Bäuerliche Familienbetriebe
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Lotte/Glandorf/Hilter -

„Die Letzten ihrer Art“ – so dramatisch betitelte die „Zeit“ am 2. Mai einen großen Beitrag über den Schwund bäuerlicher Familienbetriebe. Wer es noch wage, einen Hof zu führen, müsse sich neu erfinden, um gegen Agrarkonzerne zu bestehen. Was macht Bauern im Osnabrücker Umland zu schaffen? Was muss sich aus Sicht der Basis ändern, damit Familienbetriebe eine Zukunftsperspektive und die Umwelt eine Chance haben?

Freitag, 17.05.2019, 19:00 Uhr
Die Halener Landwirte Nils Meyer (links) und sein Vater Hartmut (am Steuer des Traktors) investieren einen Millionenbetrag in neue Ställe, die den Tieren mehr Platz bieten.
Die Halener Landwirte Nils Meyer (links) und sein Vater Hartmut (am Steuer des Traktors) investieren einen Millionenbetrag in neue Ställe, die den Tieren mehr Platz bieten. Foto: Angelika Hitzke

„Als ich angefangen habe, hatten wir 20 Kühe und 40 Schweine. Damit könnte man heute nicht überleben“, verdeutlicht der Halener Ferkelerzeuger und Mastschweinehalter Hartmut Meyer den Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte. „Wachsen oder weichen“ war die Devise, die viele zur Aufgabe ihrer Höfe zwang. Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerb, Spezialisierung auf Nischenprodukte und/oder Hofladen und Hofcafé – so versuch(t)en sich viele über Wasser zu halten. Viele Kollegen, die es mit Direktvermarktung im Hofladen versucht haben, hätten das aber schnell wieder aufgegeben, weil „es viel Arbeit war und sich nicht lohnte“.

Hartmut Meyer und sein vor sechs Jahren in den Familienbetrieb eingestiegener Sohn Nils setzen auf Kooperation mit bäuerlichen Nachbarbetrieben, um einen ökonomisch wie ökologisch sinnvollen Produktions- und Entsorgungskreislauf vor Ort aufrecht erhalten zu können, auf Transparenz und auf Investition in die Verbesserung der Stallgebäude und des Tierwohls.

Sie öffnen Hof- und Stalltür für jeden, der sich dafür interessiert, auch mal für Kindergartenkinder. „Im Juni kommen die Krüger-Schulen mit einer Klasse“, so Nils Meyer. Bei vielen Bürgern, die mit Landwirtschaft nichts zu tun haben, sei die Unwissenheit groß. So habe er jetzt im Frühjahr eine Mail erhalten, dass sich Anwohner über zu viel Gülledüngung hinter dem Halener Sportplatz beklagt hätten. Dabei sei dort keine Gülle, sondern eine genau berechnete Menge Gärsubstrat ausgefahren worden, nachdem zuvor wie jedes Jahr der Nährstoffgehalt im Boden ermittelt worden sei. „Das entspricht guter fachlicher Praxis“, betont sein Vater.

Die Nitratbelastung des Grundwassers vielerorts sei auf Altlasten vergangener Jahrzehnte zurückzuführen, denn nicht erst seit der neuen Düngeverordnung von 2017 werde der Stickstoffgehalt des Bodens zunächst ermittelt und die Düngung entsprechende dosiert. Bis sich der Effekt für das Grundwasser zeige, müsse man wie bei allen Verbesserungen Geduld haben. Auch deshalb seien langfristige Rahmenbedingungen wichtig: „Veränderungen gehen nicht von jetzt auf gleich“, so Hartmut Meyer.

Die Meyers investieren nach derzeitigem Stand rund 2,5 Millionen Euro in den Bau eines neuen Abferkelstalls, eines Ferkelaufzuchtstalls und den Umbau des alten Abferkelstalls für die Gruppenhaltung der Sauen. Damit sollen die Tiere mehr Platz, Bewegungsfreiheit und Beschäftigungsmöglichkeiten bekommen. Doch Brandschutz- und Umweltauflagen „wie für Atomkraftwerke“ legen nach ihren Worten vielen kleineren Familienbetrieben unüberwindliche Steine in den Weg.

Mit dem Stallbauprojekt, dass den Tieren 40 Prozent mehr Platz beschert als gesetzlich vorgeschrieben und die Kastenstände abschafft, „legen wir beim Tierwohl eine Schippe drauf“, betont der Junior. Damit aber binde man sich über die Kredite auf mindestens 20 Jahre, ohne zu wissen, ob nicht schon morgen neue Verordnungen kommen: „Es ist sehr, sehr traurig, dass die Politik nicht den Arsch in der Hose hat, zu sagen, da soll es hingehen“, findet der 29-Jährige und sagt: „Wir hoffen, dass wir damit den Anforderungen auf Dauer entsprechen.“

Auch Vater und Sohn Högemann vom seit 1396 im Familienbesitz befindlichen gleichnamigen Hof in Glandorf-Averfehrden sehen in mangelnder Planungssicherheit die größte Gefahr und das Hauptproblem für die bäuerliche Landwirtschaft. Für Lukas Högemann, der neben seinem Agrarstudium an der grünen Hochschule in Osnabrück-Haste auf dem elterlichen Hof mitarbeitet, wann immer er Zeit hat, war trotzdem von Anfang an klar, dass er den Familienbetrieb mal übernimmt: „Das kriegt man mit in die Wiege gelegt“, sagt er und erklärt, was ihn daran fasziniert: „Man ist selbstständig, nahe an der Natur und am Tier, aber hat auch mit Technik zu tun. Die Arbeit ist unheimlich vielfältig. Und die lange Tradition spornt an!“

Tradition und Moderne: Lukas (links) und Clemens Högemann zwischen dem alten Wehrspeicher und den Stallneubauten auf dem Balkon ihres Wohnhauses.

Tradition und Moderne: Lukas (links) und Clemens Högemann zwischen dem alten Wehrspeicher und den Stallneubauten auf dem Balkon ihres Wohnhauses. Foto: Angelika Hitzke

So sieht das auch sein junger Halener Berufskollege. „Als Garten- und Landschaftsbauer musste ich ausführen, was mir vorgegeben wurde. Als Bauer bin ich mein eigener Herr und die Arbeit ist vielseitig. Nur im Büro sitzen könnte ich nicht!“ Und auch ihre Väter schwärmen: „Man sieht, wie die Pflanze wächst und ob es dem Tier gut geht“, so Clemens Högemann. Man habe die Früchte seiner Arbeit immer vor Augen: „Es wäre schön, wenn es ihm Portemonnaie auch stimmen würde!“

Die Högemanns setzen für die Zukunftssicherung auf einen Mischbetrieb aus Bullen- und Schweinemast plus Holzhackschnitzel als Nischenprodukt. Drei Jahre lang nahmen sie zudem am niedersächsischen Ringelschwanzprogramm teil, bei dem die Ferkel ihre Schwänze behalten durften und die Bauern deshalb in mehr Platz, Rauhfutter und Spielzeug investierten. Doch trotz Förderung lohne sich der Mehraufwand nicht, weil sich die teureren „Langschwänze“ nicht vermarkten ließen: „Es will sie keiner haben“, sagt Clemens Högemann und betont: „Wir produzieren das, was der Verbraucher will. Aber er kauft nicht so, wie er redet!“

Von allen Seiten sehen sie sich unter Druck gesetzt: Von der Politik durch viel zu viele, viel zu kurzfristig geänderte Verordnungen, von der ausufernden Bürokratie, weil alles dokumentiert und jede Kleinigkeit beantragt werden muss, von der Marktmacht der vier großen Handelsketten, die oft kurzfristig Preissenkungen diktierten, obwohl die Kosten für die Produktion gleich bleiben, vor allem aber von der öffentlichen Meinung.

Sie seien es leid, immer die bösen Buben zu sein, die an den Fehlentwicklungen im Agrarbereich schuld seien: „Das Wichtigste ist, dass sich die öffentliche Meinung wieder ändert. Sonst haben wir hier bald nur noch Agrarfabriken wie im Osten oder in den USA“, meint etwa Jörg Wenner aus Hilter. Er und seine Frau Michaela Kaiser-Wenner vom gleichnamigen Spargel- und Tannenbaumhof haben sich vor etwa 25 Jahren auf die Saisonprodukte und ihre Direktvermarktung spezialisiert und sich vor zehn Jahren bewusst gegen weitere Verkaufsstellen entschieden, um ein Familienbetrieb zu bleiben.

Mehr Unterstützung durch die Öffentlichkeit wünschen sich die Spargelbauern Michaela Kaiser-Wenner und Jörg Wenner aus Hilter.

Mehr Unterstützung durch die Öffentlichkeit wünschen sich die Spargelbauern Michaela Kaiser-Wenner und Jörg Wenner aus Hilter. Foto: Angelika Hitzke

Die Nachfolge auf ihrem Hof sei gesichert, denn ein Sohn studiert Agrarwissenschaft in Göttingen. Und seit Wenners im vergangenen Jahr ihre selbst entwickelte, nach ihren Worten weltweit bisher einzige Schälmaschine für den dünnen Grünspargel in Betrieb genommen haben, zieht die Nachfrage nach der Konkurrenz zum klassischen weißen Spargel an. „Aber es hören hier in Hilter immer mehr Betriebe auf, wenn der Generationswechsel ansteht“, berichten sie, „viele sehen keine langfristige Perspektive mehr und haben keine Lust mehr, als der dumme Bauer dazustehen.“

Von Bürokratie können sie alle ein Lied singen: „Wir produzieren zwei bis drei Meter Aktenordner im Jahr“, so Jörg Wenner. Und auch Vater und Sohn Högemann oder die Meyers sitzen nach der langen Tagesarbeit im Stall, im Wald oder auf dem Acker noch so manche Stunde an Schreibtisch und Computer: „Das muss nach Feierabend nebenbei gemacht werden. Das knappst man sich dann eben vom Privatleben ab“, sagt Clemens Högemann. Sein Sohn Lukas sieht immerhin einen Vorteil darin, dass man als Bauer da wohnt,wo man arbeitet: „Dann ist es auch egal, wenn es abends mal eine Stunde länger dauert.“

Sie alle würden gern nachhaltig und ökologisch wirtschaften, wenn es sich denn rechnen würde. Denn sie wollen die Bodengesundheit und die kleinräumige, gewachsene Kulturlandschaft erhalten. Deshalb legen die Wenners wie die Meyers zum Beispiel Blühwiesen und -streifen an, versuchen, mit voll klimatisierten Ställen und Abluftwäschern Tieren und Umwelt besser gerecht zu werden und halten sich nach ihren Worten an die vom Hersteller angegebenen Mindestabstände zu Gewässern, wenn Pflanzenschutzmittel gesprüht werden müssen. „Ganz ohne Herbizide geht es nicht“, sagt Hartmut Meyer. Jörg Wenner ärgert sich darüber, dass den Landwirten nicht zugetraut wird, verantwortungsvoll mit den Ressourcen umzugehen. Es sei zum Beispiel falsch, pauschal eine Breite für Schutzstreifen an Gewässerrändern vorzuschreiben, weil es vom Mittel und der Spritztechnik abhänge, wie groß´der Abstand sein muss: „Das können auch 20 Meter sein!“

Weniger sich ständig ändernde Vorschriften, dafür langfristig verlässliche Rahmenbedingungen und einheitliche Standards, da sind sie sich einig. wären nötig. „Aber das Problem ist, wir haben keinen Außenschutz“, erklärt Clemens Högemann, weshalb die Politik sich so schwer damit tut, wenigstens auf nationaler Ebene Planungssicherheit zu schaffen. Die deutsche Agrarmarkt ist nicht nur vom europäischen, sondern vom globalen Markt anhängig, wie er am Beispiel des Preises für Schweinefleisch verdeutlicht: Der sei kürzlich von 1,40 je Kilogramm Schlachtgewicht auf 1,75 Euro gestiegen, weil die Produktion in China wegen der dort grassierenden Schweinepest eingebrochen ist und deshalb mehr Schweinefleisch dorthin exportiert werden konnte.

Letztlich könne nur das Kaufverhalten der Verbraucher – und zwar nicht nur hier, sondern weltweit – langfristig eine Änderung im System bewirken. Denn die Politiker hätten Angst, dass die „nicht wirklich“ mitziehen würden, wenn Nahrungsmittelpreise auch die volkswirtschaftlichen Kosten abbilden würden: „Der Verbraucher ist sich gar nicht bewusst, welche Macht er hat“, sagt Clemens Högemann. Jörg Wenner möchte den Verbrauchern bewusst machen, dass auch konventionell erzeugte Nahrungsmittel aus der Region hochwertig sind und die Öko-Bilanz dafür auf jeden Fall besser ist als für Bio-Produkte aus fernen Ländern. Das müssten die Menschen mit ihrem Kaufverhalten anerkennen: „Nur dadurch kann die bäuerliche Landwirtschaft erhalten bleiben!“

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