Realschule Westerkappeln zu Grabe getragen
Mehr Trauer- als Feierstimmung

Westerkappeln/Lotte -

„Ich hoffe, Ihr hört mich: Ruhe in Frieden! Auch wenn´s im Herz sticht.“ – Zehntklässler Abdul Samet Alkar drückte in seiner gerappten Grabrede wohl am besten aus, was viele Gäste am Samstagnachmittag in der Aula des Schulzentrums fühlten. Die Realschule Westerkappeln ist 46 Jahre nach ihrer Geburt offiziell beerdigt worden.

Sonntag, 16.06.2019, 11:34 Uhr aktualisiert: 17.06.2019, 11:56 Uhr
Was von der Realschule Westerkappeln übrig bleibt... Nach dem offiziellen Teil der „Feierstunde“ pflanzten Ralf Kutschwalski (Schulleiter 2008 bis 2015) , Franz-Josef Schlie (Schulleiter 1991 bis 2008), Heike Heynemeier (frühere Kassiererin des aufgelösten Fördervereins), Regierungsschuldirektor Stefan Krems, Schulleiterin Bettina Weiss, Martin Becker (Schulleiter 1973 bis 1991), Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer und ihr Lotter Kollege Rainer Lammers (von links) einen (Zier-)Apfelbaum. „Das Herz sticht“ – Zehntklässler Abdul Samet Alkar rappte eine Grabrede. Stefan Krems, Leitender Regierungsschuldirektor, dankte Schulleiterin Bettina Weiss, die den Auslaufprozess der Realschule verantwortlich steuerte, für ihren „tollen Job“.
Was von der Realschule Westerkappeln übrig bleibt... Nach dem offiziellen Teil der „Feierstunde“ pflanzten Ralf Kutschwalski (Schulleiter 2008 bis 2015) , Franz-Josef Schlie (Schulleiter 1991 bis 2008), Heike Heynemeier (frühere Kassiererin des aufgelösten Fördervereins), Regierungsschuldirektor Stefan Krems, Schulleiterin Bettina Weiss, Martin Becker (Schulleiter 1973 bis 1991), Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer und ihr Lotter Kollege Rainer Lammers (von links) einen (Zier-)Apfelbaum. „Das Herz sticht“ – Zehntklässler Abdul Samet Alkar rappte eine Grabrede. Stefan Krems, Leitender Regierungsschuldirektor, dankte Schulleiterin Bettina Weiss, die den Auslaufprozess der Realschule verantwortlich steuerte, für ihren „tollen Job“. Foto: Frank Klausmeyer

Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer erklärte zwar, man sei nicht zum Trauern zusammengekommen, viele, die an dieser Schule ihre Mittlere Reife erlangt haben oder hier – teilweise jahrzehntelang – als Lehrer gearbeitet haben, empfanden das wohl ein wenig anders, wie aus den meisten Redebeiträgen herauszuhören war.

Rund 250 – zumeist geladene Gäste – nahmen an dieser Veranstaltung ohne Namen teil. „Man feiere nur, was glücklich vollendet ist“, zitierte Große-Heitmeyer Johann Wolfgang von Goethe. Doch in Feierlaune schienen nur die wenigsten zu sein, bedeutet das schon vor Jahren besiegelte Auslaufen der Realschule doch für viele bis heute eine Zäsur. Ralf Kutschwalski, Rektor von 2008 bis 2015, sprach von einem „abgebrochenen Aufbruch“. In einem Grußwort erinnerte der frühere Schulleiter an die millionenteure Modernisierung der Realschule vor gut zehn Jahren und an die Einführung des Ganztagsunterrichts.

Viele Kollegen hätten die wenig später beschlossene Gründung der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln als „entmutigend und abwertend“ empfunden. „Das mag unprofessionell sein, ist aber verständlich“, meinte Kutschwalski. Die Unruhe in der Elternschaft habe schon damals zu ersten Abwanderungen von Schülern geführt.

Schlussveranstaltung für die Realschule Westerkappeln

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  • Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer und ihr Lotter Kollege Rainer lammers hielten ein gemeinsamen Grußwort.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Zehntklässler Lias Zaremba (links) moderierte den Nachmittag.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Rund 250 Gäste verfolgten die Schlussfeier.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • „Final Countdown“: Die Bigband der Realschule machte Musik.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • „Final Countdown“: Die Bigband der Realschule machte Musik.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Regierungsschuldirektor Stefan Krems dankte Rektorin Bettina Weiss für ihr Engagement bis zum Schluss.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Zum Schluss wurde ein Baum gepflanzt (von links): Martin Becker (Schulleiter 1973 bis 1991), Rektorin Bettina Weiss, Regierungsschuldirektor Stefan Krems, Heike Heynemeier (frühere Kassiererin im aufgelösten Förderverein), Ralf Kutschwalski (Schulleiter 2008 bis 2015), Franz Josef Schlie (Schulleiter 1991 bis 2008), Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer und Rainer Lammers (Bürgermeister Lotte).

    Foto: Frank Klausmeyer
  • „Ruhe in Frieden!“ Abdul Samet Akar rappte das Schulende.

    Foto: Frank Klausmeyer

„Wir haben aber auch richtig Glück gehabt“, sagte der Rektor i.R. weiter. Denn die Voraussetzungen für den Neuaufbruch, also den Aufbau einer Gesamtschule, seien hervorragend gewesen. Das Nebeneinander von zwei Schulen habe auch dank der guten räumlichen Bedingungen gut funktioniert.

Mehr als 3000 Schüler hätten ihren Abschluss an der Realschule Westerkappeln gemacht. „Sie werden auch immer einen Teil des Geistes dieser Schule weitertragen“, zeigte sich Kutschwalski überzeugt.

„Es muss und darf heute auch so etwas wie Wehmut im Raum sein“, sagte Stefan Krems , der bei der Bezirksregierung Münster als Leitender Regierungsschuldirektor für die Realschulen zuständig. Die Phase des Auslaufens sei sicher besonders für das Kollegium belastend gewesen. Trotzdem hätten diese ihre Schülerinnen und Schüler bis zum Schluss gut unterrichtet und ihnen eine Heimat gegeben.

„Eine Schule schließt man nicht einfach ab wie einen Betrieb, der Insolvenz angemeldet hat“, meinte Krems, der Realschulen keineswegs als Auslaufmodell sieht. Die, die blieben, hätten eine gute Zukunft. Die Realschule in Rheine sei beispielsweise jetzt sogar sechszügig.

Der hervorragende Ruf der Realschule Westerkappeln werde fortgeschrieben mit der Gesamtschule, erklärte der Lotter Bürgermeister Rainer Lammers. Er in seiner Funktion als Vorsteher des Schulzweckverbandes Lotte-Westerkappeln und Große-Heitmeyer hatten sich dazu entschieden, ihre Grußworte gemeinsam am Rednerpult zu halten, wohl auch, um das gute Miteinander der beiden Kommunen in der Schulpolitik zu bekräftigen. Eine Schule bestehe nicht aus ihrer Form. „Das oberste Erziehungsziel waren nicht gute Note, sondern die Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung“, sagte Große-Heitmeyer und führte zusammen mit Lammers unter anderem die Streitschlichter, den Schulsanitätsdienst, die Klassenpaten oder die „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ als Beispiele an. Die Gesamtschule habe viel von diesem sozialen Engagement für sich übernommen. Westerkappeln und Lotte wollten sich auch in Zukunft für eine gute Schule stark machen, versicherten die beiden Politiker.

Franz-Josef Schlie, Rektor von 1991 bis 2008, verglich die Zusammenarbeit der beiden Kommunen mit einer Vermählung zweier Partner, die bis in die 1970er Jahre „nicht immer kooperativ miteinander umgegangen sind.“ Deshalb hält er trotz vieler optimistischer Aussagen auch eine gewisse Skepsis für angebracht. Als Organist habe er bei über 100 Hochzeiten an der Orgel gespielt. Später habe er viele Ehepaare wiedergetroffen, wo von der Glückseligkeit nicht mehr viel übrig gewesen sei. Das Ende der Realschule sei bedauerlich, sagte Schlie, der aber seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, „dass die Entwicklung hier positiv bleibt.“

Und was bleibt von der Realschule nach dem Schlussakkord mit der Zeugnisübergabe an die Zehntklässler am 29. Juni ? Zumindest ein Zierapfelbaum, der nach dem offiziellen Teil vor dem Schulgebäude gepflanzt wurde – eine letzte Spende des bereits vor vier Jahren aufgelösten Fördervereins. Wie soll doch Martin Luther gesagt haben ? „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

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