Gespräch mit Pfarrerin Imke Philipps: Wie hat sich die Seelsorge verändert?
Kämpfen gegen die neue Distanz

Metelen/Ochtrup -

Die Pandemie-Zahlen sind weltweit höher denn je. Deutschland ist in einer vergleichsweise guten Lage. Doch das Virus hat auch hierzulande das Leben der Menschen verändert. Erst nach und nach wird vieles sichtbar. Dieses zum Beispiel: Corona hat eine neue Distanz zwischen den Menschen geschaffen.

Freitag, 17.07.2020, 08:30 Uhr aktualisiert: 17.07.2020, 16:34 Uhr
Pfarrerin Imke Philipps: „Einsamkeit ist ein großes Thema
Pfarrerin Imke Philipps: „Einsamkeit ist ein großes Thema Foto: Bettina Laerbusch

Das Wort mit dem „C“ – man kann es nicht mehr hören. Den Begriff „Corona-bedingt“ schon gar nicht. Doch es ist nicht vorbei. Die Pandemie ist weltweit so schlimm wie noch nie. Corona hat das Leben aller Menschen verändert und ist weiter dabei, es zu tun – wenn das auch jetzt, in den Sommerferien, hierzulande weniger zu spüren ist als im Juni oder Mai.

Doch der Spätsommer und der Herbst werden kommen. Die Herausforderungen für Mütter und Väter, Politiker, Facharbeiter, Lehrer, Ärztinnen, Krankenpfleger, Busfahrerinnen, Verkäufer, Erzieherinnen oder Landwirte werden weiter wachsen – auch die Herausforderungen, vor denen Seelsorger stehen. Imke Philipps zum Beispiel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Ochtrup/Metelen.

Berührungen fehlen

Ja, sagt sie sofort, die Seelsorge habe sich verändert. Gerade bei den Menschen in Pflegeheimen zeige sich jetzt erst, dass Einsamkeit ein großes Thema ist. „Das Gefühl ,Ich bin allein‘ betrifft die alten Menschen zunehmend“, sagt Imke Philipps. Im März, April hätten sie es irgendwie „noch weggesteckt“, dass Besuch nicht möglich war, Umarmungen nicht erlaubt waren. Doch jetzt spürt Imke Philipps „Bedrückung“ – obwohl Besucher und auch sie als Seelsorgerin seit dem 1. Juli wieder auf die Zimmer und die Bewohner von Angehörigen wieder umarmt werden dürfen. Der Mundschutz sei ein Hindernis vor allem dann, wenn ein Mensch schwerhörig sei. Er bedecke das halbe Gesicht, Mimik sei schwieriger zu interpretieren. Sie selbst darf nicht die Hand eines Menschen halten, diese fest drücken – auch nicht bei Trauergesprächen.

Unverhoffte Besuche, „wenn jemand einfach vorbeikommt“, fehlten nach wie vor gerade alten Menschen, genauso wie intuitive Berührungen. Von einem „enormen Verlust“ sprich Imke Philipps hier. Sie kennt aber auch Menschen, die zu Hause leben und sagten: „Ich habe schon so viel durchgemacht, das schaffen wir auch noch.“

Mit den Ängsten, die Familien haben, wird Imke Philipps ebenfalls ganz anders konfrontiert als vor der Pandemie. Wenn das Kind eine Schniefnase hat, darf es nicht in die Kita kommen. Das ist aktuell Vorschrift, an die sich die Verantwortlichen halten müssen. „Kurz vor den Ferien musste die Hälfte der Kinder zu Hause bleiben“, gibt die Pfarrerin einen Einblick in den Kindergarten in Ochtrup gleich neben der Kirche. Die Eltern fragten sich und auch laut: „Wo soll ich noch die freien Tage hernehmen?“ Der Druck, unter dem Mütter und Väter ständen, sei groß. Deren Sorge laute: „Wie wird das im Herbst?“

Zehn Stunden weniger Betreuungszeit müssen die Eltern schultern – auch schon vor den Ferien. „Beide haben recht“, sagt Imke Philipps und meint die Eltern auf der einen sowie die Kita-Mitarbeiterinnen, die sich an die Gesetze halten müssten, auf der anderen Seite.

Ganz neue Frage nach der Schule

Eltern größerer Kinder, die die Schule beendet haben, machten sich Sorgen um die Zukunft ihrer Söhne und Töchter. Da gebe es durch Corona „ganz neue Fragen“: Praktika sind nicht möglich, Auslandsaufenthalte unwahrscheinlich, sicher geglaubte Ausbildungsplätze gestrichen.

Imke Phillips treibt es um, wie sich die Gesellschaft, wie sich das Leben, der Alltag und damit auch die Kirche verändert haben und weiter verändern. „Was werden wir wiederbekommen?“, fragt sie sich. „Das ist ja noch völlig offen.“ Kirchenaustritte in einer bedeutenden Anzahl hat es auch vor Corona gegeben – jetzt müsste die Kirche eigentlich gerade für die Menschen da sein. „Doch wir können es nicht so, wie es nötig wäre“, hebt die Pfarrerin auf Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen ab. Nur wenige Menschen dürfen in Metelen und Ochtrup zusammen Gottesdienst feiern, ein Teil der Bänke und Plätze müssen freibleiben. Inzwischen seien Treffen nach dem Gottesdienst auf einen Kaffee wieder möglich und fänden bei gutem Wetter draußen auch statt. Doch: „Gemeinschaft braucht Nähe“, bringt es Imke Philipps auf den Punkt. Genau diese aber kann sich mit eineinhalb Metern Abstand nur schwer entfalten.

Ohne Angehörige sterben

Es rückt langsam ins Bewusstsein: Es entsteht durch Corona eine neue Distanz zwischen den Menschen. Das so selbstverständliche Händeschütteln, sagen viele, fehle ihnen. Auch Imke Philipps vermisst es. „Es hat eine Verbindlichkeit ausgedrückt.“ Vertrauensvolle Gespräche, die spontan entstehen, etwa beim Kaffee nach dem Gottesdienst, kommen eben kaum bei 1,5 Metern Abstand und dem Verbot, sich umarmen zu dürfen, zustande.

Imke Philipps hofft, dass die Kirchenaustritte nicht weiter zunehmen, sondern Menschen, die hadern, vielleicht doch zu der Überzeugung gelangen, dass Kirche eine Größe ist, in der sich Menschen näher kommen können und somit quasi automatisch einen Gegenpol zu sozialer Kälte und Unverbindlichkeit bilden – wie immer Nähe in Zukunft auch gelebt werden kann.

Bei allen Herausforderungen: Rückblickend ist es für Imke Philipps das Schlimmste, dass Menschen in den ersten Wochen der Pandemie ohne Angehörige sterben mussten. An beide Seiten denkt sie hier. „Alles andere kann man irgendwie einholen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7497053?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F178%2F
Nachrichten-Ticker