Interview mit KvG-Schulleiterin Karla Müsch-Nittel
„Lernen braucht immer Zeit“

Nordwalde -

Digitalisierung ist zu einem Schlagwort in fast allen Lebensbereichen geworden, auch in der Schule. Darüber sowie über die Integration von Geflüchteten, sinkende Schülerzahlen und die Herausforderungen in den kommenden Jahren spricht Karla Müsch-Nittel, Schulleiterin an der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule, im Interview.

Freitag, 07.12.2018, 21:00 Uhr aktualisiert: 07.12.2018, 21:04 Uhr
Karla Müsch-Nittel, Schulleiterin an der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule, spricht im Interview über die Vorteile von Gesamtschulen, die digitale Schule und Leistungsdruck bei Schülern.
Karla Müsch-Nittel, Schulleiterin an der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule, spricht im Interview über die Vorteile von Gesamtschulen, die digitale Schule und Leistungsdruck bei Schülern. Foto: Vera Szybalski

Die Kardinal-von-Galen-Schule steht vor mehreren Herausforderungen. Darüber sprach Schulleiterin Karla Müsch-Nittel im Interview mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski. Die Digitalisierung ist eine der Herausforderungen. Müsch-Nittel sagt: „Das ist nicht nur eine technische, das ist eine soziale Veränderung. Auf die gesellschaftlichen Veränderungen muss Schule schnell reagieren.“

An vielen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen gilt ab dem kommenden Schuljahr wieder G 9. Damit entfällt ein Alleinstellungsmerkmal der Gesamtschulen. Erwarten Sie, dass es dadurch zum Einbruch der Schülerzahlen kommt?

Karla Müsch-Nittel: Vielleicht im Einzelfall, insgesamt aber eher nicht. G 9 hat damals einmal die Anmeldezahlen dramatisch hoch schnellen lassen, danach ist es wieder beim Ausgangspunkt angekommen. Diese Unruhe um G 9 hat sich weitgehend gelegt. Ich glaube, dass das kaum noch ein Entscheidungsgrund ist.

Was macht die Gesamtschule aus? Mit welchen Vorteilen kann sie punkten?

Müsch-Nittel: Das Wichtigste ist, dass wir sehr individuelle Schullaufbahnen gewährleisten können. Schüler, die vielleicht in der fünften Klasse noch einen gewissen Entwicklungsbedarf haben, bekommen mehr Zeit, sich zu einem qualifizierten Abschluss zu entwickeln. Das gilt ebenso für Jugendliche, die während ihrer Schullaufbahn schwierige Zeiten durchlaufen. Die Kinder bleiben bei uns und müssen unsere Schule nicht verlassen, wie im dreigliedrigen Schulsystem, wenn sie bestimmte Leistungen nicht erbringen können. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, um auf die individuellen Besonderheiten im Leben von Kindern Rücksicht zu nehmen. Ich finde es auch gut, dass die Kinder gemischt bleiben, so wie sie in der Grundschule sind. Dadurch lernen sie die Vielfalt des Lebens kennen.

Die Anmeldezahlen der neuen Fünftklässler sind zuletzt rückläufig gewesen. Wie reagieren Sie darauf?

Müsch-Nittel: Wir arbeiten daran, das Angebot zu erweitern. Die neuen Wahlprofile sind dabei ein Punkt, aber auch der weiche Übergang, den wir sehr bewusst gestalten. Schüler können sich so gut einfinden, positionieren und besondere Leistungen erbringen. Ich denke, dass wir die Vorzüge, die wir als Gesamtschule bieten, vor allem die individuellen Schullaufbahnen, damit noch ausbauen.

Wie entscheidend ist das Angebot? Welche Rolle spielt die Erreichbarkeit der Schule – die Busverbindungen nach Steinfurt oder Emsdetten sind da ein Thema – im Vergleich?

Müsch-Nittel: Ich glaube, dass die Erreichbarkeit grundsätzlich keine sehr große Rolle spielt. Im Kreis Steinfurt fahren die Kinder sehr selbstverständlich Strecken. Es wird dort zu einem wichtigen Argument, wo die Busverbindungen relativ schlecht sind und Schüler sich eine Schule wünschen. Aus Burgsteinfurt hatten wir eine ganze Reihe von interessierten Kindern, bei denen die Eltern aber gesagt haben: Einen Fünftklässler so früh auf Achse zu schicken, ist nicht machbar – auch wenn unsere Burgsteinfurter Kinder das durchaus machbar finden. Trotzdem ist der Schulbesuch für Nordwalder Kinder bei uns natürlich besonders komfortabel.

Wie sieht es aus mit dem Angebot. Bekannt ist die KvG für die Musikklasse und die Sportklasse...

Müsch-Nittel: Wir haben noch mehr Profile, die sind relativ unbekannt. Das hängt damit zusammen, dass das Sportprofil und das Musikprofil durch die Aktionen wie Wettbewerbe und Konzerte sehr in den Fokus der Öffentlichkeit kommen. Wir haben aber noch ein MINT-orientiertes Profil, „Schüler experimentieren“, „Englisch plus“ für sprachbegabte Kinder, ein technisches Profil, „Schule verschönern“ und ein Naturschutz-Profil. Wir bieten den Schülern schon von Klasse fünf an ein breites Zusatzangebot, sich entweder zu spezialisieren oder Vielfalt zu wahren.

Digitalisierung ist zu einem Schlagwort in fast allen Lebensbereichen geworden, auch in der Schule. Geht es bei dem Prozess zu einer digitalen Schule vor allem um eine technische Veränderung oder muss sich auch der Unterrichtsinhalt wandeln?

Müsch-Nittel: Die technische Realisierung ist eine Grundvoraussetzung, sonst kann man sehr schlecht mit den Medien arbeiten. Und wir haben die Aufgabe, den Schülern Medienkompetenz zu vermitteln. Es muss Teile des Unterrichts geben, in denen Schüler lernen, kritisch, vernünftig und hilfreich mit digitalen Medien umzugehen. Das ist umso wichtiger, als dass nicht alle Schüler das auch zu Hause lernen.

Es reicht also nicht, alles zu digitalisieren und grüne Tafel gegen Whiteboard zu tauschen?

Müsch-Nittel: Der Unterricht muss nicht digitaler werden, um der Digitalität willen, sondern der Unterricht muss Digitalität als zusätzliches Lernfeld erkunden. Und das kann man am besten, indem man die digitalen Medien auch nutzt. Schule muss dieses Feld auch als Erziehungs- und Bildungsauftrag abdecken – so wie wir es zum Beispiel mit dem sozialpräventiven Programm „Netzwerkscouts“ machen. Ich bin trotzdem der festen Überzeugung, dass große Teile des Unterrichts analog bleiben müssen, weil, wenn ich an Spitzer (Psychiater Manfred Spitzer, Anm. d. Red.) erinnere, das ständige Online-sein, nicht unbedingt dazu führt, dass kognitive Fähigkeiten verbessert werden.

Erwarten Sie, dass vor dem Hintergrund der Digitalisierung Fächer entfallen und andere hinzukommen werden?

Müsch-Nittel: Ich glaube, dass sich das Gesamtcurriculum ändern muss. Denn es kommt mit der Digitalisierung eine sehr große Aufgabe dazu, die Zeit bleibt aber gleich. Und Lernen ist immer etwas, das Zeit braucht. Man kann das nicht im Husch-Husch-Verfahren machen. Immer dann, wenn wir versuchen, Lernprozesse künstlich zu beschleunigen, wird das nicht besonders erfolgreich. Deshalb müssen wir irgendwann als Gesellschaft überlegen: Auf was wollen wir denn eventuell verzichten?

Irgendwo müssen also Abstriche gemacht werden?

Müsch-Nittel: Wir können nicht sagen, jede Querschnittsaufgabe, sei es Wirtschaft, sei es Digitalisierung, kommt einfach nur oben drauf und wir machen das mal so nebenbei mit. Dann muss man gesellschaftlich auch sagen: Ja gut, irgendwo werden Abstriche gemacht. Mit den neuen Lehrplänen kommen Ideen, wie die, dass maximal 75 Prozent der Zeit „verbraucht“ werden für das, was verpflichtend ist. Für die anderen Aufgaben, wie etwa Digitalisierung, stehen dann 25 Prozent zur Verfügung.

Nehmen Sie an Ihrer Schule wahr, dass die Schüler immer mehr Leistungsdruck verspüren?

Müsch-Nittel: Ich glaube, dass die Schüler etwas stärker unter Strom stehen, weil sie zusätzlich zu dem, was sie in der Schule lernen, immer noch sehr viel Input durch die ständige Mediennutzung haben. Das führt dazu, dass Schüler diese Zeitverknappung sehr viel früher erfahren, als es bis vor einigen Jahren der Fall war. In unserem Schulsystem spielt Leistung natürlich eine Rolle. Der Druck wird durch die Individualisierung an der Gesamtschule ein bisschen aufgefangen. Aber grundsätzlich ist es so, dass mich sowohl von Eltern- als auch von Schülerseite in den vergangenen 15 Jahren immer früher diese Fragen erreichen: Was für ein Abschluss wird es? Was wird mein Kind dann beruflich machen?

Jugendliche werden also immer früher mit Leistungsdruck konfrontiert?

Müsch-Nittel: Insbesondere in den sehr bildungsbewussten Elternhäusern. Es ist oft so: Je bildungsbewusster das Elternhaus, umso stärker ist die Erwartung an die Kinder. Andererseits hat es natürlich große Vorteile, wenn Kinder wirklich etwas leisten wollen und darin von ihren Eltern unterstützt werden. Denn eine stabile Leistungsmotivation ist eine wichtige Grundvoraussetzung für schulischen Erfolg. Wenn der Druck zu hoch wird, muss man aber dagegensteuern.

Vor drei Jahren standen die Schulen vor der Herausforderung, Geflüchtete zu integrieren. Wie läuft es heute?

Müsch-Nittel: Das war eine Herausforderung. Wir mussten alles aus dem Boden stampfen. Mittlerweile hat sich das eingespielt. Der Zustrom hat auch erheblich nachgelassen. Wir haben zwar eine Vorbereitungsklasse, aber alle Geflüchteten werden von vorneherein einer Stammklasse zugeordnet, in der sie in einigen Fächern mit ihren Altersgenossen zusammen sind. Damit machen wir sehr gute Erfahrungen. Die Schüler sind dann im sogenannten Sprachbad und haben gleichzeitig eine Anknüpfung. Bei uns funktioniert das mit den Geflüchteten. Wir haben schon ganz tolle Geschichten erlebt, zum Beispiel eine Geflüchtete, die es innerhalb von knapp drei Jahren geschafft hat, in die Oberstufe zu gehen.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Schule in den kommenden Jahren?

Müsch-Nittel: Auf jeden Fall stehen wir vor der Herausforderung, die Digitalisierung umzusetzen. Wir machen durch „Gute Schule 2020“ im Moment einen großen Schub, was die technische Ausstattung angeht. Wir sind auch sehr froh, dass wir noch einen Informatiklehrer einstellen konnten. Eine weitere Herausforderung für die Schulen ist, dass sich durch die Digitalisierung die Gesellschaft sehr schnell verändert.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Müsch-Nittel: Als ich vor sieben Jahren hierherkam, haben die Schüler in Klasse fünf ein Handy bekommen und wenn sie Glück hatten, war es ein Smartphone. Heute hat fast jedes Kind in der Grundschule schon ein Smartphone. Das ist nicht nur eine technische, das ist eine soziale Veränderung. Auf die gesellschaftlichen Veränderungen muss Schule schnell reagieren.

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