Frank Lünschen im Interview
„Politische Bankrotterklärung“

Nordwalde -

Warum werden die Probleme in der Pflege von der Politik nicht angegangen? Frank Lünschen hat eine Antwort gefunden: Im Hinblick auf die demografische Entwicklung berge das Thema riesengroßen Sprengstoff. Auch zum Mangel an Mitarbeitern und dem Pflegemindestlohn äußert sich der Altenzentrum-Geschäftsführer im Interview.

Mittwoch, 10.01.2018, 18:01 Uhr

Frank Lünschen hält die Suche nach Pflegekräften im Ausland für einen, aber nicht den einzigen Weg. 
Frank Lünschen hält die Suche nach Pflegekräften im Ausland für einen, aber nicht den einzigen Weg.  Foto: Pjer Biederstädt

Spätestens vor Bundestagswahlen wird das Thema Pflege wieder diskutiert. Die Probleme sind bekannt: allen voran schlechte Bezahlung und hohe Belastung. Im Interview mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski äußert sich Frank Lünschen, Geschäftsführer des St.-Augustinus-Altenzentrums, über Maßnahmen, um die Attraktivität des Berufes zu steigern.

Nachrichten über die Pflege betreffen nicht selten den Mangel an Mitarbeitern. Wie ist die Situation im St.-Augustinus-Altenzentrum?

Frank Lünschen: Am Standort Nordwalde haben wir circa 100 Mitarbeiter in der Pflege und suchen ständig welche – examinierte Mitarbeiter wie auch Pflegehelferinnen. Wir könnten eigentlich eine höhere Nachfrage bedienen, aber das scheitert tatsächlich daran, dass uns die Mitarbeiter fehlen.

Besonders im Zusammenhang mit der Wahl ist das Thema Pflege wieder in Vordergrund gerückt. Wie beurteilen Sie solche Diskussionen?

Lünschen: Besonders vor Bundestagswahlen ist die Pflege ein Thema, nach der Regierungsbildung gerät es wieder in den Hintergrund, weil man nicht bereit ist, die Problematik in der Pflege anzugehen. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung muss man sagen, dass das Thema auch riesengroßen Sprengstoff birgt.

Seit Anfang diesen Jahres gilt im Westen ein Pflegemindestlohn von 10,55 Euro. 2019 und 2020 folgen weitere Steigerungen. Vom Pflegemindestlohn profitieren vor allem Pflegehilfskräfte, in Privathaushalten gilt er nicht. Ist die Erhöhung der richtige Weg?

Lünschen: Grundsätzlich ist die Anhebung natürlich notwendig. Wenn man ehrlich ist, ist das aber eine politische Bankrotterklärung. Mitarbeiter, die 45 Jahre mit Mindestlohn arbeiten, haben ein Rentenniveau, das unter der Grundsicherung liegt. Der Mindestlohn müsste so hoch sein, dass das Rentenniveau nach 45-jähriger Berufstätigkeit wenigstens über der Grundsicherung liegt.

Für Pflegekräfte mit Tarifbindung ist der Pflegemindestlohn nicht relevant. Das St.-Augustinus-Altenzentrum ist in kirchlicher Trägerschaft. Wie ist die Situation bei Ihnen?

Lünschen: Wir sind durch die Arbeitsvertragsregelungen des Caritas-Verbandes tarifgebunden. Wir bezahlen deutlich über dem Mindestlohn. Und neben der Bezahlung haben wir auch eine Zusatzversorgung für die Mitarbeiter. Wir erwarten im Umgang mit den Klienten ein hohes Maß an Wertschätzung. Dann sollte auch in der Entlohnung eine Wertschätzung erfolgen. Da ist eine gewisse Disparität erkennbar. Die Entlohnung stimmt nicht mit dem überein, was wir gegenüber unseren Klienten versuchen, umzusetzen.

Trotz Tarifverträgen steht die Entlohnung immer wieder in der Diskussion. Ist eine Erhöhung ein Teil der Lösung, um mehr Mitarbeiter zu gewinnen?

Lünschen: Wir müssen eine Entlohnung bekommen, die es ermöglicht, dass man davon leben kann. Bei den examinierten Kräften sind wir im Tarifrecht relativ gut aufgestellt im Vergleich zu anderen. Das größte Problem im stationären Bereich ist, dass kein Personalbemessungsverfahren umgesetzt wurde. Ein vernünftiges Personalbemessungsverfahren würde die Attraktivität des Berufs erhöhen.

Die hohe Belastung wird neben der schlechten Bezahlung häufig als zweiter Knackpunkt genannt. Durch die hohe Belastung sollen auch wenige Pflegekräfte wirklich langfristig im Beruf bleiben. Machen Sie solche Erfahrungen?

Lünschen: Das hören wir und das ist sicherlich auch branchentypisch. Wir erleben das aber nicht. Im ländlichen Raum gibt es eine relativ starke Bindung an die Einrichtung. Und bei uns arbeiten wir durch professionelle fachliche Unterstützung und Begleitung der Pflegekräfte durch die Vorgesetzten dem entgegen, um diese hohe professionelle und emotionale Belastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter miteinander zu teilen und abzubauen.

Wie groß ist die Bereitschaft von jungen Menschen, den Beruf zu ergreifen?

Lünschen: Wir haben knapp 20 Auszubildende im Bereich der Pflege. Wir erleben aber auch die Akademisierung in der Gesellschaft. Nach außen hat der Beruf eine hohe Wertschätzung, das Image des Berufs ist aber nicht förderlich. Obwohl das ein sehr interessanter, menschenzugewandter und auch qualifizierter Beruf ist, in dem man auch Erfüllung finden kann.

Muss verstärkt im Ausland nach Pflegekräften gesucht werden?

Lünschen: Wir wissen eigentlich alle, dass wir ein Stück weit ein Einwanderungsland werden müssen, wenn wir die Qualität in vielen Bereichen halten wollen. Dazu gehört auch, dass im Bereich Pflege Versuche unternommen werden müssen, Mitarbeiter aus dem Ausland – mit den negativen Auswirkungen in den Herkunftsländern – zu gewinnen. Das ist sicherlich ein Weg, aber nicht der einzige, um das Problem zu lösen.

Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Inwiefern sind familienfreundliche Arbeitszeiten in der Pflege möglich?

Lünschen: Wir ermöglichen Teilzeit und unterschiedliche Dienstzeitmodelle. Die Schwierigkeit im Bereich Pflege, gerade in solchen Einrichtungen, ist, dass wir letztendlich sieben Tage die Woche Dienst an den Menschen erbringen müssen. Wir versuchen natürlich Mitarbeitern entgegenzukommen, das stößt aber immer wieder auch an Grenzen. In der Pflege ist die Fünfeinhalb-Tage-Woche üblich. Wenn ich Familienfreundlichkeit darüber definiere, dass man jedes Wochenende frei hat, dann ist das relativ schwierig möglich. Wenn man sich unter Familienfreundlichkeit absolute Flexibilität vorstellt, wird das nie gehen.

Welche Maßnahmen könnte man noch ergreifen, um die Attraktivität des Berufs zu steigern?

Lünschen: Wir machen uns unser Berufsfeld ein Stück weit kaputt, wenn wir den Mangel an Pflegekräften dadurch kompensieren, dass wir eine immer aufwendigere Bürokratie bekommen. Der Bürokratieabbau ist eine Aufgabe. Natürlich müssen Kontrollen sein, aber man muss auch ein Stück weit Vertrauen in die Menschen haben. Es scheint mir von besonderer Bedeutung, nicht einseitig die negativen Seiten, den immerwährenden Mangel, die Bezahlung, etc. in den Mittelpunkt des Interesses – auch seitens der Presse – zu stellen, sondern auch die positiven Seiten des Berufes in der praktischen und konkreten Begleitung alter Menschen in die Waagschale zu werfen, was sicherlich zur Attraktivität des Berufes beiträgt. Diese enorme professionelle Verantwortung, außerordentliche menschliche Nähe zu den Menschen beinhalten sehr großen Respekt zu einer solchen Berufsentscheidung. Hut ab!

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