Hermann Prüßner: Freizeitmaler mit Gespür für Farben
Meisterliche Interpretationen

Metelen -

Sie sind leicht zu verwechseln, und das hat seinen guten Grund. Dass die Bilder, die Hermann Prüßner malt, denen von August Macke ähnlich sehen, liegt daran, dass der Metelener glühender Bewunderer des berühmten Expressionisten ist. Daher sind seine Werke, von denen einige in Metelener Häusern hängen, weniger als Kopien zu verstehen, sondern viel eher als Interpretationen der Originale.

Samstag, 19.09.2020, 14:09 Uhr aktualisiert: 20.09.2020, 18:08 Uhr
August Mackes Bilder haben es Hermann Prüßner angetan. Die farbenfrohen Originale des viel zu jung gestorbenen Künstlers -- hier eine Sezenerie mit Hut tragenden Frauen -- sind immer wieder Vorlage für Aquarelle des Meteleners.
August Mackes Bilder haben es Hermann Prüßner angetan. Die farbenfrohen Originale des viel zu jung gestorbenen Künstlers -- hier eine Sezenerie mit Hut tragenden Frauen -- sind immer wieder Vorlage für Aquarelle des Meteleners. Foto: Dieter Huge sive Huwe

Das großformatige Aquarell an der Wand über dem Sofa lässt den Betrachter stutzen: Ein Macke in diesem zwar top-gepflegten, aber doch eher einfachen Haus? Das Werk eines der bekanntesten Expressionisten im Wohnzimmer? Erst der zweite, genauere Blick zeigt: Macke war die Vorlage, die „Dame in grüner Jacke“ trägt in der Kopie ein gelbes Kostüm. Nein, genauer: Letztlich handelt es sich nicht um eine Kopie, sondern um ein Bild nach Mackes Vorlage. Die Ausführung indes verdient mehr als nur Respekt. Der Umgang mit der Farbpalette und die Ausführung zeugen von großer handwerklicher Qualität.

„H. Prüßner“ ist das Bild signiert. H., das steht für Hermann , für einen Freizeitkünstler aus Metelen, der aus seiner Verehrung für August Macke keinen Hehl macht: „Mein Lieblingsmaler.“ Spätestens beim Gang durch das Haus in Burgsteinfurt, in dem er mit seiner frisch angetrauten Frau jetzt lebt, wird dies deutlich. Im Treppenhaus: Mackes Tunisreise, interpretiert von Hermann Prüßner. Die warmen Farben Nordafrikas, die Unbeschwertheit, mit der 1914, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs , die drei Malerfreunde Paul Klee, Louis Moilliet und eben August Macke bei ihrer Reise Märkte und Menschen festhielten – auch auf den Bildern im Treppenhaus findet sich dies wieder.

Nicht festgelegt

In anderen Räumen: Interpretationen norddeutscher Künstler aus der Worpsweder Künstlerkolonie, Stillleben unterschiedlicher Motive, auch mal ein Akt. Hermann Prüßner ist nicht festgelegt auf ein Sujet, wechselt auch die Stile, hat seine ganz eigene Vorstellung von Malstilen und schafft es, diese auch vorzeigbar umzusetzen.

Dabei nimmt sich der Hobbykünstler persönlich extrem zurück, gibt dem Besucher bei der kleinen Führung durchs Haus Raum und Zeit, die Bilder zu entdecken, Fragen zu stellen, letztlich auch zu staunen, was ein Konditormeister aus Metelen in seiner freien Zeit alles mit dem Pinsel geschaffen hat.

Denn Zeit war stets rar in der Bäckerei und Konditorei der Familie am Viehtor, die Hermann Prüßner 1976 übernahm. Wo heute eine Spiegelfolie im Schaufenster den Blick zurückwirft, drückten sich einst die Metelener Kinder die Nasen platt, um die süßen Kreationen des Meisters zu bestaunen. „Ich hatte 30 Jahre lang eine Sieben-Tage-Woche“, beschreibt Prüßner die Zeit der Selbstständigkeit. Für die Kunst blieb da nicht viel Raum. Maltechniken eignete er sich in den wenigen freien Momenten selber an. „Ich bin reiner Autodidakt“, berichtet er und erwähnt lediglich einen VHS-Kursus, den er einst belegte.

Ausdrucksformen

In der Wahl seiner Gestaltungsmittel zeigte er sich immer sehr experimentierfreudig: Aquarelle, Pastellkreide, Bleistift, auch Öl. „Ich habe alles ausprobiert“, schildert Prüßner diese Zeit, in der er Erfahrungen mit den unterschiedlichen Ausdrucksformen sammelte. Und für sich herausfand: „Ich wollte mich nie lange aufhalten.“ Sprich: Der schnelle Strich, die rasche Umsetzung der Bildidee ist seine Welt. Aquarelle liegen dabei in der Wahl seiner Mittel ganz vorne.

Es gibt etliche Metelener, die einen „echten Prüßner“ in der guten Stube hängen haben, verrät der Freizeitkünstler mit nicht zu übersehender Selbstironie. Vor zwei Jahrzehnten etwa stellte er, gemeinsam mit anderen Malern, seine Bilder im Bürgerhaus aus. Wer eines seiner Werke hat, hängt es zumeist auch auf.

Das war zu der Zeit, als Hermann Prüßner frühmorgens in der Backstube stand, anders. Die Kreationen, die dort entstanden, waren ebenfalls kunstvoll, aber halt ebenso vergänglich wie süß. In einem Album hat Prüßner Fotos von besonders ausgefallenen Stücken festgehalten, von Schaufensterdekorationen etwa zu Festtagen oder auch von der Stammtischrunde im Hotel Brink, die er einst samt Kartenspiel, qualmenden Zigarren und Aschenbecher aus Marzipan modellierte.

Spartanisches Atelier

Auch hier war die künstlerische Ader des Meteleners schon klar erkennbar. Spätere Versuche, mit Ton zu arbeiten, blieben solche – Versuche eben. Bilder waren und sind seine künstlerische Ausdrucksform. Ganz oben unterm Dach des Hauses gibt es einen kleinen Tisch, auf dem die Werke entstehen. Daneben stehen Leinwände, teils fertige Bilder, für die einfach kein Platz mehr ist im Eigenheim. Über dem Tisch: Regalbretter, auf denen Pinsel und Farben liegen. Das Atelier ist spartanisch. Doch auf dem obersten Regalboden stehen Bildbände, Kataloge von Ausstellungen, wie auch Fotos, die Inspirationsquelle von Hermann Prüßner. Und wer genau hinschaut, der entdeckt auch hier wieder August Macke – den Lieblingsmaler, der mit der traurigen Vita und den farbenfrohen Bildern.

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