Leben im Alter: Es fehlt im Ort an geeignetem Wohnraum
Immer offener für einen Neustart

Mittwoch, 13.01.2021, 06:00 Uhr
Die Bereitschaft zur Beschäftigung mit dem Thema Wohnen im Alter – auch im Fall einer Pflegebedürftigkeit – hat zugenommen. Das beobachtet Philipp Leusbrock vom gleichnamigen Pflegedienst.
Die Bereitschaft zur Beschäftigung mit dem Thema Wohnen im Alter – auch im Fall einer Pflegebedürftigkeit – hat zugenommen. Das beobachtet Philipp Leusbrock vom gleichnamigen Pflegedienst. Foto: Ferdinand Paul

 

Herr Leusbrock, die IG Bau machte kürzlich auf ein Defizit bei altersgerechtem Wohnraum für Ältere und Pflegebedürftige aufmerksam. Ihre Mitarbeiter sind regelmäßig in Wohnungen von Senioren. Was erwartet sie dort?

 

Philipp Leusbrock: Das sind ganz unterschiedliche Verhältnisse, von perfekten Wohnungen bis hin zu sehr kleinen Wohnungen mit kleinen Bädern, mit Räumen, in den Barrieren und Stufen sind. Wir erleben da wirklich alles.

Bedeutet das für ihre Mitarbeiter dann auch Mehrarbeit und kompliziertere Betreuung?

 

Leusbrock: Ja, das können die Mitarbeiter bestätigen. Das Kurioseste, an das ich mich selber erinnern kann, ist eine Badewanne, die auf einem Podest stand. Die Dusche lag außerdem hinter dieser Badewanne. Hinzu kam, dass der Pflegebedürftige ganz stark sturzgefährdet war. Ein besonders schwieriger Fall, sicherlich, aber doch beispielhaft. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die vorgesorgt und barrierefreie Bäder gebaut haben. Das ist dann auch für die Mitarbeiter eine Erleichterung. Gerade mit Blick auf rückenschonendes Arbeiten sind Hilfsmittel wie Lifte oder Pflegebetten wichtig. Es ist schwierig, wenn wir das nicht einbauen oder aufstellen können. Vielfach müssen wir uns provisorisch behelfen, was zu Belastungen für die Mitarbeiter führt, etwa mit Blick auf rückenschonendes Arbeiten.

Pflege ist für die Mitarbeiter Ihres Dienstes auch körperlich fordernd. Gibt es Fälle, in denen Betreuung allein schon aus physischen Gründen, weil etwa Hilfsmittel fehlen, abgelehnt werden musste?

 

Leusbrock: Ja, es kommt Gott sei Dank nicht oft vor, aber wir haben durchaus Fälle, wo wir zu Hilfsmitteln raten, die abgelehnt werden, etwa ein Pflegebett. Da müssen wir auch zum Schutz der Mitarbeiter sagen, dass die Pflege für uns so nicht leistbar ist. In den meisten Fällen können wir aber überzeugen.

Wie reagieren Senioren oder deren Angehörige auf plötzliche Pflegebedürftigkeit. Wie lange dauert es, ehe die Wohnung entsprechend angepasst wird?

 

Leusbrock: Sie stehen vor der Frage, ob man die Wohnung überhaupt anpassen kann. Das kann man nämlich nicht in allen Fällen. In anderen Objekten fragen sich die Besitzer: Lohnt sich der Umbau überhaupt? Und wenn ja: Wie schaut es mit den Handwerkern aus? Die sind in diesen Zeiten Mangelware. Nur wenn alles optimal läuft, ist beispielsweise so ein Badumbau in 14 Tagen erledigt. Muss man auf die Firmen warten, kann die Wartezeit aber auch Monate betragen.

Und in der Zwischenzeit?

 

Leusbrock: Das reicht von Provisorien bis hin zur Inanspruchnahme von Kurzzeitpflege. Diese Phase des Übergangs und der Umorientieren ist in jedem Fall belastend für die Pflegebedürftigen.

In der Zeit, in der die Wohnung noch nicht optimal auf die Bedürfnisse des Seniors und die Anforderungen ihrer Mitarbeiter eingerichtet ist – betreuen Sie die Menschen dann trotz dieser mangelhaften Bedingungen?

 

Leusbrock: Natürlich, klar. Wir versuchen jeden in der Häuslichkeit zu versorgen. Manchmal kommt man aber an einen Punkt, an dem man sagen muss: Macht das hier noch Sinn oder könnte man eine Alternative suchen, die für alle Seiten besser ist?

Beschäftigt das Thema einer plötzlichen Pflegebedürftigkeit die Menschen?

 

Leusbrock: Die Scheu vor einem Umzug in eine barrierefreie Wohnung war lange Zeit da, nimmt aber ab. Gerade Menschen, die um die 70 sind, machen sich jetzt schon Gedanken darüber, dass sie vielleicht nochmals umziehen möchten. Da merkt man einen Sinneswandel.

Ist das eine Generationenfrage?

 

Leusbrock: Bedingt sicherlich. Wir befinden uns im ländlichen Raum. Die Meisten haben ein Eigenheim. Bislang konnten sich viele nicht vorstellen, dort einmal fortzugehen, wo sie ihr Leben lang gewohnt haben. Sie sind verwurzelt in ihren Räumlichkeiten. Es ist ein Riesenschritt, in eine seniorengerechte Mietwohnung oder ins betreute Wohnen zu gehen. Andererseits erkennen viele die Vorteile einer solchen Lösung: Weniger Barrieren, weniger Aufgaben, um die sie sich kümmern müssen, wie etwa eine Garten. Wir bemerken, dass die nachfolgenden Generationen immer offener werden und sich vorstellen können, im Alter in einer Mietwohnung oder überhaupt in einer Wohnung zu leben.

Gibt es Informationen oder Hilfen zu Umbauten oder Sanierung von Wohnungen für die zu Pflegenden oder deren Angehörige?

Leusbrock: Das ist vielfältig. Wir selber machen Pflegeberatung, können auch auf das Thema der Wohnraumanpassung eingehen – auch im Rahmen einer Beratung in der Häuslichkeit selber. Es gibt daneben eine spezialisierte Wohnraumberatung der Caritas Rheine, ebenfalls vor Ort.

Wie sähe denn eine ideale Wohnung aus, die den Ansprüchen eingeschränkt beweglicher Senioren entspricht?

 

Leusbrock: Zu allererst: barrierefrei und bezahlbar. Wir sehen, dass das Rentenniveau abnimmt, zeitgleich aber die Mieten steigen. Für uns als Pflegedienst sind ein großes Badezimmer mit Bewegungsflächen – auch für Rollstühle – und möglichst auch eine gute Zugänglichkeit zum Pflegebett wichtige Punkte. Was ich immer ganz toll finde, ist, dass bei Menschen, die bettlägerig sind, ein Ausblick nach draußen möglich ist.

Was sollte Ihrer Ansicht nach unternommen werden, um die Menschen für das Thema altersgerechter Wohnraum noch mehr zu sensibilisieren?

 

Leusbrock: Wir beobachten, beispielsweise auch in Metelen, dass in den Wohnsiedlungen ganz viel Vereinzelung stattfindet. Die Menschen wohnen nach dem Auszug der Kinder noch mit ihrem Partner im Eigenheim. Wenn dann der Partner stirbt, gibt es viele Herausforderungen: Das große Haus bewältigen und dann, wenn sie pflegebedürftig sind, müssen sie oft spontan Entscheidungen fällen. Oder die Angehörigen stehen vor dem Problem: Wie geht es weiter mit Mutter oder Vater? Was können wir machen? Damit solche Entscheidungen nicht unter Zeitdruck fallen müssen, kann ich nur raten, sich frühzeitig Gedanken zu machen. Ein Umzug kann ja auch immer ein neuer Lebensweg sein. Wir haben eine Mieterin hier in Metelen, die sagte: „Für mich fängt nochmals ein ganz neues Leben an“. Und das, bevor die Pflegebedürftigkeit da ist. Hier geht es darum, neue Freiräume, etwa nach der Belastung mit dem Eigenheim, bewusst zu genießen.

Aber wo genau?

 

Leusbrock: Genau das ist der Punkt. Was fehlt, und da hat die IG Bau mit ihrer Warnung natürlich recht, sind bezahlbare und gut gebaute Wohnungen. Die fehlen, in und um Metelen. Wir haben das deutlich gemerkt, als wir erstmals unser Projekt für den Grundschulstandort öffentlich vorgestellt haben. Am Tag, nachdem die Zeitung berichtete, standen die Menschen – viele im Alter um die 70 – Schlange bei uns. Die Nachfrage zeigt sich auch bei unserem Objekt für das betreute Wohnen: Dort umfasst die Warteliste derzeit 30 Namen. Eigenheime zu bauen, ist sehr populär in Metelen und den anderen Orten. Doch gibt es eben ein deutliches Defizit an Mietobjekten. Deshalb sollte man aufbrechen und Mietwohnungen bauen, die auch auf die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst sind.

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