Leben und Wohnen im Alter
Mehr Wir, weniger Ich

Ochtrup -

Es ist ein Thema, das jeden betrifft. Und eines, das jeder gerne verdrängt. Die Rede ist vom Leben und Wohnen im Alter. Gemeinsam mit dem Hospizverein Ochtrup und der VHS hat das Tageblatt am Dienstag zu einer Podiumsdiskussion eingeladen: Vertreter der Senioren- und Pflegeheime, der ambulanten Pflegedienste sowie Bürgermeister Kai Hutzenlaub stellten ihre Ideen für die Zukunft vor

Mittwoch, 31.10.2012, 18:10 Uhr

Leben und Wohnen im Alter : Mehr Wir, weniger Ich
Waren ganz Ohr:  Die Zuhörer verfolgten aufmerksam die Podiumsdiskussion in der Villa Winkel. Foto: Christian Weiß

Eigentlich hätte die Villa Winkel am Dienstagabend aus allen Nähten platzen müssen, als der Hospizverein Ochtrup in Kooperation mit der Volkshochschule und dem Tageblatt eine Podiumsdiskussion zum „Leben und Wohnen im Alter“ veranstaltete. Zu einem Thema schließlich, das die Zukunft jedes Einzelnen betrifft – und das dennoch gerne verdrängt wird. „Auch wenn es noch ein paar Jahre dauert, bis die starken 60er-Jahrgänge alt und pflegebedürftig werden, macht es Sinn, rechtzeitig Planungen für die Zukunft anzustellen“, so der Vorsitzende des Hospizvereins, Wolfgang Gerlach-Reinholz , in seiner Begrüßung.

Zahlen zum demografischen Wandel

In der Demografieforschung gibt es den Begriff des Altersquotienten. Er stellt das Verhältnis der Zahl der Personen im Rentenalter zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter dar. Bundesweit liegt der Quotient heute bei 26,8 und in Ochtrup bei 24,9. Laut Entwicklungsberechnungen des Statistischen Bundesamtes aber wird der Altersquotient im Jahre 2025 bei 39,3 und im Jahre 2050 gar bei 55,8 liegen. Die Gruppe der über 80-Jährigen wächst, so die Prognosen, in den nächsten 50 Jahren von 3,2 Millionen auf 9,1 Millionen Menschen. 100-Jährige wird es dann 16 Mal so viele geben wie heute. Im Vergleich dazu sinkt die Geburtenrate stetig. „Wer wird die vielen alten und hilfsbedürftigen Menschen in Zukunft pflegen?“, fragte der Vorsitzende des Hospizvereins Ochtrup, Wolfgang Gerlach-Reinholz. Er zitierte aus einem „Spiegel-Online“-Bericht, in dem Überlegungen angesprochen werden, pflegebedürftige und besonders demenzkranke Menschen zur Pflege in Einrichtungen nach Osteuropa, Indien oder Thailand zu geben. Dort arbeiten qualifizierte Pflegekräfte für einen geringen Lohn. Somit sei intensive Betreuung mit höherem Personalschlüssel möglich. „Ist das unsere Zukunft?“, fragte Gerlach-Reinholz provokant.

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Hier knüpfte Tageblatt-Redakteurin und Moderatorin Anne Eckrodt an und forderte die Diskussionsteilnehmer zum Ideenaustausch auf. Wie wichtig es ist, sich bereits heute über die Auswirkungen des demografischen Wandels Gedanken zu machen, verdeutlichte Eckrodt anhand einiger Zahlen aus der Demografieforschung (siehe Kasten).

Fest steht, dass die Pflegekräfte angesichts dieser Entwicklung künftig stärker denn je gefragt sind. Elisabeth Holtmann vom Malteser Pflegedienst forderte mehr Anerkennung dieses Berufsbildes. Das warf bei den Podiumsteilnehmern die Frage auf: „Wie kann man dieses Tätigkeitsfeld attraktiver gestalten?“ Es sei ein Beruf, der eine Menge abverlange und als Berufung anzusehen sei, betonte Stephan Antfang, Leiter des Carl-Sonnenschein- und des Ferdinand-Tigges-Hauses. „Der Pflege mehr Zeit für die Pflege und Zuwendung geben. Das muss im Fokus stehen und nicht die Dokumentation“, wünschten sich Regina Stohldreier und Silke Kröger von der Vita-Tagespflege. Der Tenor im Podium: Pflegekräfte sollten sich endlich auch über eine angemessene Wertschätzung definieren können.

Verena Henrichmann vom Pflegedienst Leusbrock sprach die steigende Zahl der Demenzkranken als ein Problem der gesellschaftlichen Zukunft an. „Angehörige stoßen an ihre Grenzen. Stundenbetreuungen sind da ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärte sie. Annegret Greive vom Caritas-Pflegedienst hob die Bedeutung der Beratungsgespräche mit pflegenden Angehörigen hervor, damit diese die Bandbreite an Angeboten optimal nutzen. Deutlich wurde auch, dass es in Och-trup an Kurzzeitpflegeplätzen und Wohngruppen für Pflegebedürftige mangelt.

Gabi Moritz, als Vertreterin des Hospizvereins auf dem Podium, plädierte für eine stärkere Zusammenarbeit aller Pflegeinstitutionen und des Hospizvereins sowie für mehr bürgerschaftliches Engagement als Ergänzung zu dem, was bezahlbar ist. Zudem sei es wichtig, die Potenziale vor Ort zu nutzen. „Bräuchte es nicht schon eine Art Fallmanager, um all das zu vernetzen?“, hakte Eckrodt nach. Moritz könnte sich zwar vorstellen, das über den Hospizverein zu koordinieren, aber: „Die Potenziale herauszulocken, ist ein anderes Problem“, befürchtet sie.

Neben der Pflege wurde auch die Wohn- und Lebensqualität im Alter thematisiert. Bürgermeister Kai Hutzenlaub nannte das Schaffen von seniorengerechtem Wohnraum in der Innenstadt als einen wichtigen Baustein: „So können die alten Menschen noch am sozialen Leben teilnehmen.“ Antfang plant in seinen Einrichtungen die Aktion „Auf Rädern zum Essen“. Um der Isolation alter Menschen vorzubeugen, nehmen diese ihre Mahlzeiten nicht allein, sondern im Altenheim ein.

Vieles wurde während der Diskussion angesprochen und etliche Ideen kamen zusammen. Es blieben allerdings noch zahlreiche Fragen offen. Zum Beispiel zur Finanzierbarkeit der Pflege. Eckrodt gab den Podiumsteilnehmern und rund 25 Besuchern mit auf den Weg, die Ideen „weiterzuspinnen“ und sich frühzeitig mit der Thematik des Älterwerdens auseinanderzusetzen: „Nur gemeinsam kommen wir weiter.“

Die Ideensammlung der Diskutierenden

► Die Potenziale vor Ort sowie bürgerschaftliches Engagement nutzen und über ein Netzwerk koordinieren.

► Die Möglichkeit eines gemeinsamen Mittagstisches an einem zentralen Platz, um der Vereinsamung alter Menschen entgegenzuwirken.

► Leih-Omas oder Leih-Opas könnten Alleinerziehende unterstützen – in der Hoffnung, später Hilfe zurückzubekommen.

► Mehrgenerationenhaus oder Seniorenwohngemeinschaften gründen. Vorteil: gegenseitige Hilfeleistung. Nachteil: schwierig, alle Beteiligten auf einen Nenner zu bringen. Zitat aus dem Publikum: „Das wird nicht hinhauen. Wir sind zu große Individualisten.“

► Um den zunehmenden Mangel an Pflegekräften aufzufangen, sollten mehr Laien geschult werden. Pflegedienste könnten ihr Berufsbild in Schulen vorstellen und so die Jugendlichen motivieren.

► In der Innenstadt mehr seniorengerechten Wohnraum schaffen. Die alten Menschen haben dort mehr Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzunehmen, als in Wohnsiedlungen und Außenbereichen.

► Es dürfte mehr Seniorenwohnanlagen mit Betreuungsangeboten geben.

► Mehr Kurzzeit- und Tagespflegeplätze schaffen.

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