Aktion „Crash Kurs“ zur Unfallprävention
Zu schnell oder nur kurz abgelenkt

Nordwalde -

Viele Unfälle können vermieden werden, ist Polizist Jürgen Bauland überzeugt. Warum, das erklärte er mit einigen Gästen beim sogenannten „Crash Kurs“ i den Zehntklässlern der KvG-Gesamtschule. Dort ließ er Menschen zu Wort kommen, die mit Unfallursachen und deren – auch tödlichen – Folgen regelmäßig konfrontiert werden.

Donnerstag, 28.03.2019, 23:00 Uhr aktualisiert: 29.03.2019, 16:04 Uhr
Zeichen der Trauer an bei einem Unfall verstorbenen Familienmitglieder oder Freunde sind an vielen Straßen zu finden.
Zeichen der Trauer an bei einem Unfall verstorbenen Familienmitglieder oder Freunde sind an vielen Straßen zu finden. Foto: colourbox

Zu schnell gefahren oder nur mal eben eine WhatsApp gelesen – das kann die letzte Fahrt gewesen sein. Die Polizei Steinfurt war mit ihrer Aktion „Crash Kurs“ zu Gast an der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule, um den Jugendlichen auf sehr drastische und offene Weise darzustellen, warum Verkehrsunfälle passieren. „Unfälle haben immer eine Ursache“, sagt Jürgen Bauland, Polizist bei der Direktion Verkehr im Kreis Steinfurt.

Persönliche Geschichten

„Viele tödliche Unfälle wären vermeidbar gewesen“, ist Bauland überzeugt. Beispiele für seine These hatte er genügend mitgebracht. Bauland ließ seinen Kollegen Fred Deitert berichten, der tödliche Unfälle dienstlich aufnehmen muss. Mit dabei waren außerdem Rettungssanitäterin Sölve Niemeyer, Notarzt Dr. Felix Reuss , Notfallseelsorger Norbert Seeger sowie Ingo Kottig, der einen Unfall schwer verletzt überlebt hat. Sie alle erzählten ihre persönlichen Geschichten.

Jürgen Bauland (r.) zeigt beim „Crash Kurs“ an der KvG-Gesamtschule, wo im Kreis Steinfurt Menschen verunglückt sind.

Jürgen Bauland (r.) zeigt beim „Crash Kurs“ an der KvG-Gesamtschule, wo im Kreis Steinfurt Menschen verunglückt sind. Foto: Marion Fenner

Zu Beginn gab es einige Zahlen, die Silke Scheerer von der Schulleitung vorstellte: 500 tödliche Unfälle im Jahr in Nordrhein-Westfalen, knapp ein Viertel davon durch junge Fahrer im Alter von 18 bis 24 verursacht. Zahlen, die die Schüler zunächst einmal unbeeindruckt ließen. Zu Beginn der Stunde wurde noch ein wenig gefeixt, einige meinten, applaudieren zu müssen.

Danach spielte Bauland Musik vom Grafen von der Band Unheilig: „Geboren, um zu leben“ – auf der Leinwand sahen die Schüler währenddessen Bilder von Kreuzen am Straßenrand, die anschließend in einer Karte des Kreises Steinfurt einen Platz fanden. „Das waren 24 Unfälle mit 28 Toten innerhalb von fünf Jahren“, sagte Bauland. „Einige davon auch in Eurer direkten Umgebung.“

Das waren 24 Unfälle mit 28 Toten innerhalb von fünf Jahren.

Jürgen Bauland

Fred Deitert erzählte von einem Unfall, bei dem ein 18-jähriger Fahranfänger und sein 17-jähriger Beifahrer ums Leben kamen. Der 18-Jährige war mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs und kam in einer Kurve in den Gegenverkehr. Der 17-Jährige hatte die letzten Minuten seines Lebens lässig, fast liegend auf dem Beifahrersitz verbracht, bevor er durch die Wucht des Aufpralls mit einem entgegenkommenden Fahrzeug aus dem hinteren Seitenfenster katapultiert wurde. Bilder der Unfallopfer, die Deitert nie vergessen wird. „Normalerweise lege ich diese Bilder hinter einer imaginären dicken Mauer ab. Nur für Euch habe ich ein heute ein Loch in diese Mauer gemacht, um davon zu erzählen, weil ich nie einen von Euch so an der Straße finden will.“ Zum Lachen war keinem der Schüler mehr zumute, als Deitert seine Geschichte erzählt hatte.

Fahrt endet vor dem Baum

Die Rettungssanitäterin berichtete, wie sie einem sterbenden jungen Mann in einem total zerstörten Auto die Hand auf den Arm gelegt hat. „Er hatte kurz zuvor noch einmal auf sein Handy geschaut. Das letzte, was er danach gesehen hat, war der Gegenverkehr.“ Eine ähnlichen Fall hatte auch der Notarzt erlebt. Ein junger Mann, der auf dem Weg zur Silberhochzeit seiner Eltern war, und noch kurz per Handy eine Absprache mit seiner Schwester bezüglich des Geschenks treffen wollte. Die Fahrt endete vor dem Baum, er war sofort tot. „Wie die Feier an dem Abend war, weiß ich nicht“, sagte Reuss.

Wie es ist, Eltern die Nachricht zu überbringen, dass ihr Kind nie mehr nach Hause kommen wird und eine verzweifelte Mutter zum Bestatter zu begleiten, damit sie ihre Tochter identifizieren kann, davon sprach der Seelsorger. Im KvG-Forum war es mucksmäuschenstill.

Leichtsinn

Auch Leichtsinn kann schwere Folgen haben. Ingo Kottig berichtete davon, wie er eer ein einziges Mal für eine Fahrt auf dem Motorrad auf Schutzkleidung verzichtet hatte. Heute sitzt er im Rollstuhl.

„Ich wünsche mir, dass ihr diese Geschichten nicht vergesst“, sagte Bauland, „und immer daran denkt, wenn ihr selbst oder als Beifahrer im Straßenverkehr unterwegs seid, dass ihr geboren seid, um zu leben und nicht, um zu früh bei einem Unfall zu sterben.“

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