Dr. Jürgen Schmitters Plädoyer für eine Gesprächskultur aufgeklärter Menschen
Die Welt dauernd neu einrenken

Metelen -

Eine intellektuelle Herausforderung ist das neue Buch von Dr. Jürgen Schmitter. Der 76-Jährige beschreibt in seiner

Samstag, 04.01.2020, 06:00 Uhr
Dr. Jürgen Schmitter hat sein neues Werk „Aufgeklärter Realismus“ betitelt.
Dr. Jürgen Schmitter hat sein neues Werk „Aufgeklärter Realismus“ betitelt. Foto: Dieter Huge sive Huwe

„Aufgeklärter Realismus“ heißt das neue Buch von Jürgen Schmitter , das derzeit in der Endproduktion steckt und mit dem der promovierte Metelener den Versuch unternimmt, philosophische Gedanken, mit denen er sich seit seinem Studium immer wieder beschäftigt hat, zusammenzuführen.

„Aufgeklärter Realismus“, das ist ein Titel, der sicherlich nicht gleich dazu reizt, das Buch mitzunehmen. Doch die beiden Untertitel lassen aufhorchen. „Ein Handwörterbuch als Gesprächsgrundlage für Atheisten und Christen“ heißt es dort und zusätzlich noch wird eine skurrile Aufklärungsgeschichte angekündigt „Der Papst steht Kopf“.

Schmitter schmunzelt im Gespräch über sein neues Werk ob dieser sich über fünf Seiten ziehenden Fiktiven Begegnung mit dem Papst, unter anderem in der Dominikanerkirche zu Münster, in der das foucaultsche Pendel eine wesentliche Rolle spielt. Doch diese finale Spielerei steht statt eines Nachworts am Ende des 240 Seiten starken Bandes.

In diesem unternimmt Schmitter vielmehr den Versuch, einen Satz von Hanna Arendt zu erläutern, der da lautet „Um die Welt gegen die Sterblichkeit ihrer Schöpfer und Bewohner im Sein zu halten, muss sie dauernd neu eingerenkt werden.“ Schmitter erklärt: „Der Mensch ist für das, was er tut, verantwortlich. Er kann weder den lieben Gott noch die Natur oder die Evolution dafür verantwortlich machen.“ Delegierbar sei Verantwortung eben nicht – weder aus einem christlich geprägten Gedankengebäude heraus noch vor dem Hintergrund atheistischen Überlegungen. Der 76-Jährige, der in den frühen 1960er Jahren Religionsphilosophie in Freiburg studierte, stellt in seinem neuen Werk klar: „Verantwortung ist im Prinzip weder delegierbar noch relativierbar.“ Freiheit verpflichte Menschen, sie zur Welt- und Selbsterhaltung zu gebrauchen.

Das Postulat von Hanna Arendt, dass „die Welt dauernd neu eingerenkt werden muss“ erfordert in einer Zeit, in der viele Menschen den Eindruck haben, dass die Einflussmöglichkeiten immer eingeschränkt werden, den Willen, aber auch die Fähigkeit zum gemeinsamen Gespräch.

Schmitter warnt zugleich: „Vorsicht vor allen Ideologien!“ Er mahnt, skeptisch zu bleiben: „An allem zweifeln, aber nie verzweifeln“, so sein Credo.

Sowohl religiöse Weltbilder als auch naturalistische Positionen allein hält der Metelener für unzulänglich. Sowohl kritische Christen als auch aufgeklärte Atheisten müssten den Dialog suchen über Themen, die Menschen verantworten und beeinflussen können, ja müssen. „Es gibt eine gemeinsame Verantwortung für die Welt“, knüpft Schmitter an Hannah Arendts Forderung an.

Gerade der heutigen Zeit, in der politische Positionen zunehmend als absolut gesetzt werden und Separatismus zunimmt, wolle er mit seinen bescheidenen Mitteln etwas entgegenstellen: „Es muss wieder das Gespräch gefunden werden“, ist Schmitters Plädoyer. In der Politik beobachte er beispielsweise, dass nicht mehr miteinander gesprochen und argumentiert, sondern aneinander vorbeigeredet werde.

Der fiktive Ausflug mit dem inkognito reisenden Papst durch Münster bringt den Ansatz Schmitters schlussendlich auf den Punkt. Die Satire endet mit dem Besuch des foucaultschen Pendels, welches der Künstler Gerhard Richter in der Dominikanerkirche aufgehängt hat. Die Diskrepanz zwischen der Darstellung der Himmelfahrt Mariens und der Kraft der Erdrotation, die auf das Pendel einwirkt, kommentiert der Bischof von Rom natürlich nicht – doch hegt der imaginäre Stadtführer Schmitter die Hoffnung, dass die Aufklärung der Philosophie in naher Zukunft in einer Enzyklika zum Thema machen wird.

Schmitters Buch ist wahrlich keine leichte Kost, aber für alle, die sich für Philosophie interessieren und diejenigen, die sich Gedanken dazu machen, warum Lösungsstrategien für (auch globale) Probleme das Gespräch der Menschen erfordern, ein Gewinn.

Zum Thema

Jürgen Schmitters „Aufgeklärter Realismus“ wird Ende Januar/Anfang Februar im Agenda-Verlag Münster erscheinen. Es hat 240 Seiten und wird 17,90 Euro kosten.

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