Ochtrup
„Gehen die Soldaten, gibt es Krieg“

Mittwoch, 23.09.2009, 10:09 Uhr

Ochtrup . Selten war der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan so umstritten wie derzeit. Der Angriff auf die Taliban vor wenigen Wochen, bei dem auch Zivilisten getötet worden sein sollen, und der Wahlkampf heizen die Debatte an. Für Karla Schefter aber ist klar: Wenn sich die Deutschen und ihre Verbündeten jetzt zurückziehen, „wird es ein unglaubliches Chaos, vielleicht sogar Krieg geben“.

Die 67-Jährige aus Dortmund kennt das von den Auseinandersetzungen stark gezeichnete Land und seine Menschen genau. Seit 1989 leitet sie das Chak-e-Wardak-Hospital in der Nähe von Kabul. Dorthin fließen seit Jahren Spenden aus Ochtrup.

Heinz Ahlers, Lehrer am Gymnasium Ochtrup, koordiniert die Spendenübergaben. Gerade hat er vom Schützenverein Welbergen wieder einen Scheck entgegen genommen. 600 Euro haben die Schützen während ihrer Messe am Christi-Himmelfahrts-Tag gesammelt. Sie unterstützen Schefter zum vierten Mal. Die Verbindungen nach Ochtrup bestehen jedoch schon länger: Seit 2002 war die energische Krankenhaus-Managerin mehrmals zu Besuch, um von den Entwicklungen in Afghanistan zu berichten.

Zum Streit um den Einsatz der Bundeswehr sagt sie: „Ich bin grundsätzlich gegen militärische Eingriffe, und die Bundeswehr ist Schritt für Schritt in kriegerische Handlungen geraten. Aber wenn sich die Soldaten jetzt zurückziehen, werden kriegerische Machtkämpfe das Land wieder zurückwerfen. Alles, was seit 2002 erreicht wurde, würde zunichte gemacht werden.“

Der einzige Weg sei die Verstärkung der humanitären Hilfe. „Wir können die Menschen jetzt nicht im Stich lassen. Die humanitäre Arbeit, wie wir sie machen, ist praktizierter Frieden. Militärische Aktionen werden nichts erreichen.“ Die Taliban seien heute anders strukturiert als zu Zeiten, in denen sie an der Macht waren. „Früher gab es kein Kidnapping oder ferngesteuerte Minen, und die Taliban waren zwar extremistisch, aber einheitlich. Heute bestehen sie aus Splittergruppen, oft sind es nur 15 Leute und ein Kommandant. Sie sind sich untereinander nicht einig, unter ihnen gibt es viele Kriminelle und Heroinabhängige“, berichtet Schefter. Das ist auch der Grund, warum sie ihr Krankenhaus derzeit nur von Kabul aus leitet. „Die Provinz ist in der Hand der Extremisten. Ich gefährde ja nicht nur mich, sondern auch andere“, erklärt die Dortmunderin, warum sie die dreieinhalbstündige Fahrt nicht auf sich nehmen kann.

75 Prozent der Patienten von Schefter und ihrem Team sind Kinder und Frauen. Und gerade für Letztere ist das Ende der Taliban-Herrschaft laut Schefter ein Segen. „Ohnehin liegt das Bildungswesen im Land total am Boden. Die Frauenbildung wurde zwischen 1984 und 2001 komplett unterbrochen. Die Elite ist weg. Das Land hatte nie Zeit, sich zu erholen“, erklärt die Dortmunderin, die einen großen Teil des Jahres in Afghanistan verbringt.

Trotz allem sagt sie: „Ich liebe Chak. Die Natur ist großartig. Afghanistan hat grandiose Landschaften, eine wilde Schönheit. Kabul dagegen ist für mich wie ein Gefängnis.“ Die aktuelle Situation ist für Schefter nicht schwieriger als früher, denn leicht war die Arbeit vor Ort nie. „Es ist eine andere Schwierigkeit. Aber wir haben nicht aufgegeben, und wir werden auch jetzt nicht aufgeben. Wir machen das für die Menschen. Und die können nichts für die Politik.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/510470?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F182%2F701205%2F701214%2F
Besser an der Mensa parken
Rund um das Universitätsklinikum ist es alles andere als einfach, einen Parkplatz zu finden. Mehr als 10 000 Beschäftigte und Tausende Besucher steuern dass UKM täglich an.
Nachrichten-Ticker