Ochtrup
„Pollen kennen keine Distanzen“ - Interview mit Ortslandwirt Willi Rensing

Freitag, 24.04.2009, 17:04 Uhr

Ochtrup . In der vergangenen Woche hat Bundesagrarministerin Ilse Aigner die Genmais-Sorte MON 810 der US-Firma Monsanto für den Anbau auf deutschen Äckern verboten. Nur wenig später drehte sich die Diskussion um die „Patent-Sau“. Der Ochtruper Ortslandwirt Willi Rensing betreibt in der Wester Ackerbau und Schweinehaltung. Er beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Gentechnik in der Landwirtschaft. Mit ihm sprach Tageblatt-Redakteurin Linda Braunschweig über Vor- und Nachteile des Einsatzes von Genen im Stall und auf dem Feld.

Ministerin Aigner hat die einzige für Deutschland zugelassene Genmais-Sorte verboten. Wie finden Sie das?

Rensing: Sie hat 100-prozentig richtig gehandelt und damit auch den Lobbyisten der Konzerne die Stirn geboten. Es ist gut, dass die Politiker endlich eine klare Linie in Sachen Genmais zeigen. Die bisherige Regelung sah lediglich einen Abstand von 150 Metern zu normalen Maisfeldern und von 300 Metern zu Bio-Maisfeldern vor. Aber Pollen kennen keine Distanzen. Und der Anbau birgt Gefahren, die wir heute noch gar nicht abschätzen können.

Was sind das für Gefahren?

Rensing: In der Pflanze wurden Gene ausgetauscht, die sie für Schädlinge giftig machen. Offen ist, wie das Bodenleben dieses Gift verarbeitet. Es gibt auch bereits Klagen von Imkern, deren Bienenvölker offensichtlich gestorben sind, weil sie den Blütenstaub von den Genmais-Versuchsfeldern nicht verdauen konnten. Ich fürchte außerdem, dass der Mais nur ein Einstieg ist. Nächster Schritt könnte dann der Raps sein. Bei diesem Kreuzblütler besteht die Gefahr, dass er sich mit Wildkräutern kreuzt. Dadurch gelangt das veränderte Gen in den Naturkreislauf. Das ist ein nicht rückholbarer Eingriff in die Natur. Ich begrüße den Einsatz von Gentechnik in der Medizin, aber ich bin gegen eine Freisetzung im Freiland.

Ist denn Genmais hier in der Region überhaupt ein Thema?

Rensing: Es gab Testfelder in Greven und Borken. Meines Wissens sind diese Versuche aber nicht fortgesetzt worden. Wir brauchen hier in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa, diese Testfelder auch gar nicht. Es gibt in den USA und in Kanada groß angelegte Anbauflächen. Es reicht, diese zu beobachten und daraus Lehren zu ziehen. Die Verbraucher in Deutschland und anderen europäischen Ländern stehen Gen-Lebensmitteln ohnehin berechtigterweise sehr kritisch gegenüber. Deshalb sind wir mit dem Verbot des Genmais auch nicht allein. Denn auch Frankreich, Österreich, Griechenland, Luxemburg und Ungarn haben den Anbau verboten. Wir wollen nicht gegen den Willen des Verbrauchers produzieren, sondern müssen uns darauf einstellen.

Abgesehen vom Mais, wo in der Landwirtschaft ist Gentechnik denn noch ein Thema?

Rensing: Das ist eine schnell fortlaufende Entwicklung. Soja ist bereits häufig gentechnisch verunreinigt. Dies lässt sich da nur verhindern, wenn man speziell gentechnik-freien Sojaschrot einkauft.

Wenn es um Gentechnik in der Landwirtschaft geht, ist fast immer auch von Abhängigkeiten der Bauern die Rede. Wie sieht diese aus?

Rensing: Dafür gibt es mehrere Beispiele. Eines ist die Resistenz der Pflanzen gegen Spritzmittel, das so genannte Round-Up. Diese kann sich auf andere Wildpflanzenarten übertragen, was dazu führt, dass sie mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr bekämpft werden können. Dann hat der Hersteller des Genmaises die Landwirte in der Hand. Die von ihm gemachten Probleme können nur von ihm gelöst werden. Denn nur er kann ein Spritzmittel verkaufen, dass dem Mais nicht schadet, aber das genveränderte Unkraut bekämpft. Aus Kanada gibt es einen Fall, bei dem gentechnisch verändertes Unkraut in den Städten wuchert, das resistent gegen Spritzmittel ist. Nur Monsanto bietet jetzt ein Mittel dagegen an. Das ist fast wie eine neue Leibeigenschaft für Bauern und Verbraucher, auch wenn das vielleicht absurd klingt. Diese Abhängigkeit ist nicht akzeptabel. Die Tragweite solcher Entscheidungen ist nicht absehbar.

Der Genmais liefert nicht unbedingt höhere Erträge als normaler Mais. Was macht ihn für die Landwirte überhaupt so interessant?

Rensing: Der Mais hat hierzulande keine natürlichen Feinde. Aber aus Süddeutschland rücken jetzt zwei Schädlinge heran: der Maiszünsler und der Maiswurzelbohrer. Gegen diese beiden Insekten, die bis zu 30 Prozent Ernteausfälle bewirken können, ist der Genmais resistent. Die Landwirte fürchten einfach um ihre Erträge. Dabei wäre auch eine vielseitige Fruchtfolge ein Lösungsansatz gegen diese Schädlinge. Aber der Genmais ist zunächst der einfachste Weg. Kurzfristig mag das Vorteile bringen, langfristig aber vor allem Nachteile. Nur eine vielschichtige Züchtung ist eine Versicherung für die Nahrungsmittelproduktion.

Neben dem Genmais sorgte auch das so genannte „Patent auf Leben“ im Bereich der Schweinezucht vor Kurzem für Wirbel. Wie beurteilen Sie das?

Rensing: Da wird die gleiche Auswirkung wie beim Mais in die Ställe einziehen. Auch hier entsteht eine Abhängigkeit des Landwirtes und letztendlich auch des Verbrauchers. Wenn der Landwirt Patentgelder für die Zucht einer Sorte Schwein zahlen muss, gibt es eine fortlaufende Verkettung, eine sich immer weiter ausdehnende Abhängigkeit.

Wie kommt es, dass Sie sich so intensiv mit dem Thema auseinander setzen?

Rensing: Unsere Arbeit ist mit dem Thema eng verflochten. Man will uns Gen-Saatgut verkaufen, nicht aber für die möglicherweise folgenden Gesundheits- und Umweltschäden die Haftung übernehmen. Ich denke, dass wir in den Naturkreislauf, in dem und von dem wir leben, nicht so massiv eingreifen dürfen. Die Natur hat sich jahrtausendelang selbst kontrolliert und jetzt sollen diese Schritte einfach übersprungen werden. Einmal in die Natur entlassen, ist es unmöglich, das wieder zurückzuholen. Das ist mit Skepsis zu sehen.

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