Ochtrup
Pudding im Schuh: Mit der Ochtruper Tafel auf Tour

Samstag, 27.02.2010, 08:02 Uhr

Ochtrup - Über 650 hilfsbedürftige Menschen aus Och-trup, Metelen und Wettringen sind mittlerweile bei der Ochtruper Tafel gelistet. Einmal in der Woche können sie sich dort für wenig Geld mit grundlegenden Nahrungsmitteln eindecken. Doch woher kommen Mehl, Pasta und Zucker eigentlich und wie finden sie ihren Weg in die Regale der Tafel? Tageblatt-Mitarbeiter Alexander Dinkhoff wollte dieser Frage auf den Grund gehen und ist dafür einen Vormittag lang in die Rolle eines Tafel-Helfers geschlüpft:

Es ist Mittwochmorgen, 9 Uhr. Als ich am verabredeten Treffpunkt ankomme, wartet Harry Ehmke von der Ochtruper Tafel bereits auf mich: „Schön, dass Sie da sind und helfen möchten.“ Er zückt seinen Autoschlüssel. „Dann wollen wir mal los.“

Harry Ehmke ist einer von zehn ehrenamtlichen Fahrern der Ochtruper Tafel. Jeden Mittwoch ist er mit dem kleinen vereinseigenen Kühltransporter auf Achse, um zahlreiche Lebensmittelspenden in Ochtrup und der umliegenden Region einzusammeln. „Meine Route ist gut 100 Kilometer lang. Da kommt ordentlich was an Spenden zusammen“, gibt der 61-jährige Ruheständler schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf die bevorstehende Arbeit, bei der ich ihm heute helfen soll.

Das erste Anfahrtsziel: ein Lidl-Markt in Schüttorf. Eigentlich „Hoheitsgebiet“ der Bentheimer Tafel, verrät mir Harry Ehmke augenzwinkernd. Er erinnert sich: „Am Anfang gab es da auch durchaus ein paar Probleme mit den Bentheimer Kollegen.“ Aber mittlerweile seien alle Schwierigkeiten vom Tisch.

Obwohl in der öffentlichen Diskussion nicht ganz unumstritten, kommt es nicht von ungefähr, dass der Discounter Lidl bundesweit eine beliebte Anlaufstelle der Tafeln ist. Auch Harry Ehmke betont in aller Deutlichkeit: „Ohne Lidl könnten wir den Laden dicht machen. Von keinem Lebensmittelmarkt erhalten wir mehr Spenden.“ Und in der Tat: Nachdem wir auch den Lidl-Märkten in Bentheim und Ochtrup einen Besuch abgestattet haben, ist der Transporter bis unters Dach mit Lebensmitteln und Schnittblumen gefüllt. Für uns bedeutet das: erst einmal zurück zur Ochtruper Tafel und den Wagen entladen.

Nur eine halbe Stunde später sind wir wieder auf der Straße. Nachdem wir bei einer Entsorgungsfirma noch schnell die leeren Lebensmittel-Kartons losgeworden sind, führt uns der Weg diesmal zur Privatmolkerei Naarmann in Neuenkirchen. „Die haben mal mehr und mal weniger für uns“, sagt Harry Ehmke gelassen und merkt an, dass es in der vergangenen Woche „eher etwas mehr“ gewesen sei. Wie viel genau, das verrät er auch: „Zwei Tonnen Grießpudding, abgefüllt in Fünf-Kilo-Eimern.“ Ich nicke erstaunt.

Spätestens jetzt bekomme ich einen Eindruck davon, mit wie viel Arbeit das Ehrenamt des 61-Jährigen verbunden ist. Und auch, wenn es heute keine zwei Tonnen sind: Selbst das Verladen von „nur“ 300 Kilogramm Grießpudding reicht völlig aus, um mächtig ins Schwitzen zu kommen. Ich schaue auf die Uhr: zwölf. Gleich ist Feierabend.

Auf dem Rückweg nach Ochtrup laden wir einen großen Teil der Süßware bei der Steinfurter Tafel ab. „Dafür bekommen wir morgen eine Ladung Tomaten“, freut sich Ehmke über die große Kooperationsbereitschaft der Tafeln untereinander. Die Kollegen aus Steinfurt freuen sich ebenfalls: „Immer mal rein damit!“ Eine Aufforderung, die wir leider allzu wörtlich nehmen: Als eines der Pudding-Behältnisse vom Rollwagen gleitet, ergießen sich binnen Sekunden fünf Kilogramm Grießpudding im Hintereingang der Steinfurter Tafel - ein nicht verachtenswerter Teil davon auf und in meinen linken Schuh. Wir lachen. Ein guter Abschluss.

Zurück in Ochtrup werde ich aus meiner Pflicht entlassen. Harry Ehmke aber wird noch bis 16 Uhr für die Ochtruper Tafel unterwegs sein. Noch sind die 100 Kilometer nicht gefahren. Ein Engagement, vor dem man seinen Hut ziehen muss - auch wenn der linke Schuh zunächst Vorrang hat.

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