Interview mit der Schulleitung der KvG
„Gesamtschulen sind Teil der Lösung“

Nordwalde -

Die Zahl der Schüler aus Nordwalde könnte höher sein, die Digitalisierung schreitet voran und mit einem neuen Sozialtraining soll Mobbing vorgebeugt werden: Schulleiterin Karla Müsch-Nittel und Stellvertreterin Sabine Pieper-Nathaus sprechen im Interview über aktuelle Themen und die Entwicklung der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule.

Dienstag, 28.01.2020, 19:10 Uhr
Schulleiterin Karla Müsch-Nittel (r.) und ihre Stellvertreterin Sabine Pieper-Nathaus sprachen im Interview über Schüler aus Gymnasien oder Realschulen, die zur Gesamtschule wechseln wollen. „Wir haben ab der Klasse sechs sehr viele Anfragen“, sagt Müsch-Nittel.
Schulleiterin Karla Müsch-Nittel (r.) und ihre Stellvertreterin Sabine Pieper-Nathaus sprachen im Interview über Schüler aus Gymnasien oder Realschulen, die zur Gesamtschule wechseln wollen. „Wir haben ab der Klasse sechs sehr viele Anfragen“, sagt Müsch-Nittel. Foto: Vera Szybalski

Im Februar können Eltern ihre Kinder an der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule anmelden. Doch bereits jetzt hat die Schule eine Liste mit aktuellen Fünft- und Sechstklässlern, die gerne zur KvG wechseln würden. Im Interview mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski sprechen Schulleiterin Karla Müsch-Nittel und ihre Stellvertreterin Sabine Pieper-Nathaus über die Beliebtheit von Gesamtschulen, wechselwillige Schüler und Digitalisierung an der KvG.

In Münster sind die Anmeldezahlen an den städtischen Gesamtschulen in den vergangenen vier Jahren stetig gestiegen. Ist an der KvG ebenfalls ein Anstieg der Schülerzahlen zu verzeichnen?

Karla Müsch-Nittel: Nein, das ist bei uns nicht so. Wir haben seit Jahren sinkende Schülerzahlen.

Sabine Pieper-Nathaus: Das hat mit dem demografischen Knick zu tun, den es im Kreis Steinfurt gibt. Es ist davon auszugehen, dass die Schülerzahlen in zwei oder drei Jahren wieder ansteigen.

Müsch-Nittel: Wir sehen, dass es hier auch noch sehr stark die Tendenz zum dreigliederigen Schulsystem gibt.

Sie konkurrieren mit den Gesamtschulen in Greven, Saerbeck und Havixbeck um Schüler. Kommt der überwiegende Teil der Schüler an der KvG aus Nordwalde?

Müsch-Nittel: Die Schüler kommen etwa zu gleichen Teilen aus Nordwalde und Borghorst. Emsdetten liegt an dritter Stelle, danach kommen Altenberge und Greven. Gelegentlich haben wir auch Schüler aus Münster, vereinzelt aus Burgsteinfurt und Laer.

Wo sehen Sie denn noch Potenzial?

Müsch-Nittel: In Nordwalde sehen wir auf jeden Fall noch Potenzial. Der Anteil der Nordwalder Schüler könnte höher sein. Zusätzliches Potenzial sehen wir auch in Burgsteinfurt, weil wir die einzige erreichbare Gesamtschule sind. Hier könnte die Busverbindung besser sein. Es gibt nur wenige Schüler, die den Weg auf sich nehmen, aber eine durchgehende Verbindung am Morgen würde helfen.

Sie erwähnten, dass es bei vielen noch eine starke Tendenz zum dreigliederigen Schulsystem gibt. Kommt es denn häufig vor, dass Schüler von Gymnasien oder Realschulen später auf die Gesamtschule wechseln wollen?

Müsch-Nittel: Wir haben ab der Klasse sechs sehr viele Anfragen von Schülern aus Gymnasien oder Realschulen, die wechseln wollen. Wir müssen dann viele abweisen. Es gibt sogar einzelne, die in der neunten und zehnten Klasse wechseln möchten, obwohl das verboten ist. Manche wollen es erst mal am Gymnasium versuchen. Ich habe zum Halbjahr schon eine Liste mit Anfragen, auch von Fünftklässlern. Wir nehmen die Kinder, soweit wir das können, aber das sind nur sehr wenige und in manchen Jahrgängen gar keine.

Sehen Sie darin den entscheidenden Vorteil von Gesamtschulen? Wenn Schüler eine Schwächephase haben, müssen sie nicht die Schule wechseln.

Pieper-Nathaus: Ja, es ist ganz lange eine offene Schullaufbahn.

Müsch-Nittel: Schüler können alle Abschlüsse bis zum Abitur machen. Der Weg dahin kann sehr individuell gestaltet werden. Wenn es bei leistungsstarken Schülern mal einen Einbruch gibt, können sie wieder den Anschluss finden. Es gibt keinen Schulwechsel. Ein großer Vorteil für Kinder, die leistungsstark sind, aber mit Fremdsprachen Probleme haben, ist, dass sie nicht im siebten Schuljahr, sondern auch im neunten oder erst in der Oberstufe die zweite Fremdsprache wählen können. Dadurch, dass Gesamtschulen gebundene Ganztagsschulen sind, können Schüler hier noch über den Unterricht hinaus Begabungen entwickeln.

Worum handelt es sich dabei konkret?

Müsch-Nittel: Schüler können Profile wählen, um beispielsweise musikalische, sportliche oder naturwissenschaftliche Begabungsschwerpunkte auszuarbeiten. Das kann man durch den Ganztag gewährleisten. Uns als Schule ist es auch sehr wichtig, dass wir von Beginn an Werte vermitteln. Wir sind „Faire Schule“ und „Schule ohne Rassismus“. In der fünften Klasse sind jetzt zum Beispiel im Englischunterricht beim Thema Australien die Buschbrände angesprochen worden. Die Schüler haben daraufhin im Klassenrat besprochen, dass sie eine Aktion für den WWF machen wollen.

Pieper-Nathaus: Das wird jetzt im gesamten fünften Jahrgang umgesetzt.

Eine Erkenntnis aus der jüngsten Pisa-Studie ist, dass sich die Bildungsschere in Deutschland weiter öffnet. Sehen Sie da Gesamtschulen besonders gefordert?

Müsch-Nittel: Gesamtschulen sind ein Teil der Lösung. Wir haben die Möglichkeit, alle Schüler ihrer Begabung entsprechend zu fördern. Wenn die Förderung greift, stehen bei uns viele Wege offen. Die Pisa-Studie hat auch gezeigt, dass Schüler im Bereich Lesen gefördert werden müssen. Wir haben uns schon vor gut einem Jahr auf den Weg gemacht, Leseschule NRW zu werden und zwei Lehrerinnen wurden als Expertinnen ausgebildet. Zwei weitere Lehrkräfte werden jetzt ausgebildet und sollen das Konzept hier an der Schule umsetzen.

Die Digitalisierung an der Schule schreitet voran. Die Gemeinde hat mit Geldern aus dem Förderprogramm „Gute Schule 2020“ die technische Ausstattung verbessert. Sind Sie zufrieden?

Müsch-Nittel: Wir haben einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wir haben Beamer, Laptops und Dokumentenkameras in allen Klassenräumen. Wir haben in der ganzen Schule WLAN und schnelles Internet, das durch eine sehr komfortable pädagogische Oberfläche gesteuert wird. Konzeptionell wird viel in unserem Digi-Team gearbeitet. Wir brauchen aber noch mehr Endgeräte und Arbeitsplätze für Schüler. Wir können nicht ausschließlich mit den Handys der Schüler arbeiten. Zusätzlich zu den beiden Computerräumen wollen wir weitere Räume mit „Computerinseln“ ausstatten. Da wird der Digitalpakt der Schule helfen. Wenn die Ausstattung da ist, ist es dennoch wichtig, dass wir auch analog stark bleiben.

Wie werden die neuen Medien im Unterricht denn konkret eingesetzt?

Müsch-Nittel: Es geht dabei eher um digitale Grundkompetenzen. Schüler recherchieren zum Beispiel in Unterrichtsreihen im Internet.

Pieper-Nathaus: Viele Schüler kennen nur den Umgang mit dem Handy. Sie kennen keine Tastatur, kein Word, kein Excel. Sie lernen zum Beispiel im Mathematikunterricht, wie man Säulendiagramme erstellt.

Die Lesetechniken von Schülern verbessern, die Digitalisierung – woran arbeiten Sie noch in der Schule?

Müsch-Nittel: Der dritte große Baustein in unserer Schulentwicklung ist die Neugestaltung unseres Sozialtrainings, mit der wir im Jahrgang fünf im Moment aufbauend anfangen. Das orientiert sich an der sogenannten „autoritativen Erziehung“ und ist ein erprobtes Konzept zur Mobbingprävention. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Schüler in die Verantwortung für ihr eigenes Handeln gebracht werden – orientiert an den Menschenrechten.

Zum Thema

Für die Eltern der Viertklässler bietet die Kardinal-von-Galen-Gesamtschule am heutigen Mittwoch (29. Januar) einen Informationsabend zum Übergang in den fünften Jahrgang an. Ab 19.30 Uhr heißt es im Forum der Gesamtschule: „KvG stellt sich vor“.

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