Denkmaltag
Madame Cruses seltsames Gebaren

Metelen -

Dieses Angebot lockte nicht einen Metelener hinter dem Ofen hervor. Dabei weitete die Führung durch das Alte Amtshaus den Blick auf eine Persönlichkeit, die fast in Vergessenheit geraten ist: Sophia Cruse, Witwe eines Textilkaufmanns, die für ihre Zeit seht unkonventionell war.

Dienstag, 12.09.2017, 06:09 Uhr

Dem einstigen Rauschen des Wehrs scheinen diese Besucher von Plagemanns Mühle hinterherzulauschen. Während des Denkmaltags nutzte der Heimatverein die Möglichkeit, mit Hilfe der angestauten Vechte die historische Technik erlebbar zu machen.
Dem einstigen Rauschen des Wehrs scheinen diese Besucher von Plagemanns Mühle hinterherzulauschen. Während des Denkmaltags nutzte der Heimatverein die Möglichkeit, mit Hilfe der angestauten Vechte die historische Technik erlebbar zu machen. Foto: Martin Fahlbusch

Es musste schon ein Interessierter aus dem benachbarten Wettringen anreisen, um den Metelener Gemeindearchivar Reinhard Brahm am Denkmaltag nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen zu lassen. Die Einheimischen hatten wohl auch in der Vergangenheit ein recht zwiespältiges Verhältnis zu der alten Stadtvilla am Marktplatz, der Sophia Cruse , die nach dem Tod ihres Mannes dessen Geschäfte als Textilkaufmann weiter führte, eine besondere Note gab.

Nachdem 1815 ein Großbrand in Metelen 64 Häuser zerstörte, baute sie ihre Stadtvilla, in der sie dann ganz allein lebte, innerhalb kürzester Zeit wieder auf. Und zwar entgegen dem Stil der umgebenden Fachwerkhäuser in massiver Steinbauweise mit einer großen Freitreppe, die direkt auf den Marktplatz führte, der heutigen dort sichtbaren allerdings nicht ähnelte, wie Brahm ausführte.

Sophia Cruse muss wohl in der Dorfgemeinschaft einen Sonderstatus gehabt haben, denn ihr Lebensstil, leicht pompös und mit Sonnenschirm spazieren gehend, passte so gar nicht zu den Lebensläufen der hart arbeitenden Bevölkerung. Während für die Landbevölkerung die Natur, beispielsweise auf den Feldern, ein schweißtreibender Arbeitsplatz war, stellte sie für die Witwe Cruse eher eine ästhetische Kategorie dar, in der man sich auf der Rückseite ihrer Stadtvilla ergehen konnte. Nicht ohne Grund wurde sie auch „Madame“ genannt.

Gearbeitet, gekocht und gewirtschaftet wurde in einem Nebengebäude, um den Lebensstil der Dame nicht unnötig zu beeinträchtigen oder gar durch schlechte Gerüche zu störend. Irgendwann verschwand die Dame aus Metelen. Danach wurde die Villa als Arztpraxis genutzt und später – Anfang des 20. Jahrhundert – von der Gemeinde erworben und genutzt, nach grundlegenden Umbauten aktuell als gute Stube für Sitzungen des Rates und für Veranstaltungen.

Nicht zuletzt durch die Anregungen des „einsamen Wettringers“ will sich Reinhard Brahm intensiver mit den Bezügen zur Familie Cruse in Wettringen kümmern, wo ein fast identisches Haus errichtet worden war.

Mühlentechnik war ansonsten für die Metelener eher von Interesse an diesem Denkmaltag. Plagemanns Mühle war geöffnet und Heijo Plagemann und Bernhard Icking zeigten die alte Mühle, die sich erst wohl noch mit der neuen Vechte und seinen Gegebenheiten einrichten muss. „Irgendwie vermissen wir den rauschenden Bach“, bemerkte Plagemann nachdenklich. Im Bauernstübchen und im Ackerbürgerhaus ließen es sich viele Besucher bei Kaffee und Kuchen gut gehen und nutzten altes Gemäuer zum fröhlichen Plausch.

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