Emrah Asimov droht Rücküberstellung nach Italien
„Ochtrup ist mein Zuhause“

Ochtrup -

Emrah Asimov ist gebürtiger Ochtruper, in der Töpferstadt ist er derzeit aber nur geduldet. Der heute 22-Jährige, der vor zehn Jahren mit seiner Familie nach Montenegro abgeschoben wurde, soll zurück nach Italien gehen. Dorthin, wo er zuletzt gelebt hat. Weil er dort seinen ersten Asylantrag gestellt hat.

Freitag, 09.05.2014, 10:05 Uhr

Ochtrup ist seine Heimat. Emrah Asimov wurde hier geboren und wuchs hier auf. 2004, er besuchte gerade die sechste Klasse der Hauptschule, wurde seine Familie abgeschoben. Nach Montenegro – ein Land, das der heute 22-Jährige bis dahin nur aus den Erzählungen seiner Eltern kannte. Nach fast zehn Jahren, in denen er viele Schwierigkeiten überwinden musste, ist er jetzt wieder zu Hause – in Ochtrup. Aber das neue Glück ist, wie es aussieht, nicht von langer Dauer. „Ich soll zurück nach Italien gehen“, berichtet der junge Mann im Gespräch mit dem Tageblatt, „wo ich zuletzt gelebt habe.“ Aber so leicht will er nicht aufgeben, Asimov möchte die drohende Rücküberstellung verhindern, hat bereits einen Anwalt eingeschaltet und eine Eingabe beim Innenministerium gemacht. „Ich will bleiben“, betont er, „und werde alles versuchen, um das möglich zu machen.“

Asimov muss immer wieder schlucken, als er seine Geschichte erzählt. „Heftig“ ist das Wort, das der 22-Jährige am häufigsten verwendet, um seine Erlebnisse zu beschreiben. Er hatte sein ganzes Leben in der Töpferstadt verbracht – bis seine Eltern, die 1992 vor dem Krieg aus Montenegro nach Deutschland geflüchtet waren, zurück mussten. Mit ihnen auch Emrah und die jüngere der beiden älteren Schwestern. „Die andere war damals schon verheiratet und durfte bleiben.“ Der große Bruder setzte sich nach Italien ab. Die Familie riss auseinander.

Das war für Asimov aber nicht mal das Schlimmste. „Wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten“, berichtet er von der Anfangszeit in Montenegro. „Wir sind dann erstmal bei einem Cousin meines Vaters untergekommen, der aber selbst schon fünf Kinder hat.“ Drei Monate lang lebte die Familie bei den Verwandten, bis der Vater endlich Arbeit fand und eine eigene Wohnung mieten konnte. In welcher der 22-Jährige mehr Zeit verbrachte, als ihm lieb war. „Ich wollte zur Schule gehen, aber ich durfte nicht.“ Ohne Pass und Staatsangehörigkeit habe man ihm, wie er schildert, nicht einmal im Sozialamt helfen wollen. „Mir wurde immer nur gesagt, dass ich wieder nach Deutschland gehen soll.“ Das war es letztlich auch, was Asimov wollte.

Nach fünf Jahren in Montenegro wagte der damals 16-Jährige, der nach eigener Aussage schon immer mehr Deutsch als Albanisch gesprochen hat, den gefährlichen Schritt. Er tat sich mit Fremden zusammen, um über den Kosovo und Serbien zunächst nach Ungarn zu fliehen. „Da hat mich die Polizei erwischt.“ Einen Monat habe der Jugendliche in Untersuchungshaft verbracht, bis sein Bruder die Geburtsurkunde aus Ochtrup organisiert und damit bewiesen habe, dass Emrah noch minderjährig war. „Das war an meinem 17. Geburtstag“, erinnert sich Asimov noch genau. Kurzzeitig sei er im Heim untergekommen, dann habe ihn der Bruder mit nach Italien genommen, in die Provinz Fermo.

Dort beantragte der junge Kosovo-Albaner Asyl und blieb vier Jahre. Es war keine einfache Zeit, wie Asimov berichtet. „Ich musste zweieinhalb Jahre auf meine Arbeitserlaubnis warten.“ Dann habe er in der Firma angefangen, in der sein Bruder bereits als Dachdecker tätig war. 2013 standen beide dann ohne Job da. Der Bruder sei nach Deutschland gegangen, Emrah aber zunächst geblieben: „Ich hatte eine Freundin.“

Im Herbst kam er zurück nach Ochtrup. „Da war ich glücklich!“ Die Erlebnisse der vergangenen zehn Jahre haben jedoch ihre Spuren hinterlassen. Depressionen, Angstzustände und psychosomatische Beschwerden bescheinigte ihm ein Arzt. Derzeit wohnt Asimov in einer Wohnung im Pröbstinghoff, die er so schnell wie möglich wieder verlassen möchte. „Aber ich will nicht wieder nach Italien. Ich will bleiben, hier ist mein Zuhause.“ Der 22-Jährige träumt von einer Wohnung, einem Auto und davon, mal eine Familie zu gründen. „Aber erstmal möchte ich meinen Schulabschluss machen und Arbeit finden“, betont er. „Vielleicht wieder als Dachdecker, auf jeden Fall im Handwerk.“

Bevor sich Asimov aber mit einem dieser Themen befassen kann, muss geklärt werden, wie es mit ihm weiter geht. Momentan wird er geduldet, doch seine Aufenthaltserlaubnis läuft am 24. Mai aus. „Ich will nicht wieder weg“, beteuert der 22-Jährige und hofft, dass ihm der Schritt in die Öffentlichkeit hilft. „Vielleicht liest jemand den Artikel im Tageblatt, der mir helfen kann.“

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