Nordwalde
Sonderling und Kartenmotiv

Dienstag, 15.12.2009, 15:12 Uhr

Nordwalde - Eines der bekanntesten Dorforiginale in Nordwalde vor dem Ersten Weltkrieg (1914-18) war zweifellos „Holländsk Löttken“. Wegen dieses ungewöhnlichen plattdeutschen Namens waren viele Nordwalder der Meinung, die Frau sei aus dem benachbarten Holland in die Gemeinde gekommen. Wer aber in den alten Kirchenbüchern liest, stellt fest, dass es sich bei ihr um ein echtes Nordwalder Eigengewächs handelt. Laut Nordwalder KB 7 (Kirchenbuch Nummer sieben) ist am 5. Juni 1820 Anna Maria Elisabeth Holländer geboren, genannt Charlotte. Ihr Vater war der Tagelöhner Bernhard Hermann Holländer, die Mutter Elisabeth Holländer, geborene Meyers (eigentlich Hundeler), aus der Bauerschaft Westerode. Als Paten fungierten Anna Maria Holländer und Johann Bernhard Halstrup.

Nach der Schulzeit lernte sie wie die meisten jungen Nordwalderinnen zunächst das Spinnen und Weben und betätigte sich später als Weißnäherin überall in der Gemeinde. Aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit im „Außendienst“ war sie in vielen Nordwalder Haushalten bestens bekannt.

Als im Alter ihre Sehkraft nachließ, konnte sie die feine Näharbeit nicht mehr ordnungsgemäß durchführen, mit dem Ergebnis, dass sie als arbeitslose Frau ins Armenhaus musste. Nordwalde hatte zwei Armenhäuser, die von „gutherzigen Leuten“ mit Kapitalien und jährlichen Spenden unterhalten wurden. Das eine lag am Kirchhof und wurde im Jahre 1900 vom Schuhmacher Bernhard Oberhaus gekauft. Das andere lag außerhalb des eigentlichen Dorfes auf dem sogenannten „Meer“ und wurde nach dem Stifter „Lütke Schmedde“ benannt. Hier wurde Charlotte Holländer untergebracht. Es handelte sich um ein baufälliges Fachwerkhaus mit nur zwei Räumen. Weil es keine Feuerstelle hatte, musste „Löttken“, wie sie fortan von den durchweg plattdeutsch sprechenden Nordwaldern genannt wurde, schon notgedrungen auswärts zum Essen gehen. Deshalb suchte sie im Laufe der Woche bestimmte Kosthäuser auf und sammelte Essen in ihrem Henkeltopf.

Den Kindern im Dorf fiel das natürlich auf und sie bedachten sie mit dem Spottvers: „Löttken schrappt Pöttken, schrappt diege, diege ut von binnen un buten un krigg ne ruhe Schnut!“ Erst durch die Aufnahme ins Armenhaus und das Betteln wurde „Löttken“ in Nordwalde fast jedem bekannt. Durch die damals geringe soziale Absicherung älterer Menschen war sie auf die Gaben der Dörfler angewiesen und konnte sich nicht selber ernähren. Auch in anderen Gemeinde gab es diese „Sonderlinge“. Von ihrer Frömmigkeit zeugen ihre Worte, wenn gutgesinnte Kinder ihr die Hand gaben. Sie sagte dann: „Gueden Dag, Kinner! Siägn ju guet un biät ju guet, dann geiht ju guet!“

Löttken ging auch zu jeder Hochzeit und gratulierte den Brautleuten. Dann bekam sie immer reichlich Essen in ihren Henkeltopf. Im Winter nahm sie meistens noch ihr „Füerstövken“ mit. In manchen Häusern wurden ihr einige Stücke Holzkohle hineingelegt, so dass sie sich wärmen konnte. Trotz der Zuwendungen aus dem Armenfonds führte Löttken ein unstetes Leben. Mit 90 Jahren litt sie zusätzlich zur aufkommenden geistigen Verwirrung an Altersschwäche. Da das Armenhaus 1911 abgebrochen wurde, wurde sie nach vorübergehender Pflege im Krankenhaus am 30. März 1912 in die Heilanstalt Eickelborn eingewiesen, wo sie am 26. Juni 1916 verstarb. Zur Erinnerung an dieses Nordwalder Original, das sogar als Postkartenmotiv diente, ist eine Straße auf dem „Meer“ „Löttkenstraße“ genannt worden. Der Name beinhaltet ein Stück historisches Nordwalde, aber auch viel sozialen Sprengstoff.

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