Seltene Luftaufnahme
Schützengräben ziehen sich rund ums Dorf

Metelen -

Manfred Schlüters besitzt eine seltene Luftaufnahme aus der Kriegszeit. Ein alliierter Flieger machte das Foto im

Donnerstag, 31.10.2019, 06:00 Uhr
Ende Dezember 1944 machte ein alliierter Flieger diese Luftaufnahme Metelens. Deutlich erkennbar sind die großen Dachflächen der Seidenweberei Gebhard und der Verlauf der Vechte. Leicht geschlängelt ziehen sich die Schützengräben in einigen hundert Metern Entfernung komplett um den Ortskern.
Ende Dezember 1944 machte ein alliierter Flieger diese Luftaufnahme Metelens. Deutlich erkennbar sind die großen Dachflächen der Seidenweberei Gebhard und der Verlauf der Vechte. Leicht geschlängelt ziehen sich die Schützengräben in einigen hundert Metern Entfernung komplett um den Ortskern. Foto: Dieter Huge sive Huwe

Ende Dezember 1944, die Zeit zwischen den Jahren, wie es so schön heißt. Doch es ist keine Zeit der Stille und der Besinnung. Es ist Krieg und dieser Krieg, den die Nazis entfesselt haben, ist längst im eigenen Land angekommen. Bomber werfen seit Jahren ihre todbringende Last ab. Metelen wurde bisher verschont, doch keiner weiß, ob nicht doch einmal einer der Flieger über dem kleinen Dorf an der Vechte die Schächte öffnet. In der Heide starten schließlich V-Waffen.

Militärflugzeuge am Himmel sind seit Jahren Alltag für die Menschen im Ort, Früher waren es die eigenen, doch jetzt dominieren die alliierten Streitkräfte das Geschehen in der Luft. Das Flugzeug, das an diesem 27. Dezember 1944 über Metelen hinwegfliegt, hat eine besondere Mission. Es dokumentiert mit Kameras die Gegend. Ein Aufklärungsflug von vielen, der den Westalliierten zeigen soll, wo beim späteren Vorstoß nach Deutschland mit Widerstand zu rechnen ist.

Und eine dieser Aufnahmen, die nach ihrer Nutzung durch die Militärs im Krieg für viele Jahre in britischen Archiven schlummerten, ist nach Metelen zurückgekehrt. Manfred Schlüters hat das Foto – ein Dokument des Krieges, das unter der Lupe viel erzählt aus der Zeit vor 75 Jahren.

Die Pause nach einer Joggingrunde führte den Metelener im Herbst 1986 in die damalige Gaststätte Pöpping in Metelen-Land. Beim Bierchen kam die Rede irgendwann auf den Krieg und Manfred Schlüters – den Geschichte immer schon faszinierte – hörte interessiert zu, als Wirt Clemens Pöpping erzählte und schließlich Bilder aus der Kriegszeit hervorkramte. „Pöpping sagte einen Satz, der mir zu denken gab. Er sagte: ,Wer noch etwas über den Krieg in Metelen erfahren will, muss schnell sein. Die Zeit läuft davon‘“. Und als Pöpping außerdem berichtete, dass während des Krieges immer wieder Flieger über dem Ort kreisten, stand für Schlüters fest, dass er hier ansetzten wollte.

„Es musste doch Luftaufnahmen der Engländer geben“, berichtet er im Gespräch mit dieser Zeitung. Er rief in den Kasernen der britischen Truppen an, in Münster, in der Senne. Ohne Erfolg, aber immerhin mit dem Hinweis auf die Militärabteilung des Bundesarchivs mit Sitz in Freiburg. Auch hier: Fehlanzeige. „Ich hatte aus Freiburg aber die Adressen von drei britischen Archiven und schrieb diese mit meinem sicherlich holprigen Englisch an.“

Zweimal kam die Antwort von der Insel, dass wohl nichts vorhanden sei, doch dann endlich ein Hoffnungsschimmer: „Von der Universität Keele, zu der auch die Luftbildstelle des Amts für Geografie gehört, erhielt ich eine Registriernummer – und die Aufforderung, acht Euro zu zahlen.“ Viel Geld beim damaligen Umrechnungskurs, aber, wie sich herausstellte, eine lohnende Investition. Nach einiger Zeit brachte der Briefträger einen großen, braunen Umschlag, den zwei Briefmarken mit der Queen zierten.

Gespannt öffnete der Metelener den Brief – und war zunächst enttäuscht. „Ich weiß ja gar nicht mehr so genau, was ich erwartet hatte, aber neben dem Anschreiben fand ich nur ein Schwarz-Weiß-Foto.“ Spannend wurde es dann, als er im Anschreiben erfuhr, dass sogar das US-Verteidigungsministerium das Foto freigegeben hatte. Und als Manfred Schlüters die Lupe zur Hand nahm, und sich über das Foto beugte, wie einst die Luftbild-Auswerter der Air Force, fand er Details des Ortes, die nur beim Blick vom Himmel aus deutlich wurden.

Sicherlich am markantesten sind die zahlreichen Schützengräben, die sich als feiner, leicht gewellter Strich rings um Metelen ziehen. Gräben, die in Erwartung der Ankunft der Alliierten angelegt worden waren. Der längst verlorene Krieg sollte – so die wirre Strategie der Nazis – durch die noch verbliebenen Truppen der Wehrmacht und das letzte Aufgebot des Volkssturms doch noch gewendet werden. Und genau dafür waren die Stellungen schon vorbereitet.

Doch auch ortsgeschichtlich ist das Luftbild interessant, zeigt es doch die Bebauung, die Ackerflächen und Kampstücke in gut aufgelöster Klarheit. Unübersehbar ist das große Shed-dach-Ensemble der früheren Seidenspinnerei Gebhard. Auch die Bahnlinie Burgsteinfurt-Heek samt Bahnhof im Ort ist deutlich auszumachen.

Mit fast schon detektivischem Spürsinn hat Schlüters außerdem herausgefunden, dass der Flieger an jenem Dezembertag wohl zur Mittagszeit über Metelen geflogen ist: „Schauen Sie nur den Schatten der alten Mühle von Lohoff. Er zeigt genau nach Norden – die Sonne stand also an ihrem südlichsten Punkt.“ Und das mit einem langen Schatten, denn der kürzeste Tag des vorletzten Kriegsjahres lag ja erst eine Woche zurück.

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