Maria Trifonova feiert Weihnachten erst am 6. und 7. Januar
Verspätetes Geschenk

Lotte/Westerkappeln -

Seit Ende Oktober unterstützt Maria Trifonova für ein Jahr als Europäische Freiwillige das Team des Alt-Lotter Jugendtreffs Bansen. Sie ist in Zentralrussland aufgewachsen und hat als aufmerksamer Gast einige Besonderheiten entdeckt – im Alltag und in der Vorweihnachtszeit.

Freitag, 27.12.2019, 15:58 Uhr aktualisiert: 30.12.2019, 15:44 Uhr
„Ich bastele gern“, sagt Maria Trifonova und hält die handgemachten Weihnachtsengel fest.
„Ich bastele gern“, sagt Maria Trifonova und hält die handgemachten Weihnachtsengel fest. Foto: Ursula Holtgrewe

„Ich bin etwa zwölf Kilometer von Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, aufgewachsen“, berichtet Maria Trifonova . Nach ihrem Abitur studierte sie in der Hauptstadt und ist nun Übersetzerin für Englisch. „Englisch habe ich schon in der Schule gelernt und auch die lateinischen Buchstaben“, erklärt die 22-Jährige, die sich in ihrem Heimatland bereits als Lehrerin betätigte: „Es gibt bei uns ein Sprachzentrum. Da habe ich Vier- und Fünfjährigen Englisch beigebracht. Es hat mir und den Kindern viel Spaß gemacht.“ Auch in Österreich unterrichtete sie bereits Grundschüler.

Während ihres Studiums belegte Trifonova auch einen Deutschkursus. „Ich wollte die Sprache noch besser lernen und habe mich für den Jugendtreff ,Bansen‘ beworben. Das ging auf der Internetplattform Sfera. Dort können sich alle bewerben, die internationale Erfahrungen sammeln möchten“, blickt sie einige Monate zurück.

Als sie knapp 2700 Kilometer von Kasan entfernt im Westfälischen ankam, wusste sie, dass sie in einer WG mit vier anderen Europäischen Freiwilligen in Westerkappeln wohnen wird. „Ich habe ein Zimmer für mich allein“, zeigt sie sich noch immer ein wenig verblüfft über den Luxus. Denn zu Hause habe sie mit ihren Eltern in einem Zimmer gewohnt. Später beim Studium für ein Jahr mit vier anderen Studentinnen in einem Raum. „Es geht alles, wenn man gegenseitig Rücksicht nimmt“, betont die Europäische Freiwillige lächelnd. Sie erinnert sich noch immer überwältigt an ihren Ankunftstag in Westerkappeln: „Ich habe mein Zimmer geöffnet, und da lagen so viele Lebensmittel auf dem Tisch.“ Darüber habe sie sich sehr gefreut, auch wenn sie ein Taschengeld erhalte.

Der Transfer nach Alt-Lotte ist auch geregelt: Entweder nimmt Jugendpflegerin Ulla Tschauder sie mit, oder die Europäische Freiwillige fährt mit dem Linienbus nach Wersen und vom Rathaus mit dem Taxibus weiter zum Ziel.

Die Arbeit mit den Kindern bereitet dem Gast viel Freude. „Am liebsten bastele ich mit den Kindern. Sie sind so fleißig und mit Freude bei der Sache“, berichtet Trifonova. Und lachend fügt sie an: „Am liebsten üben die Kinder mit mir Diktat. Sie lesen vor. Ich schreibe. Anschließend nehmen sie einen roten Stift und korrigieren meine Fehler. Den ,Bansen‘-Besuchern macht das Spaß, und ich lerne viel dabei.“

In den zurückliegenden Monaten habe sie einen guten Einblick in die Arbeit im Jugendtreff erhalten, sagt Trifonova. Ihr bislang schönstes Erlebnis sei die Fahrt nach Köln gewesen, bei der sie die Kolleginnen habe besser kennenlernen können.

Eingelebt hat sie sich längst – und festgestellt, dass es beim Essen einige Parallelen gibt: „Die Deutschen mögen wie wir in Russland gern Kartoffeln, Fleisch und Soße. Hier gibt es so leckere Würste. Das kennen wir in Russland so nicht.“

Nun wird sie nachdenklich. „Ich werde meine Oma vermissen, wenn wir als Russisch-Orthodoxe unser Weihnachtsfest feiern“, sagt sie und erklärt: Am 6. Januar ist Heiligabend, der 7. Januar Weihnachtstag. Einen zweiten Weihnachtstag wie in Deutschland kennen die orthodoxen Christen nicht, zudem keinen Nikolaustag und keine Adventszeit. Dafür gibt es auch am 1. Januar Geschenke, weil das neue Jahr begonnen hat.

„Mit meiner Oma bin ich sonst an Heiligabend um 23 Uhr in die Kirche gegangen. In orthodoxen Kirchen gibt es keine Bänke, nur einige Sitzgelegenheiten am Rand für Ältere oder ganz junge Kinder“, berichtet Trifonova über den Beginn des russischen Weihnachtsfestes.

„Zu Hause macht meine Oma immer Kuna. Das ist ein Reinigungsritual, bei dem sie mit einem qualmenden Weihrauchschwenker jeden Raum reinigt und dazu betet. Tagsüber essen wir nichts, erst zu der Zeit, wenn der Mond oder die Sterne zu sehen sind. Dann gibt es ein einfaches Mahl ohne Fleisch und Fett aus Kartoffeln, Wasser, Gemüse und Obst“, beschreibt die Russin ihre Familientraditionen. „Für Kinder ist das eine wunderbar spannende Zeit.“

Das schönste Weihnachtsgeschenk erhält Trifonova möglicherweise verspätet. Sie hat sich für ein Erasmus-Stipendium beworben, mit dem sie in Deutschland oder einem anderen europäischen Land ein Semester studieren möchte. Noch vor Weihnachten ist sie dafür nach Düsseldorf eingeladen worden. „Nachricht, ob es geklappt hat, bekomme ich erst im Januar“, fiebert die Russin dem für sie zukunftsweisenden Termin entgegen.

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