Warum Pflege-Azubis im Seniorenzentrum mit Spaß bei der Sache sind
„Man bekommt so viel zurück“

Lotte -

„Ach, du wischst alten Leuten den Hintern ab!“ Das hat Elisabeth Delkeskamp, seit einem Jahr Pflege-Azubi im Lotter Seniorenheim „Zwei Eichen“, am Anfang oft von Bekannten zu hören bekommen. Seit die aber aus den Erzählungen über ihren Arbeitsalltag mitbekommen haben, wie vielfältig und anspruchsvoll der Altenpflegeberuf sein kann, werde sie mit viel mehr Respekt behandelt. Und das Beste: Ausbildung und Arbeit machen ihr Spaß.

Mittwoch, 16.10.2019, 16:54 Uhr aktualisiert: 16.10.2019, 17:20 Uhr
Altenpflege ist ein schöner, weil abwechslungsreicher, anspruchsvoller und befriedigender Beruf, finden (von links) Pflegedienstleiterin Bettina Schubert, Azubi Vanessa Klaar, Azubi Lisa Marlen Bögel, Fachkraft Vanessa Erdmann und Azubi Elisabeth Delkeskamp. Hier haben sie sich mit einigen munteren Seniorinnen in der Küche des Wohnbereichs 2 fürs Foto zusammengefunden.
Altenpflege ist ein schöner, weil abwechslungsreicher, anspruchsvoller und befriedigender Beruf, finden (von links) Pflegedienstleiterin Bettina Schubert, Azubi Vanessa Klaar, Azubi Lisa Marlen Bögel, Fachkraft Vanessa Erdmann und Azubi Elisabeth Delkeskamp. Hier haben sie sich mit einigen munteren Seniorinnen in der Küche des Wohnbereichs 2 fürs Foto zusammengefunden. Foto: Angelika Hitzke

So wie ihren Kolleginnen Lisa Marlen Bögel (24, ebenfalls seit Oktober 2018 dabei), Vanessa Klaar (24, am 1. September gerade erst angefangen) Vanessa Erdmann (24, seit anderthalb Jahren examinierte Pflegefachkraft) und ihrer Chefin, der Pflegedienstleiterin Bettina Schubert . „Ich bin mit 16 in die Pflege gerutscht und könnte mir auch heute, mit fast 40, noch nichts anderes vorstellen. Man arbeitet mit Menschen, und das ist einfach ein Traum“, schwärmt sie von ihrem Beruf.

Lisa Marlen wollte eigentlich Bauzeichnerin werden und hatte schon eine entsprechende Ausbildung begonnen, dann aber gemerkt: „Das ist das Falsche für mich.“ Nach einem Jahr Praktikum im Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) bei der Diakonie in Westerkappeln war ihr klar: „In der Altenpflege fühle ich mich am sichersten.“ Elisabeth hat vor Beginn ihrer Altenpflegeausbildung schon zwei Jahre in der Tagespflege ausgeholfen.

Und Vanessa Klaar, die zuvor eine Ausbildung zur Nutzfahrzeugmechanikerin und dann zur Malerin und Lackiererin gemacht hat, ließ sich von einer Freundin zu einem Praktikum in der Altenpflege überreden: „Das hat mir mehr Spaß gemacht, und jetzt mache die Ausbildung.“ Sie könne deshalb allen nur raten: „Einfach mal reinschnuppern und ein Praktikum machen.“

Ja, aber ist die Pflege alter Menschen im Seniorenheim denn nicht körperlich anstrengend, stressig und mit Zeitdruck verbunden? Da können die drei Azubis in „Zwei Eichen“ nur drüber lächeln: „Hier wird sehr darauf geachtet, dass man immer genügend Hilfsmittel hat“, sagt Vanessa Klaar. Dazu gehörten beispielsweise Stehlift und Turner, eine Aufsteh- und Umsetzhilfe.

„Wir sind ein gutes Team und halten zusammen. Das merkt man total“, findet Lisa Marlen Bögel. Sollte es mal Probleme geben, sei immer eine Kollegin da, die helfen könne. Pro Schicht und Wohnbereich begleite immer mindestens eine examinierte Fachkraft den Pflegenachwuchs, erklärt Schubert. Insgesamt würden die 63 Bewohner in Lotte von 18 Fachkräften und zehn Azubis betreut.

Rückenschonende Haltung und die richtigen Griffe, aber auch Anatomie, medizinische Grundkenntnisse, Hygienemaßnahmen und vieles mehr lernen die Lehrlinge von Anfang an in der Berufsschule, die als Blockunterricht stattfindet: „Ich habe am 1. September angefangen mit viereinhalb Wochen Schule. Jetzt mache ich fünf Wochen Praxis und dann wieder sechs Wochen Schule“, erzählt Klaar. Drei Jahre dauert die Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft insgesamt, wobei die Azubis in den Praxisanteilen Vollzeit, also 38,5 Stunden in der Woche, im Schichtdienst arbeiten.

Der, das geben alle unumwunden zu, gehört zusammen mit dem zum Teil sehr frühen Aufstehen bei den Wochenend- und Feiertagsdiensten zu den Nachteilen des Berufs, weil er sich negativ auf das Privatleben auswirken kann: Oft müsse man arbeiten, wenn die Freunde frei hätten, und könne deshalb nicht mit zur Party oder zu Veranstaltungen gehen. „Dafür feiern wir dann eben Weihnachten und Silvester doppelt: Erst trinken wir hier mit den Bewohnern ein Gläschen Sekt und dann noch mal zu Hause.“

Bettina Schubert verweist auch darauf, dass die Sander Pflege GmbH als Träger Wert darauf lege, allen Pflegekräften einen körperlichen Ausgleich mit Angeboten wie Pilates und Wassergymnastik zu bieten. Und: „Zweimal in der Woche kommt ein Masseur für die Pflegekräfte“, betont sie. Die Azubis hätten zudem die Möglichkeit, Praxisanteile auch in Einrichtungen auf den Nordseeinseln Langeoog und Norderney abzuleisten.

Zwar lerne der Nachwuchs in der Theorie auch, eine gewisse professionelle Distanz aufzubauen. In der alltäglichen Praxis aber lebe die Arbeit mit den Bewohnern gerade vom Einfühlungsvermögen und von der vertrauensvollen Beziehung, die dabei entstehe: „Man kommt ins Gespräch und erfährt spannende Lebensgeschichten“, so Schubert. Vanessa Erdmann ergänzt: „Gerade hat mir eine Bewohnerin erzählt, dass ihr Sohn heiraten will.“

Elisabeth Delkeskamp erzählt, dass Bewohner sie als Dankeschön auch mal in den Arm nehmen und knuddeln. Oft bekomme sie auch zu hören: „Schwester, denken Sie an Ihren Rücken“ oder sogar das Bett angeboten, wenn sie mal schlecht geschlafen habe und müde aussehe. „Das ist eine persönliche Beziehung. Man begleitet sie wirklich.“ Das Schönste sei, die Bewohner lächeln zu sehen: „Da kommt so viel zurück.“

Viele, die zuerst nicht ins Seniorenheim wollten, fühlten sich mit der Zeit viel wohler als vorher allein zu Hause und knüpften wieder Kontakte: „Es ist schön zu sehen, wie die teilweise echt aufblühen hier“, sagt Vanessa Erdmann. „Man hat so viel Spaß mit den Bewohnern, dass der das Leid einfach überwiegt“, betont auch die Pflegedienstleiterin.

Aber natürlich fließen auch Tränen, denn Abschied, Tod und Sterben gehören ebenso zur Pflegearbeit dazu wie die medizinische Versorgung in Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten. „Die Bewohner werden immer älter“, so Erdmann. Der Altersdurchschnitt in „Zwei Eichen“ liegt laut Schubert zurzeit bei 85,48 Jahren.

Das Faszinierendste an dem Beruf, so finden auch die Azubis, sei, dass man mit den unterschiedlichsten Menschen arbeite und „es nie langweilig wird“, wie Lisa Marlen Bögel sagt. Und Vanessa Klaar ergänzt: „Man weiß nie, was passiert. Du musst dich auf alles einstellen.“

Lisa Marlen hätte als Bufdi auch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten können, ist aber jetzt froh, sich für die Senioren entschieden zu haben: „Die haben so viel Lebenserfahrung, vieles ausprobiert und gelernt. Die können mir Tipps geben, wie ich den Fleck aus meiner Hose kriege oder ein Gemüsebeet anlege. Man kann viel von ihnen lernen. Damit bin ich mehr auf einer Wellenlänge als mit Kindern und Jugendlichen.“ Sie scheint ihren Traumberuf gefunden zu haben: „Mir gefällt die Ausbildung von Tag zu Tag besser.“

Mit Erwachsenen, die mit ihren Schilderungen auch zum Beispiel Erlebnisse aus Zeiten lebendig werden ließen, „die wir nur aus Büchern kennen“, sei einfach eine andere Gesprächsebene möglich, findet auch Elisabeth Delkeskamp. „Da muss man nicht den Clown spielen, die akzeptieren einen so, wie man ist“, ergänzt Bettina Schubert.

Und selbst mit dementen Bewohnern gebe es oft berührende und auch lustige Momente: „Da hat zum Beispiel jemand liebevoll einen Aschenbecher zum Blumentopf umfunktioniert“, so Lisa Marlen Bögel. Und Bettina Schubert berichtet von einer neu eingezogenen Bewohnerin, die zwar kein Kleidungsstück in den Kleiderschrank gepackt hatte, aber dafür eine hübsch dekorierte Stehlampe: „Aber ein Nachthemd konnte ich nicht finden.“

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