Auftakt zum „Projekt Friedensmonat“ in Lotte
„Niemand starb als Held“

Lotte -

Das Thema „Frieden“ steht im Fokus einer Veranstaltungsreihe der Bürgerstiftung Lotte im September. 80 Jahre nach Kriegsbeginn hat der Geschichtspädagoge Dr. Matthias Pfordt die Schrecken des Krieges und die Propaganda auf dem Rücken der Opfer unter dem Titel „Niemand starb als Held“ beschrieben.

Mittwoch, 04.09.2019, 17:04 Uhr aktualisiert: 04.09.2019, 17:06 Uhr
Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad (undatiertes Archivfoto). Die Ende August 1942 bis Stalingrad vorgestoßene deutsche 6. Armee mit rund 300 000 Mann unter Generaloberst Friedrich Paulus wurde Ende November 1942 von der sowjetischen Armee eingekesselt. 150 000 von Ihnen haben überlebt. Ganze 6000 haben zehn Jahre nach Kriegsende wieder deutschen Boden betreten.Auf reges Interesse stieß Matthias Pfordts (stehend) Vortrag „Niemand starb als Held“ zum Kriegsausbruch vor 80 Jahren im Rahmen des Projekts Friedensmonat der Bürgerstiftung Lotte.
Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad (undatiertes Archivfoto). Die Ende August 1942 bis Stalingrad vorgestoßene deutsche 6. Armee mit rund 300 000 Mann unter Generaloberst Friedrich Paulus wurde Ende November 1942 von der sowjetischen Armee eingekesselt. 150 000 von Ihnen haben überlebt. Ganze 6000 haben zehn Jahre nach Kriegsende wieder deutschen Boden betreten.Auf reges Interesse stieß Matthias Pfordts (stehend) Vortrag „Niemand starb als Held“ zum Kriegsausbruch vor 80 Jahren im Rahmen des Projekts Friedensmonat der Bürgerstiftung Lotte.

Schnell entwickelte sich bei der Auftaktveranstaltung im evangelischen Gemeindehaus „Arche“ in Alt-Lotte ein lebhafter Dialog unter den zahlreichen Zuhörer, bei dem Pfordt zunehmend zum Moderator wurde. Die teils sehr emotionalen Beiträge aus dem Publikum zeigten, dass das Thema weiter bewegt, Kriegswunden nicht so schnell heilen - zumal die Welt nach gefühlten Jahrzehnten des Friedens zunehmend wieder im Zerfall begriffen scheint.

Pfordt blieb kaum Zeit, all sein Material in den Vortrag einzubringen. So blieb er dem Publikum etwa einen Feldpostbrief aus Stalingrad schuldig. „Daraus lässt sich noch ein weiterer Abend machen. Sie müssen alle zu einem neuen Termin wiederkommen“, stellte der Referent beim Blick auf die Uhr nach rund zwei Stunden fest.

Ulrich Harhues von der Bürgerstiftung hatte den Auftaktabend des Projekts „Friedensmonat September“ eröffnet. Mit dem Zitat „ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen“ übernahm Hausherr Detlef Salomo die Wortführung. Damit leitete er sogleich in tiefste Eindrücke vom beginnenden Zweiten Weltkrieg über. Gleichzeitig belegte er, dass der Beginn des Krieges auf einer Lüge beruht. Denn der Angriff der polnischen Soldaten auf die Zollstation und den Radiosender in Gleiwitz waren nur vorgeschoben. Einen Tag nach dem berühmten Zitat sind gegen 4 Uhr am 1. September 1939 1200 polnische Leben in Wielun ausgelöscht. So lässt Salomo in seinen ersten Sätzen den Kriegsbeginn in den Gedanken der Zuhörer auferstehen.

Ebenso eindrucksvoll übernimmt Matthias Pfordt bleibende Eindrücke in seinen Ausführungen, indem er an der Stellwand auf Repliken des Osnabrücker Tageblattes zeigt. „Am 12. September erschien die erste Todesanzeige eines gefallenen Osnabrücker Soldaten. Am 16. September waren es schon zwei Anzeigen“, erläutert Pfordt und liest aus der einen Anzeige wörtlich vor, worin die Familie den Tod des einzigen Sohnes beklagt, der nur 23 Jahr alt wurde. Das Publikum erfährt, dass später keine täglichen Anzeigen mehr gedruckt wurden. Die Anzeigen waren dann nicht mehr individuell von Emotionen begleitet. Vielmehr gab es Standardtexte, in denen von „Heldentod“ und „Tod für Führer und Vaterland“ gesprochen wurde.

Pastor Detlef Salomo, Dr. Matthias Pfordt und Ulrich Harhues (von links) vor den Stellwänden mit der Zeitungsreplik und den Bildern der Grundschüler der 3. Klasse mit dem Motiv der Friedenstaube von Chagall.

Pastor Detlef Salomo, Dr. Matthias Pfordt und Ulrich Harhues (von links) vor den Stellwänden mit der Zeitungsreplik und den Bildern der Grundschüler der 3. Klasse mit dem Motiv der Friedenstaube von Chagall. Foto: Olaf Wienbrack

Doch „niemand starb als Held“, belegte Pfordt an Fotos seiner eigenen Familie. Sein Opa Karl habe geweint, als sein Sohn, Matthias Vater Ferdinand Pfordt, für die Wehrmacht in den Krieg musste. „Wenn ich doch statt meines Sohnes in den Krieg ziehen könnt“, soll Opa Karl gesagt haben.

Mit einem Video demonstriert Pfordt dem Publikum eindrucksvoll die Schrecken des Krieges. Bilder, die jeder schon einmal gesehen hat. In diesem Zusammenschnitt erkannte jeder, dass am Ende wirklich keine Helden geblieben sind.

Zahlen, die der Referent nennt, belegen das: Rund 300 000 Soldaten waren in Stalingrad eingekesselt. 150 000 von Ihnen haben überlebt. Ganze 6000 haben zehn Jahre nach Kriegsende wieder deutschen Boden betreten. Da fragt sich jeder: „Wo sind da die Helden?“ – In den Kämpfen von Stalingrad kamen über 700 000 Menschen ums Leben, die meisten davon Soldaten der Roten Armee.

Das Publikum selbst zog mit einer Vielzahl von Beiträgen ein Resümee. „Sind wir heute anders ? Tun wir etwas gegen Missstände in der Gesellschaft und in der Welt ? Sind wir nicht wieder auf dem Wege zu Rassismus und Antisemitismus ?

Mit diesen Fragen sind einige Gäste vielleicht gedanklich schon bei der Talkrunde mit Politikern und Friedensaktivisten im großen Sitzungssaal des Rathauses. Dort geht es am 13. September um 20 Uhr um das Thema „Europa oder USA als Friedensgarant der vergangenen 70 Jahre. Wie soll es weiter gehen?“. Geladen dazu sind Winfried Nachtwei (MdB bis 2009, sicherheitspolitischer Sprecher), Bruno Allamel und Inga Hindersmann (europäische FSJler), Prof. Roland Czada (wissenschaftlicher Rat der Friedensgespräche Osnabrück), Dr. Angeleka Kordfelder (Vorsitzende der Europa Union Stiftung) und Hartmut Klein (Historiker) als Moderator

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