Diskussion über Zahnspangen
Sinnvoll oder schädlich?

Westerkappeln/Tecklenburger -

Es gibt sie in einer festsitzenden Variante und zum Herausnehmen, mit Glitzer und in der Wunschfarbe: Eine Zahnspange trägt in Deutschland jeder zweite Jugendliche, oft viele Jahre lang. Ob das immer sinnvoll ist, darüber wird seit Kurzem öffentlich diskutiert.

Donnerstag, 24.01.2019, 17:00 Uhr

Den Anstoß dazu gegeben hat ein Gutachten, das das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gab, nachdem der Bundesrechnungshof erhebliche Missstände in der Kieferorthopädie angeprangert hatte.

Viele Eltern fragten sich in der Folge, ob ihr Kind möglicherweise eine Spange verpasst bekommen hat, die nichts bringt. Oder die im schlimmsten Fall sogar schädlich für die Zahngesundheit ist. Zahnärzte und Kieferorthopäden vor Ort raten zur Besonnenheit. Ob eine Krankenkasse die Kosten für eine Behandlung übernimmt, sei ziemlich eindeutig geregelt. Zugleich räumen sie aber auch ein, dass bis heute keine seriösen wissenschaftlichen Studien vorliegen, die belegen, dass Zahnspangen zum Beispiel Krankheiten verhindern können.

Oftmals sind klaffende Zahnlücken, schiefe Schneidezähne oder ein Überbiss der Grund für einen Termin bei einem Kieferorthopäden. Um das Gebiss wieder in Form zu bringen, fertigt dieser heutzutage meist eine Zahnspange. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: „Ob die Krankenkasse eine Behandlung bezahlt, regeln die sogenannten Kieferorthopädischen Indikationsgruppen“, betont Dr. Frank Birkelbach, Kieferorthopäde aus Lengerich. In den Gruppen wird beschrieben, wie schwer eine Fehlstellung ist. Kategorie eins ist demnach eine leichte Ausprägung einer Fehlstellung und Kategorie fünf die stärkstmögliche.

Ragen die oberen Schneidezähne zum Beispiel mehr als sechs Millimeter vor die unteren, liegt eine Fehlstellung in Kategorie vier vor, erläutert Birkelbach. Ist das Kind nicht älter als 18 Jahre, würde die Gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Behandlung von Fehlstellungen der Kategorien drei bis fünf auch übernehmen.

So weit so gut. Der Lengericher Kieferorthopäde räumt aber zugleich ein, dass bis heute eine Studie mit hoher Evidenz zu Wirksamkeit, Nutzen und Notwendigkeit fehlt. Denkbar wäre, dass dafür eine sehr große Gruppe von Patienten, die eine Zahnspange tragen, mit unbehandelten Menschen verglichen wird. „Nach vielleicht 30 Jahren würde die Zahngesundheit der jeweiligen Probanden analysiert, um eine Aussage darüber zu treffen, ob die Patienten mit Zahnspange tatsächlich besser gefahren sind“, skizziert Birkelbach ein mögliches Studien-Design.

Nach Überzeugung des Lengericher Zahnarztes Rolf Eilers sollten Fehlstellungen der Zähne trotz Fehlens einer Langzeitstudie behandelt werden, um Folgeschäden zu vermeiden. Ohne Korrektur drohten womöglich Karies, Parodontitis oder Kiefergelenksprobleme, betont er. Häufig geben aber auch optische oder soziale Gründe – vor allem die Angst, gehänselt zu werden – den Ausschlag für eine Behandlung. Ob ein krumm stehender Zahn zurecht gerückt werden muss, wagt aber auch Eilers zu bezweifeln. „Da ist sicherlich irgendwann eine Grenze erreicht.“

Auch der Westerkappelner Zahnarzt Dr. Helge Schwartz zeigt sich überzeugt vom Nutzen der Klammern. Bei der Indikation Fehlstellung, sagt er, „geht es nicht um Kosmetik, sondern um funktionelle Störungen“. Diese könnten sich unter Umständen auf den ganzen Körper auswirken und zum Beispiel zu muskulären Problemen führen. „Wenn jemand beschwerdefrei ist nach einer kieferorthopädischen Behandlung, dann stellt sich doch die Frage, ob er dies auch ohne die Therapie gewesen wäre“, bringt der Zahnarzt die Diskussion auf den Punkt.

Hilmar Kerk, Zahnarzt aus Lengerich und Sprecher der Bezirksstelle Tecklenburg von Kassenzahnärztlicher Vereinigung und Zahnärztekammer, weiß darauf eine klare Antwort: „Die Patienten, die sich bei einer entsprechenden Indikation nicht kieferorthopädisch behandeln lassen, sitzen später mit Zahnschmerzen bei mir auf dem Stuhl.“

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