Praxis Dialog unter neuer Leitung
Pionier tritt ins letzte Glied zurück

Westerkappeln/Lotte -

Für Neubauprojekte sind am Ende Schlüsselübergaben gemeinhin üblich. Obwohl er nicht einen einzigen Stein versetzt hat, bedient sich Karl-Heinz Homburg dieser Symbolik jetzt aber gerne. Denn der 64-Jährige, der Pionierarbeit auf dem Gebiet der Logopädie in Westerkappeln geleistet hat, will nicht länger Hausherr in der von ihm gegründeten Praxis Dialog sein. Er tritt ins letzte Glied zurück.

Freitag, 12.01.2018, 16:01 Uhr

Die Schlüsselgewalt für die Praxis Dialog hat Karl-Heinz Homburg jetzt an Alexandra von der Heide, Ann-Christin Jasper, Sabine Traeger und André Hermann (von links) übergeben. Homburg wird aber weiter mit Gudrun Lüpping (ganz links) den Förderzentrum Dialog e.V. leiten. Seine Therapiehündin „Sally“ bleibe ebenfalls da, wenn und wo sie gebraucht werde.
Die Schlüsselgewalt für die Praxis Dialog hat Karl-Heinz Homburg jetzt an Alexandra von der Heide, Ann-Christin Jasper, Sabine Traeger und André Hermann (von links) übergeben. Homburg wird aber weiter mit Gudrun Lüpping (ganz links) den Förderzentrum Dialog e.V. leiten. Seine Therapiehündin „Sally“ bleibe ebenfalls da, wenn und wo sie gebraucht werde. Foto: Frank Klausmeyer

Ein rechtlich durchaus bedeutsamer Schritt, der für die Patienten und Klienten der Praxis jedoch keine Veränderungen bedeutet. „Es bleibt alles, wie es ist“, betonen die jetzt Verantwortlichen unisono.

Homburg hat auf seinem Fachgebiet Pionierarbeit in Westerkappeln geleistet. Am 1. März 1999 eröffnete er an der Alten Poststraße 2 seine Logopädie-Praxis und das Förderzentrum Motopädie für Bewegungstherapien. „Als ich angefangen habe, kannte das keiner“, blickt er schmunzelnd zurück. Der Kreis Steinfurt wollte seinerzeit die Sprachförderstellen in den Schulen abbauen. „Das hat die Zulassung erleichtert“, erläutert der staatlich anerkannte Logopäde und Erzieher.

Obwohl seitdem in vielen Orten zahlreiche neue Anbieter für Logopädie und Ergotherapie in den Markt getreten sind, ist die Praxis Dialog in Westerkappeln weiter alleiniger Platzhirsch. „Für Mitbewerber sind wir zu dominant“, meint Homburg. Das liege vor allem am vielfältigen Angebot. In der Praxis Dialog haben sich die Fachbereiche interdisziplinäre und heilpädagogische Frühförderung, Motopädie, Logopädie, Ergotherapie, Lerntherapie und Psychotherapie mit den Jahren unter einem Dach vereint. Durch dieses Ineinandergreifen könnten durch die umfangreiche fächerübergreifende Arbeit Beeinträchtigungen und Bedrohungen gezielt erkannt und behandelt werden, ohne wichtige Zeit zu verlieren, heißt es dazu auf der Homepage.

Das Therapiezentrum ist heute ein mittelständisches Unternehmen, in dem ein Team von rund 20 Fachleuten Hunderte kleine und große Patienten und Klienten aus Westerkappeln und Umgebung behandelt. Der Einzugsbereich reicht bis nach Mettingen, Recke, Bramsche und Osnabrück. Vor knapp vier Jahren wurde an der Alt-Lotter Bahnhofstraße eine Zweigstelle eröffnet.

Unter den gleichen Adressen findet sich auch das Förderzentrum Dialog – ein eingetragener Verein –, der insbesondere pädagogische, soziale, medizinische und psychologische Hilfen der frühen Entwicklungsförderung für Kinder im Alter bis zu sechs Jahren bietet. Der Verein ist auch anerkannter freier Träger der Jugendhilfe, Demenz-Beratungsstelle, unterstützt Schlaganfall-Patienten oder bietet – in Alt-Lotte – Reha-Sport für Parkinson-Erkrankte an.

„Ich habe auch die Behindertensportabteilung im THC gegründet“, sagt Homburg nicht ohne Stolz. Mit dem Haus der Diakonie nehmen der Verein und die Praxis Dialog an dem Projekt des Landessportbundes „Sport für Menschen mit Demenz“ teil. „Das Gesamtkonzept von der Frühförderung bis zur Altersdemenz muss man schon suchen“, hebt Homburg die Einzigartigkeit der fächerübergreifend arbeitenden Praxis in der Region hervor.

„Weil die Probleme komplexer geworden sind, ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit hier umso wichtiger und angenehmer“, betont auch Gudrun Lüpping , stellvertretende Vorsitzende des Förderzentrums Dialog.

Homburg hat also eine Menge aufgebaut – im Team, wie er unterstreicht. Deshalb fällt es ihm auch nicht schwer, Verantwortung an die Kollegen abzugeben. Der „Führungswechsel“ gestaltet sich so: Die Logopädie, die Homburg seit 2005 zusammen mit Alexandra von der Heide als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) betrieben hat, wird seit dem 1. Januar in gleicher Rechtsform von den Logopädinnen Sabine Traeger, Ann-Christin Jasper und Alexandra von der Heide getragen. Die Praxis für Ergotherapie ist aus der GbR entlassen worden. Die Leitung hat André Heermann in privatrechtlicher Form übernommen.

Karl-Heinz Homburg verabschiedet sich nicht ganz, tritt aber „ins letzte Glied zurück“, wie er es nennt. Als angestellter Logopäde bleibt er im Haus – „mit abbauender Wirkung“, sagt der 64-Jährige. Dem Förderzentrum Dialog e.V. will er aber vorerst als Vorsitzender erhalten bleiben.

Die Arbeit scheint den Therapeuten in Zukunft jedenfalls nicht auszugehen. „Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, wonach die sozial-ökonomischen Veränderungen dazu führen, dass immer mehr Kinder Probleme haben“, erläutert Homburg. Beispiel: Wo beide Eltern voll berufstätig seien, fehle es in der Familie nicht selten an der frühkindlichen Förderung. Der Anteil der Kinder, die Sprachförderung benötigten, liege in jedem Jahrgang bei 10 bis 15 Prozent. Einher gingen die sprachlichen Defizite häufig mit therapiewürdigen Begleiterscheinungen wie fehlendes Selbstvertrauen, Verhaltensstörungen und motorischen Defiziten.

„Riesigen Bedarf“ sieht Ergotherapeut André Hermann bei der Beratung von Angehörigen Demenzerkrankter. Das wird immer noch gerne tabuisiert.“ Was Homburg sich für die Zukunft wünschen würde, wäre eine intensivere Zusammenarbeit mit den Schulen. „Das sind leider immer noch recht geschlossene Systeme.“

Auch wenn sich im Arbeitsalltag und der Teamstruktur gar nichts geändert hat, mussten die Praxis für Logopädie und die für Ergotherapie noch einmal die Zulassungen beantragen – „und das für beide Standorte und für vier Zulassungsstellen der Krankenkassen“, wie Hermann kopfschüttelnd berichtet. Qualifikationen und Führungszeugnisse der Mitarbeiter mussten beigebracht, alle Räumlichkeiten noch einmal abgenommen werden. „Es wurde so getan, als wenn alles auf Null stünde.“

Apropos Räume: Auch wenn die verwinkelten Zimmer im Haus an der Alten Poststraße die Atmosphäre der Siebziger Jahre versprühen, denkt keiner der neuen Chefs an einen Umzug. „Gerade das Verbaute hat einen Charme, den die Leute mögen“, ist Gudrun Lüpping, stellvertretende Vorsitzende des Förderzentrums Dialog, überzeugt.

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