MGV Wersen
Von Purcell bis Bob Dylan

Lotte-Wersen -

Im Saal der Vereinsgaststätte Hollenberg dirigiert Chorleiterin Valentina Schneider an diesem Abend freundlich, aber bestimmt 18 Herren – Durchschnittsalter nach Angaben des Vorsitzenden Friedhelm Pösse 75 Jahre. Konzentriert studieren sie Henry Purcells „Lobt den Herrn der Welt“, eine nach Jeremiah Clarkes Bläserkomposition „Trumpet Voluntary“ für Chöre bearbeitete Partitur, ein.

Samstag, 29.09.2018, 07:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 29.09.2018, 07:00 Uhr
Volle Konzentration: Die Sänger des MGV Wersen bereiten sich unter der Leitung von Valentina Schneider derzeit fleißig auf das große Konzert zum 90-jährigen Bestehen des Chores am 11. November vor.
Volle Konzentration: Die Sänger des MGV Wersen bereiten sich unter der Leitung von Valentina Schneider derzeit fleißig auf das große Konzert zum 90-jährigen Bestehen des Chores am 11. November vor. Foto: Angelika Hitzke

Am Klavier gibt sie den Ton vor; Handzeichen signalisieren den Einsatz von Tenor, erstem und zweitem Bass oder allen Stimmen zusammen. Kleine Korrekturanweisungen („ ,... alle Zeit‘ – rauf, nicht runter“) unterbrechen den Gesang nur kurz. Schon geht es weiter mit der Vorbereitung des großen Jubiläumskonzerts, mit dem der Männerchor am 11. November in der Dorfkirche Wersen sein 90-jähriges Bestehen feiern wird.

Natürlich nicht allein, sondern mit Gästen und Solisten und einem hochkarätigen musikalischen Programm aus kirchlichen und weltlichen Chorsätzen, die von klassischen Chorälen über Melodien aus Oper und Operette bis zu Filmmusik und Songs von Bob Dylan oder Reinhard Mey reicht. Mit dabei sind neben 16 bis 17 Sängern des ebenfalls von Valentina Schneider geleiteten MGV Nahne, die den Wersener MGV dann im Stimmvolumen verstärken, die Kantorei und der Posaunenchor Wersen sowie die Sopranistin Helen Katja Rothfuss, der Pianist Andreas Liebrecht, der auch eigene Kompositionen beisteuert, der Trompeter Wolfgang Amelingmeyer und Franz-Josef Schlie an der Orgel.

Der ehemalige Schulleiter aus Westerkappeln kam 2009 nach der Auflösung des MGV Westerkappeln mit zehn Sängern zum Wersener Männerchor und gehört wie Wolfgang Beiderwellen zum Vorstand. Gemeinsam mit Friedhelm Pösse und Valentina Schneider plaudern sie vor der Probe aus dem Nähkästchen, erzählen, wie sie zum Chorgesang kamen, wie das Repertoire zustande kommt und warum es so schwierig ist, Nachwuchs zu gewinnen. „Die halten uns alle für antiquiert“, sagt Pösse, „dabei singen wir schon lange nicht mehr Volkslieder wie ,Am Brunnen vor dem Tore‘“, ein Lied, das er als „Abwehrlied“ bezeichnet.

Friedhelm Pösse ist seit seinem 20. Lebensjahr Chorsänger, zuerst in seinem Heimatort Venne, wo mit Onkeln und Brüdern allein sechs Mitglieder seiner Familie im dortigen MGV sangen, und seit 1977 in Wersen. „Bei uns zu Hause haben die Männer bei Geburtstagen und Familienfeiern gesungen, die Tanten haben Klampfe gespielt und ich hatte eine Ziehharmonika“, erinnert er sich.

War der Vater im Chor oder im Schützenverein, trat der Sohn meist in seine Fußstapfen, erzählen auch Schlie und Beiderwellen, ebenfalls seit Jahrzehnten aktive Sänger. Wolfgang Beiderwellen trat schon mit 18 in den MGV Wersen ein und ist jetzt seit 45 Jahren dabei. „Das Image ist nicht positiv“, weiß Franz-Josef Schlie und verweist darauf, dass allein im vergangenen Jahr 50 Männergesangvereine in Nordrhein-Westfalen aufgegeben hätten.

Dabei, so berichtet Friedhelm Pösse, haben die Wersener Sänger immer fleißig die Werbetrommel gerührt. „Wir haben auch Kontakt mit den Schulen gesucht – aber nicht gefunden“, bedauert er und meint, dass Musik als Fach heute keine große Rolle mehr spiele. „Es gibt Grundschulen, da wird kaum noch gesungen“, sagt auch Schlie. Und die Jugendlichen hätten heute andere Interessen und keine Lust mehr, sich an einen Verein zu binden.

Andererseits sieht Valentina Schneider durchaus positive Ansätze. Junge Chöre boomen, auch Spezialchöre wie Gospel- oder Shantychöre und Projektchöre. Schlie räumt ein: „Es ist generell zu beobachten, dass die Lust am Singen wieder zunimmt. An der Gesamtschule gibt es eine Pop-Musik-AG, da kann sich was entwickeln.“

Wie wäre es denn mit Änderungen am Repertoire? Wer sucht aus, welche Lieder gesungen werden? Könnten nicht jazzig angehauchte Schlager wie von den Comedian Harmonists aus der Gründerzeit des MGV, den 20er- Jahren, für Pep und Interesse bei jüngeren Sängern sorgen? „Fürs Repertoire zuständig ist die Chorleiterin. Das stimmt sie aber alles mit dem Vorstand ab“, so Pösse. „Wir sind für alles offen und singen nicht nur klassische Männerchorsätze“, sagt Schlie und verweist auf Musical- und Operettenmelodien, Chansons von Reinhard Mey und Udo Jürgens oder Songs von Bob Dylan.

Jazz allerdings, sagt Valentina Schneider, sei nicht nur rhythmisch zu schwierig. „Nicht nur die Quantität wird mit zunehmendem Alter zum Problem, auch die Qualität“, erklärt Pösse. Mit 80 habe man einfach nicht mehr das Lungen- und Stimmvolumen wie mit 20 oder 40 Jahren.

Hinzu kommen Zipperlein, die dazu führen, dass von den 21 Aktiven nicht immer alle an jedem Übungsabend teilnehmen können: „Im Schnitt sind wir so 16, 17 Sänger.“ Erster und zweiter Bass sind noch gut besetzt, aber: „Tenöre können wir noch gebrauchen“, betont Valentina Schneider. Zu den Übungsabenden mittwochs bei Hollenberg ist jeder willkommen. „Man muss auch nicht vorsingen“, sagt Pösse, nicht einmal Noten lesen können. Obwohl das natürlich von Vorteil wäre.

In der Regel dauern die Proben, die in der Sommerzeit um 19.30 Uhr und im Winter um 19 Uhr beginnen, etwa zwei Stunden mit einer halbstündigen Pause. Hinterher wird noch an der Theke geklönt, denn „Geselligkeit gehört auch dazu“, wie Pösse erklärt.

Obwohl es bis zum großen Konzert noch etliche Wochen hin ist, hört sich ihr neu einstudiertes Purcell-Stück für den Laien schon richtig gut an. „Unsere Chorleiterin legt Wert darauf, dass wir nur das singen, was wir auch können“, erklärt Friedhelm Pösse. „Wir müssen noch ein bisschen dran feilen, aber es läuft“, sagt Franz-Josef Schlie. Und der Text des sakralen Klassikers ist immer noch aktuell: „Lass die Herrscher unsrer Tage guten Willens sein, lass sie guten Willens sein, lass ihr Wirken unsre Welt von Hass und Streit befrei’n“.

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