Intensivwohngruppe für Jugendliche
„Das ist kein Zuckerschlecken“

Metelen -

Wenn alle übrigen Angebote der Erziehungshilfe gescheitert sind, landen sie hier: In einer Intensivwohngruppe betreuen Sozialpädagoge Wolfgang Puhe und seine Kollegen Jugendliche, in deren Elternhaus einiges schiefgelaufen ist. Die Biografien der Jungen sind ganz unterschiedlich.

Montag, 24.12.2012, 10:12 Uhr

Oft redet er Tacheles: Sozialpädagoge Wolfgang Puhe stellt für die Jungen aus der Intensivwohngruppe klare Regeln auf. Wer sich nicht daran hält, muss einen Punkteabzug befürchten – und wird deswegen womöglich später entlassen.
Oft redet er Tacheles: Sozialpädagoge Wolfgang Puhe stellt für die Jungen aus der Intensivwohngruppe klare Regeln auf. Wer sich nicht daran hält, muss einen Punkteabzug befürchten – und wird deswegen womöglich später entlassen. Foto: Rupert Joemann

Die Geschenke unterm Tannenbaum sind bereits ausgepackt, das Weihnachtsessen beim Chinesen hat schon geschmeckt. Und das Tage vor Heiligabend . „Wir haben unsere Weihnachtsfeier am Mittwoch gehabt“, sagt Sozialpädagoge Wolfgang Puhe. Am Montag erleben sie dann ihr zweites Weihnachten – die sechs Jugendlichen, die zurzeit in der Intensivwohngruppe Metelen leben. Einige bei ihren Familien, einige im Haus der Evangelischen Jugendhilfe in Naendorf.

Weihnachten, das Fest der Familie. Doch nicht alle Kinder sind in der glücklichen Situation, in einer geordneten und liebevollen Umgebung aufzuwachsen. Die Intensivwohngruppe ist für viele der letzte Ausweg. Dann, wenn alle anderen Angebote der Erziehungshilfe gescheitert sind. Das Dilemma der Jungen: „Die Jugendlichen fühlen sich ganz oft schuldig an der Situation, in der sie leben“, sagt Wolfgang Puhe. Dabei seien sie nicht verantwortlich für die Misere. Aber dennoch könne man die Heranwachsenden nicht aus der Verantwortung für sich selbst entlassen.

Das eigentliche Problem sind jedoch die Verhältnisse im Elternhaus. Die damit einhergehende emotionale Verwahrlosung, erläutert Wolfgang Puhe. Dazu komme teils auch materielle Überbehütung, die zu einer extremen Forderungshaltung der Jugendlichen führe. „Häufig setzen die Eltern keine Grenzen“, erklärt der erfahrene Sozialpädagoge. Schwierigkeiten mit anderen treten dann früh auf. „Die Kinder fühlen sich früh ausgegrenzt.“ Sie gehören einfach nicht zur Gruppe der Gleichaltrigen dazu.

Die persönlichen Geschichten sind ganz unterschiedlich. Mit unterschiedlichen Konsequenzen. „Ich möchte später eine eigene Wohnung haben“, erzählt ein 16-Jähriger. Die Rückkehr ins ursprüngliche Zuhause ist für ihn kein Thema. Dagegen hat sein 14-jähriger Kumpel, der lächelnd neben ihm sitzt, das Ziel, möglichst schon in den Sommerferien zurückzukehren. „Ich habe Heimweh nach meiner Mutter“, gesteht er freimütig. Doch dieses Ziel ist noch weit entfernt.

Schon einige Male ist der 14-Jährige „herabgestuft“ worden. Im Stufenplan muss man die Höchstpunktzahl fünf erreichen, um die Intensivwohngruppe verlassen zu können. Wer Mist baut, verliert eventuell Zähler. „Die Regeln sind stark. Das ist kein Zuckerschlecken“, macht Puhe unmissverständlich deutlich. Aber sie sind klar strukturiert und nachvollziehbar. Gerade das Einhalten von Regeln fällt den Jugendlichen oft schwer.

Ein Fernseher steht für alle im geräumigen Wohnzimmer. Manchmal sprechen Wolfgang Puhe und sein Team auch ein Zimmerverbot für Computer aus. Wer will, kann dann den Dienst-Computer nutzen. Natürlich in Maßen. „Fernsehen und PC-Spiele haben Faulheits-Potenzial.“ Und noch eine negative Folge bringt das Fernsehen mit sich: einen starken Realitätsverlust.

Das pädagogische Konzept des Hauses sieht vor, dass die Jugendlichen, die in der Regel mindestens zwölf Jahre alt sind, viel gemeinschaftlich unternehmen. So geht die Gruppe regelmäßig schwimmen, hält den Garten sauber, repariert Fahrräder oder kocht und backt zusammen. „Wir wollen die Stärken und guten Seiten der Jugendlichen herauskriegen und fördern“, sagt Wolfgang Puhe.

Und sie sollen die Chance bekommen, im Stufenplan voranzukommen. Ab Stufe vier müssen die Jugendlichen Außenkontakte vorweisen. Egal ob in einer informellen oder organisierten Gruppe. Zwei Jungs spielen etwa Tischtennis, einer Schach. „Sie sind ein Stück weit auf dem Weg raus“, freut sich Wolfgang Puhe über diese Entwicklung.

Der entscheidende Schritt folgt in Stufe fünf: die Abnabelung. Oft geschieht das nach anderthalb bis zwei Jahren, die die Jugendlichen im Haus verbracht haben. Für einige kommt der Schritt vielleicht zu früh. „Eigentlich soll die Jugendhilfe bis 21 Jahre gehen“, sagt Sozialpädagoge Puhe. Aus finanziellen Gründen seien die Ämter aber nicht mehr großzügig.

Doch das alles ist heute kein Thema. Montagabend sitzen die in Metelen geblieben Jungen mit einem ihrer Betreuer an einem großen Wohnzimmertisch und spielen zusammen. Vielleicht sogar mit Geschenken, die sie am Mittwoch vom Betreuer-Team bekommen haben.

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