauber. Diese Sauberkeit sei staatlich verordnet und werde streng durchgesetzt, erläuterte Salomo.

Zur gesellschaftlichen Stellung der Frau berichtete sie, dass es noch große Missstände gebe. Während es den Frauen zukomme, für Gesundheit und Erziehung der Kinder zu sorgen, seien sie oft benachteiligt. So würden junge unverheiratete Mütter oft von den Familien verstoßen und könnten dann etwa bei kirchlichen Projekten auf Unterstützung hoffen.

Eine weitere Besonderheit ist die hohe Lage Ruandas: Das gesamte Land liegt auf mindestens 1500 Metern Höhe. Dadurch ist das Klima recht mild und selten sehr heiß. „Nur an einem Tag habe ich einen wolkenfreien Himmel erlebt, wo die Temperaturen dann gleich über 30 Grad gestiegen sind.“

Die jüngste Geschichte des Landes ist von einem grausamen Völkermord geprägt: 1994 kam es zu einem Massaker der Volksgruppe der Hutus an der Minderheit der Tutsi. Über 800 000 Menschen wurden dabei getötet. Dem Genozid ging eine perfide Propaganda gegen die Tutsi voraus; „Man kann sich das wohl ähnlich vorstellen wie die Hetze gegen Juden während der Nazizeit“, sagte Salomo. Bis 1962 hat Ruanda unter belgischer Kolonialherrschaft gestanden. Die Kolonialherren hatten eine rassistische Trennung der eigentlich eng zusammenlebenden Volksstämme befördert und dabei die Tutsi bevorzugt.

„Täter und Opfer fanden sich oft sogar in den gleichen Familien“, erläuterte Annette Salomo. In allen sozialen Schichten und Gemeinschaften seien sowohl Täter als auch Opfer zu finden. Das Land habe eine beispiellose Versöhnungsbewegung gestartet, unterstützt auch durch kirchliche Einrichtungen – anders sei keine gemeinsame Zukunft möglich gewesen. Salomo hat ein Versöhnungstreffen erlebt, und dabei beobachtet, wie Täter und Opfer an einem Tisch saßen und die Vergangenheit aufgearbeitet haben. Dabei habe sie erlebt, wie eine Frau von der Ermordung ihres Mannes und ihrer drei Kinder erzählt habe – während der Täter ihr gegenüber saß. „Ich habe noch nie so sehr um die Frage gerungen, was es bedeutet, zu vergeben. Das hat mir wirklich die Sprache verschlagen.“

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