Von der letzten Einfahrt unter Tage
Tschüss Pütt!

Tecklenburger Land -

André Hecht öffnet die Tür des Förderkorbes in rund 1200 Meter Tiefe. Mit acht Metern pro Sekunde ist der Aufzug am Mettinger Nordschacht hinunter gesaust. Das gibt ordentlich Druck auf die Ohren. Unten erwarten die Besucher mollige 26 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Für die Bergleute war das jahrelang Alltag.

Sonntag, 04.11.2018, 13:14 Uhr aktualisiert: 04.11.2018, 13:18 Uhr
André Hecht hockt im Streb vor einem Kohlehobel. Das Gerät diente zuletzt nur noch zu Demonstrationszwecken. Besuchern wurde dort gezeigt, wie die Maschine funktioniert.
André Hecht hockt im Streb vor einem Kohlehobel. Das Gerät diente zuletzt nur noch zu Demonstrationszwecken. Besuchern wurde dort gezeigt, wie die Maschine funktioniert. Foto: André Verlemann

„Gerne auch mal bei mehr als 30 Grad“, berichtet Hecht . Der 48-Jährige gehört bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH zur Abteilung für Herrichtung, Gewinnung und Rauben. Zusammen mit seinem Kollegen André Verlemann hat er viele Besuchergruppen durch das Bergwerk geführt.

Doch diese Führungen gibt es nicht mehr. Denn Ende des Jahres ist Schluss mit dem Bergbau in Ibbenbüren und Mettingen. Mitte August haben die Kumpel die letzte Anthrazitkohle aus einem Streb im Beustfeld geholt. Das Rauben hat begonnen. So nennen die Bergleute den Vorgang, alle beweglichen Gerätschaften aus den Schächten zu holen. Knapp zwei Millionen Tonnen Kohle pro Jahr hat des Ibbenbürener Bergwerk in einer normalen Produktionsphase gefördert. 12 355 Menschen waren 1953 auf der Zeche beschäftigt. Ende 2018 werden es noch rund 550 Mitarbeiter sein.

Schon im Kontrollzentrum über Tage ist deutlich sichtbar, dass der Pütt bald „tschüss“ sagt. Nur noch ein Mitarbeiter steuert den Betrieb im Streb. Per Kamera überwacht er die Arbeit des Kohlehobels, der sich in den Berg frisst. „Viele Monitore und Computer sind längst abgebaut“, erklärt Hecht.

Das ist der Blick, den man hat, wenn man unter Tage aussteigt. Was einem zuerst ins Auge fällt, ist der halbrunde Ausbau mit dem sogenannten Ankersystem. Es ist der Bahnhof der Akkukatzen. Davon gab es in den besten Zeiten 26 Loks.

Das ist der Blick, den man hat, wenn man unter Tage aussteigt. Was einem zuerst ins Auge fällt, ist der halbrunde Ausbau mit dem sogenannten Ankersystem. Es ist der Bahnhof der Akkukatzen. Davon gab es in den besten Zeiten 26 Loks. Foto: Sabine Plake

Unter Tage stehen die Zeichen ebenfalls auf Abschied. Die sogenannten Akkukatzen an der Streckendecke des Lastenbahnhofs stehen still. Zu Spitzenzeiten transportierten die Schwebezüge ständig Arbeitsmaterial zu den Abbaubereichen. Diese Art des Lastentransports habe sich für den Bergbau bewährt, erläutert Verlemann. Denn der Boden auf den Strecken eines Bergwerkes sei ständig in Bewegung. „Was dem Berg einmal genommen wurde, das will er sich auch wieder zurückholen“, sagt er. Deshalb sei es besser, das Transportnetz nach Vorbild einer Schwebebahn zu installieren.

Das Bergwerk in Ibbenbüren

Wissenswertes rund um die Zeche: Zuletzt förderte das Bergwerk rund 800 000 Tonnen Kohle, davon ging weniger als die Hälfte in den freien Markt, der größte Teil wie immer an Block B des benachbarten Kraftwerks. Noch 2007 arbeiteten mehr als 30 000 Menschen im Steinkohlenbergbau in Deutschland. Die förderten 22 Millionen Tonnen Kohle. Nach dem Ausstiegsbeschluss wurden die politischen Vorgaben umgesetzt. 2011 waren nur noch 17 962 Menschen beschäftigt, die 12,3 Millionen Tonnen Kohle förderten. 2018 waren noch 847 Menschen auf der heimischen Zeche tätig, 83 davon im Kraftwerk. Es gab zuletzt zwei Standorte in Ibbenbüren und Mettingen: Zu dem Schacht von Oeynhausen gehört die Aufbereitung, das Kohlenlager, die Werkstätten, der Kohlenversand (Bahnhof), das Ausbildungszentrum und die Verwaltung. Zum Nordschacht gehört die Personenbeförderung (Seilfahrt), die Materialver- und -entsorgung, die Kälteanlage und die Verwaltung Grubenbetrieb. 2006 wurden unter Tage in Ibbenbüren noch 9515 Kilometer Strecke aufgefahren, zuletzt im Jahr 2017 noch 477. Die Streckenhöhe lag bei fünf Metern, die Streckenbreite bei etwa sieben Metern. In der Grube in Ibbenbüren gab es immer relativ viel Gas. Deswegen gab es rund 300 bis 350 Gasbohrungen pro Jahr. Dabei wurden etwa 70 Millionen Kubikmeter Gas (CH4) pro Jahr abgesaugt. Diese wurden in der eigenen Energieversorgungsanlage verwertet. Bis April 2019 sollen die Baufelder abgeworfen werden; bis September 2019 soll das Grubengebäude geräumt sein. Parallel bis Dezember 2019 werden die Schächte vorbereitet und verfüllt. Gleichzeitig wird die Wasserhaltung umgesetzt. Der übertägige Rückzug soll bis Juni 2022 stattfinden. Schon seit Jahren wird die Kohlekonversion geplant und verfolgt. Die Flächen sollen später touristisch und wirtschaftlich verwendet werden.

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Inzwischen hockt André Hecht in einem Streb vor einem Kohlehobel. Dort wird es eng. Ein Streb ist meist nur 70 Zentimeter hoch. Nichts für Menschen mit Platzangst. Gewaltige Stempel sind an die Decke gepresst. Die Maschine arbeitet nicht mehr, sondern diente bis zuletzt für Schulungs- und Vorführzwecke. Das gewaltige mit rund 1000 PS angetriebene Arbeitsgerät hat sich Stück für Stück in den Berg gefressen.

Dabei geht es darum, nur die Kohle und möglichst wenig Nebengestein aus dem Berg zu lösen. Die Kohle fällt auf die Kettenförderer und wird abtransportiert. Die Funktionsweise des Hobels lässt sich an diesem Modellstück anschaulich erklären. Aber auch dieses schwere Gerät wird mit dem Ende des Bergbaus abmontiert. „Grundsätzlich gilt, dass alle Materialien und Arbeitsgeräte, die nicht mit dem Berg verbunden sind, rauskommen“, sagt André Hecht.

Der Aufzug am Schacht Oeynhausen, der unzählige Mitarbeiter über Jahrzehnte bis in eine Teufe von 1500 Meter gebracht hat.

Der Aufzug am Schacht Oeynhausen, der unzählige Mitarbeiter über Jahrzehnte bis in eine Teufe von 1500 Meter gebracht hat. Foto: Sabine Plake

Sämtliche Sachen, wie Kabel, Pumpen oder elektrische Geräte sowie Substanzen, die sich mit Wasser vermischen oder die schwimmen können, müssen ebenfalls raus. Denn die verbleibenden Hohlräume werden geflutet. Das erzeuge einen Gegendruck, erklärt Verlemann. Sonst werde der Berg selbst aktiv.

Alles, was mit dem Gestein verhaftet ist, kann dagegen bleiben. Das gilt vor allem für die Stahlstützen der Strecken sowie für die Ankerstangen, die zur Stabilisierung der Gänge unter Tage in das Gestein getrieben und verklebt wurden. Eine Bergbautechnik, für die das Ibbenbürener Bergwerk als führend galt.

500 Jahre Bergbau

Die tiefste Stelle im Abbaugebiet des Ibbenbürener Bergwerkes liegt im Bereich Tannenkamp (Flöz 78, Mettingen) bei etwa 1560 Meter Teufe. Das ist der Fachbegriff, der die Entfernung zur Tagesoberfläche beschreibt. Der Bergbau hat in der hiesigen Region eine sehr lange Tradition. Seit mehr als 500 Jahren wird rund um den Schafberg nach Kohle gegraben. Kein Wunder, dass sich in dieser Zeit ein großes Streckennetz unter Tage gebildet hat. In der Zeit der vollen Produktion gab es knapp 90 Kilometer Strecke unter Tage. In der Auslaufphase sind es n

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Das ist vorbei. Er werde den Rückbau weiter begleiten, sagt André Hecht, als es im Förderkorb wieder nach oben geht. Natürlich blute ihm das Herz, weil es auf das Ende zu gehe. Seit 1986 arbeitet Hecht auf der Zeche. Er kennt die Welt unter Tage wie seine Westentasche. Andererseits sei so ein Rückbau noch einmal eine besondere Herausforderung. Die Wehmut überwiegt aber letztendlich. Wer einmal unten war, kann das ein Stück weit nachvollziehen. Denn am 31. Dezember 2018 wird nicht weniger als ein prägendes Kapitel deutscher Industriegeschichte geschlossen. Tschüss Pütt.

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