Gemeinde Lotte bekämpft Eichenprozessionsspinner
Raupenfresser sind willkommen

Lotte -

Im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wird die Gemeinde Lotte in allen Ortsteilen 100 neue Nistkästen aufhängen – gern mit Unterstützung von Schulen und engagierten Bürgern.

Freitag, 04.10.2019, 16:16 Uhr aktualisiert: 04.10.2019, 17:22 Uhr
Die Speerspitze im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner? Nistkästen für Meisen könnten natürliche Feinde der Raupe nach Lotte locken.
Die Speerspitze im Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner? Nistkästen für Meisen könnten natürliche Feinde der Raupe nach Lotte locken. Foto: dpa

Einen entsprechenden Antrag hatte die SPD-Fraktion gestellt. Sie wollte wissen, in welcher Höhe Kosten für die EPS-Bekämpfung entstanden sind. Die Brennhärchen der Raupen können nämlich extreme allergische Reaktionen bei Menschen jeden Alters hervorrufen. Zudem sollte die Verwaltung Nistkasten-Erfahrungen der niederländischen Stadt Groesbeek recherchieren. Der Verkehrs- und Umweltausschuss erhielt jetzt umfassende Informationen.

Die Lotter Umweltbeauftragte Ursula Wilm-Chemnitz nannte Kosten in Höhe von 33 500 Euro für die Fachfirma, die die Raupen auf Bäumen beispielsweise in der Nähe von Wohnbebauung und Schulen mit für Umwelt und Bewohner der Eichen ungiftiger Lösung unschädlich gemacht und entsorgt hätte.

Kosten in gleicher Höhe entstünden der Verwaltung, griff Wilm-Chemnitz auf Erfahrungsgrundlage in der Lienener Verwaltung zurück. Verwaltungskosten entstünden, wenn Mitarbeiter beispielsweise zu den befallenen Bäumen fahren, Schilder aufstellen und gegebenenfalls absperren oder das Ordnungsamt besorgte Bürger informiere.

Das liege auch daran, dass sich die Zahl der Fundstellen auf Gemeindegrund in 2019 mit 76 mehr als vervierfacht habe gegenüber dem Vorjahr. Zudem seien die EPS-Nester auch größer gewesen. Die Entsorgung von Privatbäumen oder von Bäumen anderer Eigentümer sei deren Angelegenheit, betonte die Umweltbeauftragte.

„Explosive Massenvermehrungen dieser Spinner sind aus der Vergangenheit bekannt“, erläuterte sie, dass deren vermehrtes Aufkommen in der Natur wellenartig geschähe. Überhaupt zählten die heimischen Giftraupen zur Eichenfraßgemeinschaft. „Das Räuber-Beute-Verfahren funktioniert noch immer.“ Im Kreis Steinfurt gebe es Indizien dafür, dass natürliche Feinde sich auf das größere Nahrungsangebot einstellten. Andererseits sei es denkbar, dass in spätestens zwei Jahren die Eichenprozessionsspinnerpopulationen wieder kleiner werden könnten – trotz der Erderwärmung.

Zur Eichenfraßgemeinschaft und den EPS-Feinden gehören Parasiten, wie Schlupfwespen und Raupenfliegen, die in die EPS-Raupen Eier legen. Dazu zählen weiterhin Vögel, Käfer, Raubwanzen, Florfliegen und andere Insekten, die gleichfalls auf den reicher gedeckten Tisch mit steigenden Populationen reagieren, um ihrerseits dem Nahrungskreislauf zugutekommen.

Nun sollen in Lotte nach erfolgreichem niederländischem Beispiel der Stadt Groesbeek Fressfeinde des EPS angesiedelt werden – in Nistkästen für Meisen und Co. „Vögel fressen Raupen noch in deren drittem Stadium. Erst im vierten bilden sie die gefährlichen Brennhaare aus, die auch Jungvögel im Nest töten können. Daher sollten die Nisthilfen nicht in den Bäumen aufgehängt werden. Die Vögel bestreichen ein Revier, in dem sie Nahrung suchen und finden die Eichenprozessionsspinner schon von allen“, erläuterte die Umweltbeauftragte.

Fraßfeinde, denen die älteren Raupen nichts ausmachten, seien Kuckuck und Wiedehopf: „Sie würgen die Haare wieder aus.“

Zudem habe sie erfahren, dass die behaarten Raupen sicher und einfach in Osterkappeln vernichtete werden konnten, indem man sie mit 95 Grad heißem Wasser besprühte. „Ich muss mich dort erkundigen, wie das Verfahren abgelaufen und ob es wirklich so einfach ein- und umzusetzen ist“, so Wilm-Chemnitz, die jedoch ein bisschen skeptisch ist hinsichtlich der Einsparungen. „Man kommt meiner Meinung nach um kostenintensive Personal- und Maschineneinsatz nicht herum.“

Jedenfalls soll die natürliche Raupenbekämpfung in Lotte gefördert werden. 100 Nistkästen je etwa zwölf Euro, 50 vormontierte und 50 Bausätze, hat Ursula Wilm-Chemnitz bei den Ledder Werkstätten bestellt. „Mit Vogelkästen im Gemeindegebiet unterstützen wir die Bekämpfung der Raupen des Prozessionsspinners. Weiterhin ist es ein wichtiger Beitrag, die Artenvielfalt in Lotte zu fördern, denn auch Meisen und andere Vogelarten werden weniger“, berichtete die Umweltfachfrau. Sie bietet die Nistkästen auch Privatleuten zum Einkaufspreis an, die damit Vogelschutz im eigenen Garten und in Summe eine gute Nistkastenabdeckung in Lotte leisten können.

Um ein reichhaltiges Nahrungsangebot Tisch für die gefiederten Freunde sicherzustellen, schlägt sie zum Erhalt der Artenvielfalt zusätzlich zu den von der Politik bereits beschlossenen Maßnahmen, wie Anlegen von Blühstreifen, Insektenhotels und Förderung von Obstgehölzen, ein weiteres Projekt vor: Zuschüsse für das Anlegen heimischer Hecken als lebende Zäune.

Um dem, wie die Umweltbeauftragte sagt „dramatischen Rückgang“, der Singvögel entgegenzuwirken, füttert mittlerweile auch Wilm-Chemnitz das gesamte Jahr über. Überzeugt hat sie das Buch von Peter Berthold und Gabriele Mohr: „Vögel füttern - aber richtig“. Durch den Insektenrückgang gehe auch der Vogelbestand zurück. „Man darf keine Wunder erwarten, aber richtiges Füttern unterstützt die Artenerhaltung der Singvögel nennenswert“, meint die Lotter Umweltbeauftragte.

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