Notfallseelsorge sucht Verstärkung in Lotte und Westerkappeln
Ersthelfer für die Seele

Lotte/Westerkappeln -

Ein schwerer Unfall oder ein Schicksalsschlag verändern oft in wenigen Momenten das ganze Leben. Dann ist es gut, Menschen in der Nähe zu haben, die in der Krisensituation beratend und helfend zur Seite stehen. Diese Aufgabe erfüllen Notfallseelsorger. Und die suchen Verstärkung aus Lotte, Westerkappeln, Mettingen und Tecklenburg.

Freitag, 08.03.2019, 17:00 Uhr
Speziell geschulte Notfallseelsorger, die über die Kreisleitstelle von Polizei oder Feuerwehr alarmiert werden, kümmern sich bei schweren Unfällen oder Schicksalsschlägen um traumatisierte Menschen.
Speziell geschulte Notfallseelsorger, die über die Kreisleitstelle von Polizei oder Feuerwehr alarmiert werden, kümmern sich bei schweren Unfällen oder Schicksalsschlägen um traumatisierte Menschen. Foto: dpa

Die Erste Hilfe für die Seele fragt nicht nach Religion, Weltanschauung, Hautfarbe oder Nationalität, sondern begleitet alle Menschen, die als Opfer, Angehörige, Beteiligte oder Helfer in schlimme Ausnahmesituationen geraten sind. Die Einsätze werden ausschließlich über die zuständige Rettungsleitstelle ausgelöst. Für die Betroffenen ist der Dienst der Notfallseelsorge kostenlos.

Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste alarmieren die Notfallseelsorge immer dann, wenn Menschen von einem plötzlichen Unglück oder Schicksalsschlag betroffen sind. Das können ein tragischer Verkehrsunfall, ein unerwarteter Todesfall zuhause, vielleicht mit unklarer Todesursache oder auch ein Suizid sein. Manchmal ist auch das Überbringen einer Todesnachricht erforderlich. Allesamt Situationen, in denen Menschen besonders verletzlich und schutzbedürftig sind. Die speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Notfallseelsorger stehen dann in der Begleitung der Betroffenen zur Seite.

In den Münsterlandkreisen wird die Notfallseelsorge seit Jahren von der evangelischen und katholischen Kirche in ökumenischer Gemeinschaft getragen. Die Verantwortlichen der Notfallseelsorge in der Region sind zusammengeschlossen in der AG Münsterland. Diese kümmert sich unter anderem um die gemeinsame Grundlagenausbildung neuer Mitarbeiter.

Nach Auskunft von Diakon Eugen Chrost aus Lengerich, Ansprechpartner fürs katholische Bistum Münster, gibt es derzeit insgesamt 50 Notfallseelsorger im Kreis Steinfurt, „tendenziell mehr Frauen als Männer“. Davon sind ein Drittel hauptamtlich und zwei Drittel ehrenamtlich tätig. Rund um die Uhr habe immer eine Person Bereitschaftsdienst. Da das Einzugsgebiet der Leitstelle von Polizei und Feuerwehr sehr groß sei, wünsche man sich noch Aktive aus Lotte, Westerkappeln, Mettingen und Tecklenburg, um „die weißen Flecken“ im Randbereich des Kreises abzudecken.

Kooperiert die Steinfurter Leitstelle denn da nicht mit der in Osnabrück? „In der Regel nicht“, sagt Eugen Chrost, „weil jede Leitstelle eigenverantwortlich ist.“ Nur in Ausnahmefällen, bei grenzüberschreitenden „großen Lagen“ arbeite man mit Nachbarkreisen und über die Landesgrenze hinweg zusammen.

Die Ausbildung zum Notfallseelsorger dauert etwa ein Jahr und ist für die Bewerber kostenlos. Finanziert wird sie laut Diakon durch Zuschüsse von den Kirchen und Spenden. Im ersten Halbjahr findet sie in Form von fünf Fortbildungswochenenden statt. Das zweite Halbjahr beinhaltet die Einführung ins Notfallseelsorgesystem, Hospitanzen sowie Praktika bei Polizei und Feuerwehr.

Wer sich in Notfallseelsorge ausbilden lassen will, muss allerdings eine Selbstverpflichtung für zwölf Diensteinsätze im Jahr unterschreiben, hat also etwa einmal im Monat Bereitschaftsdienst. Eine Freistellungsbestätigung vom Arbeitgeber wie beim Katastrophenschutz sei momentan nicht nötig, weil die Notfallseelsorger nicht zum Dienst eingeteilt werden, sondern sich selber eintragen, wann und wie sie Zeit haben. „Das klappt gut“, so Eugen Chrost.

Der Nachteil speziell für Randgemeinden wie Lotte sei die Entfernung des oder der Diensthabenden zum Einsatzort: Von Ochtrup nach Lotte brauche der Notfallseelsorger schon mal eine Stunde Fahrzeit. Deshalb ist Verstärkung insbesondere aus Lotte oder Westerkappeln gefragt.

Welche Voraussetzungen sollten die Bewerber mitbringen ? „Auf jeden Fall Empathie und die Fähigkeit, auch schreckliche Dinge auszuhalten“, sagt der Diakon. Die angehenden Notfallseelorger sollten deshalb psychisch stabil sein, „mitten im Leben stehen“ und mindestens 25 Jahre alt sein.

Beate und Martin Voges aus Horstmar sind seit 2011 beziehungsweise 2008 ehrenamtliche Notfallseelsorger. Martin Voges kam über das DRK dazu. Das sollte aber nicht die Regel sein: „Es ist eher störend, wenn sie noch in anderen Hilfsdiensten aktiv sind, weil sie dann in der akuten Lage erst überlegen müssen, wofür sie denn jetzt den Hut auf haben“, erklärt Chrost.

Zu den größten Herausforderungen, die der Lengericher Diakon und das Ehepaar Voges bisher erlebt haben, gehörte das schwere Busunglück in Tecklenburg im Januar 2018. Chrost war auch bei der Geiselnahme mit 43 Kindern Anfang dieses Jahres in Lengerich im Einsatz.

Mit solchen Situationen müssen auch Notfallseelsorger nicht alleine fertig werden: Einmal im Monat treffen sie sich zu Fallbesprechungen, Erfahrungsaustausch und thematischen Impulsvorträgen, alle zwei Monate zum Stammtisch an unterschiedlichen Orten. Eine ausgebildete Psychotherapeutin steht als hauptamtliche Supervisorin zur Verfügung: „Da können sich unsere eigenen Notfallseelsorger melden, ohne dass wir etwas davon erfahren.“

Beate und Martin Voges haben den Vorteil, dass sie meistens zu zweit im Einsatz sind und schon auf dem Nachhauseweg das Geschehen gemeinsam reflektieren können. Einzelfälle wie der plötzliche Tod eines Familienvaters, der vor den Augen von Frau und zwei kleinen Töchtern auf dem gemeinsamen Weg zum Auto einfach umfiel, seien oft viel dramatischer als die großen Unglücke, erzählt Martin Voges: „Der Mann lag tot vor der Tür. Die Frau war völlig fassungslos, die Kinder verstanden gar nicht, was los war.“

Dann spenden die Notfallhelfer nicht einfach nur Trost, sondern organisieren auch die Hilfe und Unterstützung durch Angehörige, Freunde oder auch Therapeuten. „Wir sind bislang eigentlich immer recht zufrieden zurückgefahren, weil es uns gelungen ist, ein Netzwerk aufzubauen. Die Gewissheit, man hat entweder die passende Hilfe organisiert oder die Leute sind wieder orientiert, ist der Ansporn“, so Martin Voges. Und seine Frau ergänzt: „Das ist eine sinnvolle Sache. Das Gefühl, dass man helfen konnte, motiviert!“

Noch bis Ende Juli könnten sich Bewerber entweder bei Eugen Chrost per E-Mail an: chrost@bistum-muenster.de oder unter ✆  0169-90862247 oder bei Pfarrerin Alexandra Hippchen, E-Mail: hippchen@der-kirchenkreis.de, melden. Im August finden dann die Bewerberauswahlgespräche statt.

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