Profiler Axel Petermann zu Gast in Wersens „Kuchenwerkstatt“
Zu viel Nähe trübt den Blick

Lotte-Wersen -

Was hat einen Mörder zur Tat getrieben? Sich bei vermeintlich ausrecherchierten Kriminalfällen in die Psyche von Mördern hineinzuversetzen ist Sisyphusarbeit. Mit Berichten darüber ließ der bekannteste und erfahrenste Profiler Deutschlands, Axel Petermann, Gänsehautgefühl in Wersens „Kuchenwerkstatt“ entstehen.

Montag, 29.04.2019, 18:06 Uhr aktualisiert: 29.04.2019, 18:18 Uhr
„Was soll ich hineinschreiben?“ fragt Axel Petermann in Wersens „Kuchenwerkstatt“, bevor er die goldene Feder des Füllers ansetzt.
„Was soll ich hineinschreiben?“ fragt Axel Petermann in Wersens „Kuchenwerkstatt“, bevor er die goldene Feder des Füllers ansetzt. Foto: Ursula Holtgrewe

Der Tatort-Drehbuchautor und Fachberater bei Fernsehsendern erhielt die ungeteilte Aufmerksamkeit, als er von blutigen Ereignissen und vertuschen Kapitalverbrechen berichtete. Und davon, dass immer wieder Kleinigkeiten helfen, Delikte aufzuklären. „Was macht eigentlich das Schwein hier?“, fragte Axel Petermann unvermittelt. Es spielte später eine Hauptrolle.

Eher zufällig landete Axel Petermann vor rund 50 Jahren der Polizei. Er umging die Wehrpflicht, weil er sich für 18 Monate zur Bremer Bereitschaftspolizei meldet. Es wurde berufslebenslänglich draus. An der Landespolizeischule entdeckte er sein Interesse an rechtlichen Themen. Der Nerv, Rätsel rund um Verbrechen lösen zu wollen, sei getroffen worden, berichtete Axel Petermann.

Der junge Polizist ließ sich in der Mordkommission zum Kommissar ausbilden. „Ich wollte wissen: Was treibt die Menschen an, sich am Tatort so zu verhalten, wie sie es im Umgang mit den Opfern tun“, beschrieb Petermann den Grund, weshalb er sich in Amerika Fachkunde als Fallanalytiker aneignete. Dort vermittelte ihm der Österreicher Thomas Müller was Profiling beinhaltet: sich ins Täterumfeld, dessen Einflüsse und die Gedanken des Täters hineinzuversetzen.

Petermann zu den Unterschieden: Mordermittler suchten nach Spuren und befragten Zeugen, überprüften Alibis. Fallanalytiker hingegen suchten die Spuren hinter den Spuren, versuchten die Psyche des Täters zu ergründen.

Empathie mit positiver Bedeutung sei nicht der richtige Begriff für seine Arbeit, betonte Axel Petermann. „Fallanalytiker wollen verstehen, was Täter warum getan haben, aber ohne Verständnis für ihn aufzubringen. Zu viel Nähe zu den Opfern kann den Blick trüben, weil man sich zu sehr verpflichtet fühlt, jemanden als Täter zu präsentieren“, hob der Profiler heraus.

Und er räumte ein: ja, er finde es spannend auf die Spur hinter der Spur zu kommen, warum Menschen auch schlimmste Verbrechen begangen haben. „Wir suchen die Spur hinter der Spur, die die Ermittler finden. Wir ergänzen deren Arbeit und sind keine Konkurrenten“, ließ Axel Petermann durchblicken, dass die Kollegen das nicht immer genauso sehen.

Zudem gibt es unvergessene Fälle, die sich nicht abschütteln lassen. An die Nieren sei ihm als junger Ermittler einer der ersten Fälle gegangen: „Es war ein Mord an einer jungen Frau in einer Tiefgarage. Der Täter hat anschließend einen Tabubruch begangen und die Leiche verstümmelt.“

Aktuell arbeitet der Pensionär an einem Fall in München. Nach einem Indizienprozess ist der Lieblingsenkel einer Getöteten verurteilt worden. „Mich hat die Familie gebeten, den Fall wieder aufzunehmen“, sagte er.

Ob er sich auch in Frauen als Täterinnen hineinversetzen könne, beantwortete der Fallermittler schmunzelnd: „Es ist immer schwierig, Frauen zu verstehen.“ Wieder ernst: „Frauen töten auch. Es gibt Kindstötung. Manchmal ist es der Partner, der wegmuss.“ Das geschehe wegen der körperlichen Unterlegenheit der Frauen häufig als Giftmord oder, wenn der Mann volltrunken ist, mit Hilfsmitteln.

In allen Fällen, in denen ein Fallanalytiker tätig wird, arbeitet er sich durch Datenberge, immer die Sinne geschärft für eventuell übersehene Kleinigkeiten. Kein Wunder also, dass dem Profiler Axel Petermann das Schwein auffiel. Das reichte Manfred Will, Organisator des kriminellen Abends zugunsten der Bürgerstiftung Lotte. Im Schweinebauch lagen später 150 Euro für Projekte in der Gemeinde.

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