Ochtrup
PR-Arbeit im Schweinestall

Mittwoch, 28.10.2009, 19:10 Uhr

Ochtrup - Eva Kauling, Carina Bertels, Antonia Eilert und Stefanie Rotermann wissen nicht so ganz, wo sie hinschauen sollen. Mit größter Selbstverständlichkeit erläutern Benedikt Winking und Marvin Hardt den Zehntklässlerinnen der Hauptschule Ochtrup, wie die künstliche Besamung einer Sau vonstatten geht - und zwar am lebenden Objekt. Nicht gerade ein Thema, mit dem sich 15- und 16-Jährige normalerweise beschäftigen. Aber die Schülerinnen hören interessiert zu und lassen sich von der direkten Art der beiden angehenden Landwirte nicht einschüchtern.

Dass sie überhaupt in Schutzanzügen in der Besamungsstation des Hofes Ostendorf in der Wester stehen, haben sie einem Projekt des Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Berufskollegs in Münster zu verdanken. Die 19 Schüler der landwirtschaftlichen Oberstufe wollten im Fach Vermarktung zeigen, wo und wie Lebensmittel entstehen. Schnell war die Idee geboren, Jugendliche einzuladen und ihnen die tägliche Arbeit auf dem Hof zu zeigen. Marvin Hardt, Auszubildender im dritten Lehrjahr auf dem Hof Ostendorf, lotste das Projekt nach Ochtrup. „Wir wollen zeigen, dass die Kuh eben nicht lila ist“, sagt Hardt, bevor er Eber „Gustav“ vorstellt. Keine Frage, der 18-jährige Marvin hat seinen Traumberuf gefunden. Vielleicht ist aber auch ein Entertainer an ihm verloren gegangen. Sein junges Publikum hat er gut im Griff. Nur an der Stelle, wo er die Besamung vorführt, sieht es so aus, als würden die Zuschauer gleich den „Saal“ verlassen. „Einige stellen Fragen, andere sind nicht so interessiert. Aber insgesamt haben wir ein gutes Feedback bekommen“, sagt Hardt.

Sechs Stationen haben die Berufsschüler aufgebaut. Als erstes geht es in den Sauen-stall. Über die Besamung zur Schweinedusche, in den Warte- und den Abferkelstall: Ein Schülertrupp nach dem anderen passiert die Stallgassen. Hier und da rümpfen die Jugendlichen die Nase, aber Ekel zeigen die wenigsten. „Hier ist es wie im Kreißsaal, Hygiene ist das oberste Gebot und es ist warm“, erläutert Hardt, während er in einer leeren Abferkelbox steht. Für Michel Wessels, Markus Weßling, Lukas Bode und Nils Niehoff sind die Erläuterungen nicht neu. Kontakte zur Landwirtschaft sind in Ochtrup keine Seltenheit. Der Vormittag auf dem Hof ist für sie interessant, aber nicht überraschend.

Melanie Manasijev (15) und Ellen Bender (16) dagegen betreten eine neue Welt. Viele Dinge aus dem Alltag des Betriebes mit 250 Sauen und Ferkelaufzucht überraschen sie. Eigentlich sogar alles“, meinen die beiden. Überwindung hat der Schritt in den Schweinestall laut Ellen trotzdem nicht gekostet. Gerade haben sich die Mädchen das Lager angeschaut und gesehen, wie das Futter gemischt wird. Einige Meter weiter geht es um das, was ohne den Umweg über den Schweinemagen aus den Pflanzen gewonnen wird. Cornflakes aus Weizen okay, das leuchtet den Schülern ein. Aber Lasagneplatten? Ja, auch die stammen quasi vom Feld, klären die angehenden Landwirte sie auf.

Und am liebsten würden sie noch ganz andere Wissenslücken füllen. Dass nämlich nicht alle Landwirte so sind wie im Fernsehen bei „Bauer sucht Frau“ und dass die Landwirtschaft längst nicht nur aus Treckerfahren besteht. „Es geht darum, das Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern“, sagt Berufsschullehrerin Serena Schrimper. Der Beruf besteht zu großen Teilen aus Management und Technik, darauf legen die Auszubildenden viel Wert. „Landwirt sein ist vielfältig. Es gibt zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten“, sagt Benedikt Winking. Der 18-Jährige hat zwei Ausbildungsjahre in Ochtrup verbracht. Sein Weg war praktisch vorherbestimmt: Er kommt vom Hof. Bei Marvin sieht das ganz anders aus. Sein Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Physiotherapeutin. Ferner konnte er von Haus aus der Landwirtschaft kaum sein. Dann verbrachte er im Rahmen eines Schulprojekts zehn Tage auf dem Hof der Ostendorfs. Ab da stand sein Berufswunsch fest. Gut möglich, dass es ihm gestern gelungen ist, etwas von seiner Begeisterung für die Landwirtschaft weiterzugeben. Erst einmal waren die Schüler aber froh, aus ihrer Schutzkleidung zu steigen und den Schweinegeruch hinter sich zu lassen.

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