Was Leiter von Senioreneinrichtungen vom neuen Pflege-Tüv halten
Betreuung soll besser werden

Lotte -

Am 1.Oktober startete der neue Pflege-Tüv: Für die über 14 000 Pflegeheime in Deutschland gibt es keine Schulnoten mehr, sondern ein einheitliches Bewertungssystem mit drei Bausteinen.

Donnerstag, 24.10.2019, 16:34 Uhr aktualisiert: 24.10.2019, 16:36 Uhr
Bei aller Bürokratie soll auch in Zukunft im Lotter Seniorenzentrum Zwei Eichen Zeit bleiben für besondere Momente, wie hier den Lichterabend, der auch in diesem Jahr wieder am 11. November stattfindet, und vor allem für die Hinwendung zum Menschen.
Bei aller Bürokratie soll auch in Zukunft im Lotter Seniorenzentrum Zwei Eichen Zeit bleiben für besondere Momente, wie hier den Lichterabend, der auch in diesem Jahr wieder am 11. November stattfindet, und vor allem für die Hinwendung zum Menschen. Foto: Steffen Brockmeyer

So müssen zweimal im Jahr die Ergebnisse einer internen Qualitätsprüfung an eine zentrale Datenauswertungsstelle übermittelt werden. Parallel erfolgt eine stichprobenartige externe Bewertung. Außerdem müssen die Einrichtungen weitere Informationen wie etwa über das Verhältnis von Fachkräften pro Bewohner öffentlich machen. Was bringt das für die Suche nach einem guten Pflegeplatz, und was halten Fachleute aus der Region davon? Das neue Verfahren soll deutlich machen, wie gut die Pflege tatsächlich ist. Es soll zudem klar unterschieden werden, ob es zum Beispiel Mängel in der Versorgung oder in der Dokumentation gibt.

Was sich ändert: Neu ist die Verknüpfung des internen Qualitätsmanagements der Einrichtungen mit der externen Prüfung durch den Prüfdienst des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ( MDK ). Alle Pflegeheime beurteilen ihre Versorgungsqualität anhand von zehn Kriterien für ihre Bewohner alle sechs Monate selbst. Die Ergebnisse werden elektronisch an eine Auswertungsstelle übermittelt. Um Manipulationen bei der Datenerhebung zu vermeiden, werden die dokumentierten Ergebnisse anschließend mit zwei verschiedenen Verfahren auf ihre Plausibilität geprüft: Ob die Ergebnisse einleuchtend, nachvollziehbar und logisch sind, wird überprüft durch ein datentechnisches Programm. Zusätzlich findet zweimal im Jahr eine jeweils am Vortag angekündigte externe Prüfung durch den MDK-Prüfdienst statt.

Die persönlichen Kontrollen vor Ort durch Prüfer des MDK umfassen sechs Bereiche mit insgesamt 24 Qualitätsaspekten. Die Prüfer beurteilen, inwiefern die Bewohner in diesen Bereichen von der Einrichtung unterstützt werden, und führen dazu auch stichprobenartige Gespräche mit Bewohnern und Angehörigen, sofern vor Ort. Der abschließende Prüfbericht schlüsselt dann die Ergebnisse der externen sowie internen Prüfung einzeln auf. Die Versorgungsergebnisse der Einrichtungen werden dabei mithilfe von blauen Punkten und die Resultate des Prüfdienstes mit braunen Kästen dargestellt, um eine bessere Unterscheidbarkeit zu gewährleisten. Das Verfahren ist also sehr umfangreich.

Seniorenzentren Lotte, Hilter und Bad Laer: Gunnar Sander , Gründer und Chef der Sander Pflege GmbH, die neben dem Seniorenheim „Zwei Eichen“ in Lotte die Seniorenzentren Kastanienhof in Hilter und Am Kurpark in Bad Laer und noch weitere stationäre Einrichtungen in Hörstel, Emsdetten, Greetsiel, Borkum und auf Norderney betreibt, hat die Sorge, dass mit den nötigen Eingaben ins elektronische System „deutlich mehr Arbeit“ auf das Pflegepersonal zukommt. „Von daher ist das eher eine Belastung“, sagt er.

Andererseits liege darin die Chance, die Dinge auf lange Sicht einfacher zu machen, wenn alle Abläufe standardisiert seien. Gut sei auch die Idee, sich stärker auf die Ergebnisse der Pflegearbeit zu konzentrieren. Auch könne man sich wegen der festen Termine für die Datenübermittlung und der angekündigten Besuche der Prüfer besser darauf einstellen. „Das Ziel ist eine höhere Qualität“, sagt Sander, betont aber zugleich: „Wir brauchen die Ressourcen dafür.“ Sprich: genug Personal.

Ob das funktioniert oder ob durch das neue Verfahren womöglich Zeit für die Pflege am Menschen fehle, werde sich herausstellen. Zusammen mit der Neuordnung der Pflegegrade „ist das ganz viel, was derzeit auf uns einprasselt“, sagt er. Andererseits habe er das Notensystem nie für gut befunden, die Neubewertung sei lange diskutiert und das Verfahren auch geschult worden: „Irgendwann muss man es einfach machen“, sagt er zur Forderung nach einer Testphase.

Senioren und Angehörigen, die sich nach einem Heimplatz umschauen, rät er, sich auf jeden Fall mit Testbesuchen, Probewohnen und Gesprächen mit Bewohnern ein eigenes Bild von verschiedenen Einrichtungen zu machen. Eine Prüfung und eine Qualitätsbewertung von außen könnten dieses niemals ersetzen.

St.-Anna-Stift Hagen: Für fairer und transparenter, weil eine größere Grundsumme an Daten erhoben wird, hält auch Florian Schönhoff den neuen Pflege-Tüv. Der Leiter des Alten- und Pflegeheims St.-Anna-Stift in Hagen mit 93 Plätzen und 100 Mitarbeitern sieht auch eine „deutliche Verbesserung“ darin, dass die externe Prüfung künftig einen Tag vorher angekündigt wird. Nicht, weil man in den paar Stunden noch etwaige Missstände beheben könnte, was sowieso unmöglich sei, sondern das Personal abstellen könne, das für die Prüfung nötig sei, sonst aber womöglich freihätte oder auf Fortbildung wäre.

Schönhoff glaubt aber auch, dass zunächst „deutlich mehr Arbeit“ auf die ohnehin schon mit einer Reihe von Zusatzaufgaben belasteten Pflegekräfte zukommt. Und bezweifelt ebenfalls, dass die Ergebnisse Grundlage der Entscheidung für eine bestimmte Einrichtung sein werden: „Hagener suchen sich einen Platz in Hagen, Glandorfer wollen in Glandorf bleiben. Man muss sich fragen: Für wen ist das Ganze? Ich glaube, das ist eher ein Überprüfungsinstrument für den Kostenträger.“

Seniorenheim Dissen: „Die Frage ist, ob sich wirklich so viel verändert“, ist Christina Törner, Leiterin des DRK-Seniorenheims in Dissen, noch skeptisch. Sie befürchtet, dass es zunächst einmal zu einer Mehrbelastung des Personals führt, das sich eigentlich auf die pflegerische Arbeit konzentrieren wolle: „Mit Sicherheit ist es eine Erleichterung für den Medizinischen Dienst. Aber für die Heime ist das mehr Bürokratie.“

Sie sei froh, dass ihre Einrichtung erst im November 2020 erstmals Daten übermitteln müsse, und findet, dass der neue Pflege-Tüv zu „holterdipolter“ eingeführt worden sei. Eine zweijährige Pilotphase wäre ihrer Ansicht nach besser gewesen, denn man müsse ja immer mindestens zwei, drei Leute in petto haben, die die Technik beherrschen. Dabei seien noch viele Fragen und Baustellen offen, so zum Beispiel, ob man im Falle eines Systemabsturzes die handgeschriebene Pflegedokumentation einscannen und vergessene Einträge nachholen könne.

Das Dissener Seniorenheim hat 57 Plätze; die Bewohner werden aktuell von 22 Pflegekräften und zwei Schülerinnen betreut. Sechs davon sind allerdings derzeit krank. Unter diesen Umständen sei der Mehraufwand besonders ärgerlich: „Es ist ja schon ein Kampf, sich da überhaupt anzumelden“, sagt Törner zur Datenerhebung.

Statt wie bisher einmal im Jahr von zwei Prüfern, die unangemeldet ins Haus schneiten, werde künftig punktgenau zweimal im Jahr mit Voranmeldung von einem MDK-Mitarbeiter geprüft: „Für mich sieht das so aus, dass seitens des Medizinischen Dienstes Personal gespart wird“, sieht die Dissener Heimleiterin das kritisch.

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