Vorsicht vor den freien Radikalen
Kabarettist Philipp Weber nahm gekonnt Ernährung, Gesundheitswahn und Biogemüse auf die Schippe

Nordwalde -

„Du bist, was du isst – doch woher soll ich wissen, was ich bin, wenn ich nicht mehr weiß, was ich esse?“ Unter dieser Fragestellung stand ein höchst unterhaltsamer Abend im Forum der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule. Kabarettist Philipp Weber stellte am Donnerstagabend seine Sicht auf Nahrung, Ernährungsgewohnheiten und damit verbundene allzu menschliche Verhaltensweisen unter dem Titel „Futter“ dar.

Samstag, 10.11.2012, 10:11 Uhr

Vorsicht vor den freien Radikalen : Kabarettist Philipp Weber nahm gekonnt Ernährung, Gesundheitswahn und Biogemüse auf die Schippe
Er zeigt die Schwachstellen auf:  Kabarettist Philipp Weber beschäftigte sich mit den Irrungen und Wirrungen der bundesdeutschen kulinarischen Wirklicht – und überzeugte damit sein Publikum. Foto: Christoph Brodesser

Rund um eine fiktive Abendessensrunde stellte Weber die verschiedenen Irrungen und Wirrungen der bundesdeutschen kulinarischen Wirklichkeit vor und sparte dabei auch nicht mit Seitenhieben auf Politik, Wirtschaft, Eurokrise und Plagiatsaffären. Es bestehe doch tatsächlich der Verdacht, dass Dr. Oetker bei Puddingrezepten von Knorr abgeschrieben habe. „In der Küche gibt es keine Misserfolge“, schärfte Weber seinen Zuhörern ein und betonte, dass es nur darauf ankomme, Küchenkatastrophen durch kreative Wortwahl als gewollt darzustellen. Schließlich sei eine Suppe niemals versalzen, „sondern nach Art der bretonischen Fischer saliniert“. Weber, der inzwischen mit einer ganzen Reihe verschiedener Kleinkunst-Preise geehrt worden ist, darunter der „ Salzburger Stier “ und der „ Deutsche Kabarettpreis “, schafft es immer wieder, das Publikum in seine Geschichten einzubinden, vor allem dann, wenn er für bestimmte Themen eine offensichtlich besondere Vorliebe hegt. Besonders der Umgang mit Lebensmitteln und die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen haben es Weber angetan. Die Zutatenlisten industriell hergestellter Fertigprodukte waren dabei ebenso Gegenstand der Betrachtung wie die Künste der Verpackungsindustrie und die farbenfrohen Umschreibungen bei den Kennzeichnungen industriell hergestellter Lebensmittel. So habe er noch niemals einen Fruchtjoghurt mit der Bezeichnung „Nutzholz-Maracuja“ gefunden, obwohl das enthaltene Erdbeeraroma doch eigentlich aus Sägespänen bestehe. Und die verbreitete Vorliebe, Gerichte der deutschen Hausmannskost geradezu zwanghaft mit Elementen und Zubereitungsarten fremder Küchenkulturen zu kombinieren, wurden von ihm als „Steckrüben-Carpaccio“ aufgespießt. Nicht zuletzt aber der mit Ernährung verbundene Gesundheitswahn wurde von Weber glossiert: von Übergewicht bis zu Untergewicht, von Cholesterinangst bis zu zweifelhaften Forschungsmethoden, von Gentechnik bis zu möglichen Auswirkungen von Handystrahlen reichte der von ihm geschlagene Bogen zum Ergötzen des Publikums. Wenn er verkündete, „freie Radikale sind die Hisbollah des Stoffwechsels“, war ihm der Szenenapplaus sicher. Seine kurzweilige Erläuterung von Omega-3-Fetten, rechts- und linksdrehenden Milchsäuren und der Tatsache, dass Vitamin C eigentlich nur gegen Skorbut helfe, den man sich in Mitteleuropa aber bestenfalls am Wochenende beim Tretbootfahren einfangen könne, war nicht nur unterhaltsam, sondern auch wissenschaftlich korrekt – den studierten Chemiker und Biologen konnte Weber hier nicht verleugnen. Und schließlich gab er die Erklärung dafür, warum Biogemüse immer so schrumpelig und unansehnlich sein müsse. Denn wäre Biogemüse schön saftig und glatt, würde kein Kunde glauben, dass es wirklich „bio“ sei und es im Laden liegenlassen. Nach mehr als zwei Stunden, die allerdings wie im Fluge vergingen, spendete das Publikum begeisterten Applaus. Das Kulturforum Steinfurt, Essmann‘s Backstube, die KvG-Gesamtschule und die Bürgerstiftung Bispinghof hatten Weber eingeladen und damit offensichtlich den Nerv der Nordwalder getroffen. Doch bei all der Unterhaltung stimmte Webers Kabarett auch nachdenklich über das eigene Ess- und Konsumverhalten.

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