Nordwalde
Von wegen gute, alte Zeit

Donnerstag, 24.03.2011, 15:03 Uhr

Nordwalde - Dass das Leben auf dem Lande im Münsterland der 50er Jahre kein Zuckerschlecken war, vor allem nicht für eine Kleinbauernfamilie mit elf Kindern, das hatten sich die Zuhörer im Speicher wohl denken können. Aber als sie es von Heinrich von der Haar während der Lesung aus seinem Roman „Mein Himmel brennt“ mit solcher Deutlichkeit vorgeführt bekamen, waren die Härte, die Strenge und die Brutalität eines solchen Familienlebens erschütternd.

Heinrich von der Haar, in seiner Kindheit von allen nur Heini genannt, hatte es wie seine Geschwister schon in der Bauerschaftsschule schwer. Wer zu Hause nur Platt sprechen gelernt hat, muss in der Schule Hochdeutsch wie eine Fremdsprache lernen. Heute würde man das als Handicap bezeichnen. Auf die Realschule zu gehen und später eine Ausbildung machen zu können, kommt selten genug vor. Für weibliche Geschwister ist sogar das Leben im Kloster erstrebenswert, um dem harten Landleben auf dem Kleinbauernhof zu entgehen.

In von der Haars Buch kommt alles vor, was das Leben in diesen Jahren bestimmte: die Flurbereinigung und ihre Folgen für die Landbevölkerung, die familiäre Enge und Brutalität, strengste Erziehung und eine Kirche, die wettert und Menschen bloßstellt, wo sie Halt geben sollte.

Allerdings fehlte es bei der Lesung nicht an humorvoller Distanz des Erzählers. Es gab auch durchaus was zu lachen. Durch die vielen autobiografischen Züge des Romans ist der Abstand vom lesenden Autor zum Publikum gering.

Der Autor, Jahrgang 1948 und im nördlichen Münsterland in kleinbäuerlicher Großfamilie aufgewachsen, weiß genau, wovon er erzählt. Er machte auf dem zweiten Bildungsweg, der damals eingeführt wurde, das Abitur und konnte später studieren und promovieren. Heute wohnt er in Berlin.

Wer diese Zeiten selbstmiterlebt hat, konnte im Speicher vieles von früher wiedererkennen. Wer jünger ist, konnte staunen über ein starkes, facettenreiches „Sittengemälde aus Westfalen“, das die 50er Jahre beschreibt und zugleich eine persönlich berührende Geschichte ist. Das Publikum war begeistert, und unterhielt sich nachher noch lange mit dem Autor.

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