Die „Würde der Anna“
Die „Gute alte Zeit“ war nicht nur gut

Nordwalde -

Die „gute alte Zeit“ war oft eher das Gegenteil von schön. Wie das Leben vor rund 100 Jahren ausgesehen hat, schilderte Künstlerin Angelika Schlüter am Beispiel ihrer Urgroßmutter Anna im Rahmen der 10. Nordwalder Biografietage.

Montag, 25.09.2017, 16:09 Uhr

Künstlerin Angelika Schlüter erzählte mit Hilfe eines multimedialen Kunstprojektes die „Würde“ ihre Großmutter Anna, trotz vieler Schicksalsschläge. Der Hungertisch (kl. Bild) als Symbol für entbehrungsreiche Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Künstlerin Angelika Schlüter erzählte mit Hilfe eines multimedialen Kunstprojektes die „Würde“ ihre Großmutter Anna, trotz vieler Schicksalsschläge. Der Hungertisch (kl. Bild) als Symbol für entbehrungsreiche Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Foto: Terstegge

Die „gute alte Zeit“ war eigentlich oft eher das Gegenteil von schön. Wie das Leben vor rund 100 Jahren ausgesehen hat, schilderte die Künstlerin Angelika Schlüter am Beispiel ihrer Urgroßmutter Anna. Im Rahmen der 10. Nordwalder Biografietage interessierten sich knapp 30 Besucher am Samstag auf dem Bispinghof für „Die Würde der Anna“. In einem multimedialen Kunstprojekt hat Schlüter sich mit ihrer Urgroßmutter beschäftigt. Ein Hörspiel, Musik, ein Tisch mit Sammelgut aus der Hungerzeit schilderten die Geschichte der Anna, ergänzt durch eine elf Quadratmeter große Wandcollage mit Fotos, Zeichnungen, Briefen und kleinen Installationen zum Thema im Wasserschloss Haus Stapel (Havixbeck), wo die Künstlerin wohnt.

Von 1867 bis 1947 lebte Anna und hatte immer wieder mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Geboren im Sudetenland, war es für Kinder schon eine Leistung, überhaupt das Babyalter zu überleben. Auch den Naturgewalten musste getrotzt werden. „Bei Gewitter saßen alle in der Mitte der Küche um den Tisch, auf dem eine Bibel, ein geweihter Buchsbaum und eine Kerze lagen“, erzählt die Stimme. Irgendwann, als Anna sieben Jahre alt war, geschah aber ein Unglück, bei dem 100 Häuser im Dorf verbrannten.

Mit Dankbarkeit wurde das Land beackert und alle Nahrungsmittel, die die Natur hergab, auch verarbeitet. Ihren Lebensunterhalt bestritten viele Familien mühsam mit der Ernte von Flachs und der Weberei. Schon damals setzte Anna sehnsuchtsvoll Papierschiffchen in den Bach, weil sie wusste, dass sie irgendwann am Meer landen würden.

Im Jahr 1889 heiratete Anna einen Pferdehändler, mit dem sie fünf Kinder hatte. Dann verliebte sie sich in einen Franzosen und wurde schwanger. Drei Monate nach der Geburt der Tochter hängte sich ihr Mann auf. Die Witwe mit ihren sechs Kindern wurde im Dorf geächtet. Ein Jahr lang dauerte es, bis der zehn Jahre jüngere Johann sie erobern konnte und schließlich 1904 heiratete. Auch er wurde geächtet. Drei gemeinsame Kinder kamen noch dazu. Als es immer schwieriger wurde für die Familie, machten sie sich auf den Weg ins Münsterland, wo Weber in der Textilindustrie gebraucht wurden.

Auch hier war es nicht leicht. Zwei Weltkriege mussten überstanden werden. Die Angst um die Familie im Zweiten Weltkrieg machte Anna krank. Sie starb schließlich 1947.

Die Zuhörer hatten viele Fragen an Angelika Schlüter und waren beeindruckt von ihrer Urgroßmutter und deren Lebensmotto: „Es gibt immer etwas abzugeben“.

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