Im Camp der Umweltaktivisten
Disziplin und Nachtschichten

Metelen -

Der Thrill ist das Sahnehäubchen. Auf einem großen Batzen Arbeit. Wenn Tim in den Bäumen hängt, verlangt ihm das „körperliche und insbesondere psychische Anstrengung“ ab. Anstrengung, die für ihn eine Qual bedeutete, wäre er nicht mit so viel Spaß bei der Sache. Und den bereitet ihm das Gefühl, für etwas zu kämpfen, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Dienstag, 31.07.2012, 19:07 Uhr

Im Camp der Umweltaktivisten : Disziplin und Nachtschichten
Der 21-Jährige mit dem Spitznamen „Leguan“ mimt nicht nur im Camp den Clown: Am Dienstag treibt er vor den Toren der Urananreicherungsanlage in Gronau sein Unwesen. Foto: Katharina Fiegl

Tim ist 34 Jahre alt. Student der Medienkulturanalyse. Ausgebildeter Veranstaltungstechniker. Brauhausführer in der Düsseldorfer Altstadt. Und Umweltaktivist. Er engagiert sich bei „ Robin Wood “: einer deutschen Organisation, die sich gewaltfrei für Natur- und Umweltschutz einsetzt. Einige ihrer Mitglieder campieren derzeit in der Bauerschaft Naendorf. Hinzu gesellen sich Vertreter anderer Netzwerke (unsere Zeitung berichtete). Gemein seien ihnen Pflichtbewusstsein und Idealismus, sagt Tim. Oder, anders formuliert: „Von uns würde keiner einfach an einer Unfallstelle vorbeifahren.“

Der jüngste Camp-Bewohner ist 18 Jahre alt, der Älteste 53, ihre Forderung dieselbe: der Atomausstieg. Das verbindet sie mit ihrem Gastgeber: Heiner Konert , seines Zeichens Metelener Landwirt. Haus und Grund teilen er und seine Familie derzeit erstmals mit den Aktivisten – auf Anfrage der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“. Gezählt hat er die – gebetenen – Gäste noch nicht: 25 bis 30 dürften es sein. Doch auch die Polizei tummelt sich momentan rund ums Konertsche Anwesen. Am Montag seien „bestimmt 15 Zivilfahrzeuge über Metelen verteilt gewesen“, berichtet der Bauer. Die Gesetzeshüter waren den Atomkraftgegnern auf den Fersen. Zwei Protestaktionen kamen gleichwohl zustande.

Auch am späten Dienstagvormittag dominiert im Camp die Frage, welche Finten am ehesten ein – unbemerktes – Davonschleichen garantieren; diesmal in Richtung der Urananreicherungslage Gronau. „Wenn wir eine Chance haben wollen, müssen wir überlegen, wie wir wegkommen!“, ruft Cécile Lecomte und trommelt alle Camper für ein „kleines Plenum“ zusammen.

Rädelsführerin Cécile bringt Zug ins Team. Sie zählt mit ihren 30 Jahren zu den bundesweit bekanntesten Umweltaktivisten. Und trifft gegenüber ihren Mitstreitern ganz offensichtlich den richtigen Ton. Um sechs, sieben, spätestens aber acht Uhr morgens stehe er im Camp auf, berichtet Tim. Der Düsseldorfer erzählt, eine Bäuerin habe jüngst eine Flasche Obstler vorbeigebracht, „und die ist noch immer halb voll“. Andere Landwirte ließen Sechserträger mit Bier springen. Die stapeln sich nun draußen auf dem Hof, nur wenige Flaschen stehen leer daneben. Zum Partymachen ist hier keiner angereist.

Wohl aber zum Singen – nicht nur in den Bäumen. Landwirt Heiner Konert genießt das. Genauso wie die abendliche „Lagerfeuerromantik“. Er hört gern Musik und freut sich, bei „ein wenig Smalltalk“ neue Leute kennenzulernen, wenn der lange Arbeitstag auf dem Hof ein Ende gefunden hat.

Die Aktivisten indes sind manchmal sogar auch in der Dunkelheit noch gefordert. Martin und Hanna beispielsweise haben die Nacht von Sonntag auf Montag ab halb drei im Wald nahe dem Bahnübergang K 65/Welbergener Damm zugebracht. Albern seien sie gewesen, sagt Martin. Ihr Weg, um den Bammel zu bekämpfen. Einige Stunden später nämlich ketteten sich die beiden an die Gleise. Für Martin war es das erste Mal. Er behält es in positiver Erinnerung: „Das ist entspannter als Klettern. Der Adrenalinspiegel ist nicht so hoch.“

Den Spezialkräften der Polizei, die das Duo von den Schienen geflext haben, stellt der 29-jährige Lüneburger ein gutes Zeugnis aus: „Die haben drauf geachtet, uns nicht wehzutun.“ Ein Eindruck, den seine Kumpanin Hanna teilt. Die 26-jährige gebürtige Hamburgerin hat Erfahrung, ist zuvor bereits drei Mal angekettet gewesen. Als „sehr professionell“ beschreibt sie das Vorgehen der Experten. Im Kontrast zu dem derjenigen Bundespolizisten, die die Aktivisten zu den Einsatzwagen gekarrt hätten – physisch wie verbal. Tim erzählt, bei ihm habe es einen „langen Prozess des Umdenkens“ bedeutet, sich den Gesetzeshütern zu widersetzen. „Wir Deutsche sind so erzogen, die Polizei als Freund und Helfer anzusehen.“

Der „Leguan“ aus Göttingen hat damit keine Probleme – trotz seiner erst 21 Jahre. Er möchte nur seinen Spitznamen verraten und steckt in einer Clownmontur. Derweil andere Aktivisten sich am Dienstagmittag gerade gen Gronau aufmachen, marschiert der „Leguan“ zielsicher vom Hof: in Richtung einer schwarzen Limousine, die am Feldweg parkt. „Ich begrüße mal die Polizisten in Zivil“, ruft er noch gut gelaunt über seine Schulter und schwingt den knallbunten Staubwedel.

Die Aktivisten hätten eben viel Spaß am Leben, sagt Tim. Selbst wenn auf eine Stunde in den Seilen zehn bis zwölf an übriger Arbeit kämen. Davon zeugten die Lachfältchen in den meisten Gesichtern. Die Atomkraftgegner wüssten sich eben auf dem richtigen Weg. „Und wenn ich mit 80 im Baum in einer Hängematte einschlafe und nicht mehr aufwache“, fabuliert Tim, „dann wäre das ein schöner Tod.“

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