Digitalisierung im ländlichen Raum
„Wir hängen ein bisschen hinterher“

Tecklenburger Land -

Die Digitalisierung sorgt für Umwälzungen im Alltag, aber auch in der Wirtschaft, und nicht alle sind darauf vorbereitet. Mit Veranstaltungen begegnet die Region derzeit der Entwicklung. Eine der größten – Smart Country – findet am morgigen Mittwoch (9. Oktober) statt. Wir haben mit Birgit Neyer, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt (WESt), und Silke Wesselmann, Amt für Klimaschutz des Kreises, über die Digitalisierung im in der Region gesprochen.

Montag, 07.10.2019, 14:28 Uhr aktualisiert: 08.10.2019, 16:14 Uhr
Der Kreis Steinfurt lädt ein: Birgit Neyer (l.), Geschäftsführerin der WESt, und Silke Wesselmann, Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Kreises Steinfurt, freuen sich auf die Digitalkonferenz „Smart Country“ am Mittwoch, 9. Oktober, von 15 bis 19 Uhr im „Digital Hub TD59“.
Der Kreis Steinfurt lädt ein: Birgit Neyer (l.), Geschäftsführerin der WESt, und Silke Wesselmann, Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit des Kreises Steinfurt, freuen sich auf die Digitalkonferenz „Smart Country“ am Mittwoch, 9. Oktober, von 15 bis 19 Uhr im „Digital Hub TD59“. Foto: Tobias Vieth

Vor welche Probleme stellt die Digitalisierung die Unternehmen in unserer Region ?

Birgit Neyer : Ich würde nicht so weit gehen, dass es Probleme sind – aber es sind auf jeden Fall Herausforderungen – und Chancen. Das Wichtigste ist, dass man anfängt. Man kann sich auf viele Arten und Weisen mit der Digitalisierung beschäftigen. Wichtig ist einfach, zu sehen, dass wir gerade in einem grundlegenden Wandel sind. Dadurch, dass alle Menschen mit ihrem Handy einen Computer in der Tasche haben, hat sich unsere Welt verändert. Dadurch ergeben sich Chancen für Unternehmen: Ich kann dafür sorgen, dass ich meine Firma besser organisiere und dass ich dank der besseren Informationen über meine Kunden deren Bedarfe besser erfülle. Es wäre schade, diese Potenziale liegen zu lassen. Wenn man sich nicht mit den Chancen der Digitalisierung beschäftigt, dann ist die Gefahr, dass man vom Markt verschwindet, weil andere, die genau dieses tun, die Spielregeln definieren werden.

Die Neuerungen kommen ziemlich schnell auf.

Neyer: Diese Veränderung ist rasant. Man kann üben, sich zu entwickeln, wenn man sich ein kleines Feld vornimmt, zum Beispiel das papierlose Büro. Dann schaut man sich die Prozesse im Unternehmen an und stellt sich neu auf. Gut ist auch, sich mit Digitalunternehmern oder Start-ups auszutauschen, um zu sehen, was ihre skalierbaren Geschäftsmodelle ausmacht, und in kleinen Schritten gute Ideen im eigenen Unternehmen zu integrieren.

Sind die Unternehmen ausreichend vorbereitet ?

Neyer: Das Feld reicht von sehr gut bis gar nicht. Wir haben gerade die Prognos-Studie über die Digitalisierung des Kreises Steinfurt bekommen. Ergebnis ist: Wir fangen gerade an, uns mit dem Thema zu beschäftigen, aber wir hängen ein bisschen hinterher. Es ist jetzt gerade wirklich der Zeitpunkt da, richtig Gas zu geben.

Welche Hilfen bieten Sie den Unternehmen an ?

Neyer: Ganz viele. Wir haben ganz unterschiedliche Projekte, eines zum Beispiel nennt sich „Start connect“. Wenn ein Unternehmen ein Start-up kennenlernen möchte, also ein junges Unternehmen mit einem digitalen Geschäftsmodell, dann bringen wir beide zusammen. Im Kreis Steinfurt haben wir viele Digitalunternehmen, die für Austausch zur Verfügung stehen. Es gibt unterschiedliche Förderprogramme, die den Einstieg in die Digitalisierung leicht machen, zum Teil mit Zuschüssen von 80 Prozent zu den Beratungskosten. Wir von der WESt stehen immer für persönliche Gespräche zur Verfügung, außerdem haben wir unsere FH in Steinfurt. Neben den 5000 Studenten sind dort viele Professoren, die Digitalisierung zum Anfassen machen. Meine Erfahrung ist, dass sehr viele Menschen in der digitalen Welt offen und aufgeschlossen sind. Ich weiß von Unternehmern, die CEOs von großen Digitalunternehmen in den USA angeschrieben haben, und die nach einer Woche auch eine persönliche Antwort hatten. Der Austausch wird als bereichernd erlebt.

Die Veranstaltung „Smart Country“ ist kommenden Mittwoch im Digital Hub in Ibbenbüren. Welche Bedeutung hat so ein Ort ?

Neyer: Der hat eine Riesenbedeutung. Wir sind super froh, dass wir drei Hub-Satelliten hier in den Kreis Steinfurt bekommen mit Ibbenbüren, Emsdetten und einem mit dem Fokus auf Technik in Lengerich. Das sind Zentren der Digitalisierung, es gibt Experten vor Ort und Mitarbeiter, die sich um die Anliegen der Menschen kümmern, die Veranstaltungen besuchen, den Co-Working nutzen oder einfach mit ihren Fragen vorbeikommen. Und das gerne. Wenn ich mit einem bestimmten Problem dorthin gehe, werde ich jemanden finden, der mir eine Lösung bietet. Man kommt ins Gespräch und kann miteinander arbeiten. Co-Working ist eine Riesenchance für den ländlichen Raum. Dort vernetzen sich die Welten.

Was können die Besucher der Veranstaltung Smart Country in der kommenden Woche erwarten ?

Neyer: Ganz viele Menschen werden bereichert nach Hause gehen, davon bin ich überzeugt. Der Keynote-Speaker Karl-Heinz Land hat selbst viel praktische Erfahrung in der digitalen Welt. Er hat in großen IT-Firmen gearbeitet und mehrere Unternehmen gegründet. Er hat die Idee, dass wir mit Digitalisierung die Welt noch retten können. Außerdem spricht er so, dass er verstanden wird. Und auch, dass Tobias Groten von Tobit Software in den Kreis Steinfurt kommt, ist etwas ganz Besonderes. Normalerweise stellt der sich nicht auf Bühnen. Nicht zu vergessen: Es geht am Mittwoch auch um Energie als Zukunftschance.

Worum geht es dabei?

Silke Wesselmann: Bei Digitalisierung und Energie geht es zum Beispiel um virtuelle Kraftwerke. Auch im Bereich des Energieverbrauchs gibt es ganz viel Potenzial, das man durch Digitalisierung nutzen kann. Es geht darum, die Energie klug zu verteilen. Und verteilen hat etwas mit Smart Metering, mit intelligenten Netzwerken zu tun – und das geht nur mit Digitalisierung. Natürlich führt die Digitalisierung selbst auch zu Energieverbrauch. Aber die Energieeinsparpotenziale zu heben, da können wir unheimlich viel erreichen. Und zu der Tagung am Mittwoch kommen ja nicht nur Unternehmen, sondern auch die Verwaltungen, die Kommunen. Im Grunde kann jeder da etwas mitnehmen. Wir haben das Programm ziemlich differenziert aufgebaut.

Neyer: Es richtet sich auch an Arbeitnehmer. Es ist gut, sich mit einer offenen Haltung mit der Arbeitswelt von Morgen zu befassen. Auch Bürger können sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung noch besser in ihre Kommune einbringen und mitgestalten.

Das Programm der Konferenz Smart Country

Die Zukunftskonferenz am Mittwoch, 9. Oktober, in Ibbenbüren heißt „Smart Country“. Unternehmen, Start-ups, kommunale Entscheidungsträger, Institutionen und Studenten sind Zielgruppe. Die Veranstaltung dauert von 15 bis 19 Uhr im Digital Hub TD59 TECHlenburger Land.Hauptredner wird Karl-Heinz Land (neuland GmbH & Co. KG) sein. Dank der neuen digitalen Möglichkeiten kommen Veränderungen, die „radikaler und unvorstellbarer sein werden als alles, was in den vergangenen 350 Jahren geschah“, wird Land in der Einladung zitiert. Gerade in der Wirtschaft entstehen durch die Digitalisierung massive Veränderungen.Dem Referat schließen sich Workshops an. Bei Mario Wiedemann (Bertelsmannstiftung) geht es um die Frage, welche digitalen Lösungen dem Mittelstand helfen. In Workshop 2 mit Dennis Borgmann (Trilogik), Carlo Jesse (wirkaufen-ihrauto.de), Ulf Lötschert (Loyjoy GmbH) und Frederik Neuhaus (Clockin GmbH) steht die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Mittelstand im Vordergrund.Klimaschutz thematisiert ein Workshop mit Thomas Voß (Die Energielandwerker e.G.) und Karl-Heinz Land. Professor Dr. Alexander Cisik (Hochschule Niederrhein) thematisiert den Menschen in der Arbeitswelt 4.0, Dr. Martin Memmel (Deutsches Forschungszentrum für KI) wiederum die künstliche Intelligenz.Um Smart City in der Mittelstadt und auf dem Land schließlich geht es bei bei Jens-Peter Seick (Fraunhofer), der einen Erfahrungsbericht von „Lemgo Digital“ gibt.Die Abschlussrede gegen 18.15 Uhr hält Tobias Groten (Tobit Software AG).

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Arbeitskräfte sind ein gutes Stichwort: Für die Digitalisierung braucht es Fachkräfte. Wo sollen die herkommen ?

Neyer: Aus unterschiedlichen Bereichen. Wir sind froh, dass wir die FH hier haben. Da gibt es auch einen großen energiewirtschaftlichen Schwerpunkt, aber auch einen digitalen Schwerpunkt. Das wären etwa 5000 Absolventen, die auch gerne in der Region bleiben würden. Dann haben wir unsere Schulen, unsere Auszubildenden.

Wesselmann: Wir wollen ja als Kreis so attraktiv sein, dass wir genau diese digitalen Unternehmen anziehen. So, dass diejenigen, die hier studieren, hier bleiben, und jene, die woanders studieren, auch hierhin kommen wollen. Weil sie sagen: Der Kreis Steinfurt, der hat coole Hubs und eine interessante Szene, und die sind fortschrittlich aufgestellt. So, dass es nicht heißt, ländlicher Raum bedeute, dass man die Digitalisierung verschlafe. Wir wollen uns an die Spitze stellen und auch einen Sog auslösen.

Drei Digitalveranstaltungen sind, beziehungsweise waren schon in Ibbenbüren. Wenn die am Mittwoch vorbei ist: Was kommt dann ?

Neyer: Das wird so weitergehen. Es werden größere Veranstaltungen stattfinden, es wird kleine Workshops geben. Ich hoffe, dass viele Unternehmen mit ihren Themen auf uns zukommen und dass wir daraus dann auch Veranstaltungen machen können. Wir können für Probleme gemeinsam Lösungen suchen, oder Kooperationspartner. Ich finde, das ist ein guter Ansatz.

Wesselmann: Wir haben auch als Kreis eine Digitalisierungsstrategie. Im Grunde wollen wir aufwecken – alle die, die es noch nicht tun, egal, ob es Unternehmen sind, andere Kommunen oder die Energieunternehmen, mit denen wir derzeit viel zusammenarbeiten. Es sind alle dran am Thema Digitalisierung. Für uns ist es eine Art Aufschlag in der Region. Wir sind dran am Thema, wir helfen, wir gehen mit nach vorne.

Wenn wir einmal zehn Jahre in die Zukunft der Digitalisierung hier blicken – landen wir da bei einer Dystopie oder einer Utopie ?

Wesselmann: Bei einer positiven Vision.

Neyer: Das sehe ich genauso. Unsere Mentalität ist wie gemacht für die Digitalisierung. Wir überlegen ja nicht allzu lange. Was ich in der Unternehmerschaft sehe ist: Man fängt an. Und genau das ist das richtige Mittel. Einfach machen. Nicht nach dem optimalen Start suchen, sondern mit dem anfangen, das da ist. Ich denke, da wird sich etwas Gutes tun.

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