Auf den Spuren der Familie Gottschalk
Brüder-Paar aus Israel besucht die Heimat seiner Vorfahren

Ochtrup -

Ihre Großeltern wurden 1942 als letzte noch in Ochtrup lebende Juden deportiert und später im Konzentrationslager ermordet. Ihrem Vater und seinem Bruder hingegen gelang die Flucht nach Israel. Dort, in der Nähe von Tel Aviv, leben Ephraim und Avraham Gottschalk heute. Zurzeit sind die beiden Brüder in Deutschland und wandelten auch in Ochtrup auf den Spuren ihrer Vorfahren.

Freitag, 18.07.2014, 08:00 Uhr

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die Vergangenheit ihrer eigenen Familie. Avraham und Ephraim Gottschalk sind an diesem hochsommerlichen Juli-Morgen auf den Spuren ihrer Vorfahren in Ochtrup unterwegs. Erste Station der beiden 67- beziehungsweise 63 Jahre alten Brüder, die in der Nähe von Tel Aviv leben, ist das Haus Bültstraße 8. Dort, wo heute eine Spielothek ist, haben ihre Großeltern Emanuel und Selma Gottschalk ein Hutgeschäft betrieben.

„Es ist faszinierend und aufregend zugleich, hier zu stehen“, sagt Ephraim Gottschalk. Zu seinen Füßen, im Pflaster des Bürgersteiges, erinnern vier „Stolpersteine“ an seine Großeltern sowie an Mitglieder der Familie Cohen. „Eine beeindruckende Aktion, die ich vorher nicht kannte“, meint Avraham Gottschalk. Seine Großeltern wurden am 23. Juli 1942 als letzte noch in Ochtrup lebende Juden deportiert und später im Konzentrationslager Theresienstadt umgebracht. Ihre Tochter ereilte das gleiche Schicksal in Auschwitz. Die beiden Söhne des Paares, Ernst und Erich Gottschalk, schafften es dagegen, mit dem letzten Schiff nach Israel zu fliehen. Ernst ist der Vater der beiden Männer, die nun für eine Woche die Heimat ihrer Vorfahren besuchen.

Dabei war es bis zuletzt nicht klar, ob sie aufgrund der Lage in Israel die Reise überhaupt würden antreten können. „Hier ist es so ruhig und friedlich“, sagt Ephraim Gottschalk in Anspielung auf den Krieg zu Hause. Und auf die Frage, wie der Alltag für ihn dort aussieht, fügt er hinzu: „Wir sind daran gewöhnt, unser Leben geht relativ normal weiter.“

Weiter geht es auch für die kleine Fußgängergruppe. Stadtarchivarin Karin Schlesiger steuert mit ihren Gästen den jüdischen Friedhof an. Dort besuchen Ephraim und Avraham Gottschalk das Grab ihrer Urgroßeltern. Auch für Carla Vosmann aus Nordhorn ist das ein Eintauchen in die eigene Vergangenheit. Sie ist mit dem Brüderpaar aus Israel verwandt und hat ebenfalls jüdische Wurzeln in Ochtrup. Zusammen mit Gerhard Naber vom „Forum Juden/Christen“ hat sie den Besuch in Deutschland organisiert. Und nicht nur sie freut sich, dass Gisela Struck als alteingesessene Ochtruperin bei diesem Spaziergang noch so viele Erinnerungen an ihre jüdischen Freunde aus Kindertagen parat hat – schöne wie traurige.

Als die Gruppe zum Abschluss mit Bürgermeister Kai Hutzenlaub im Rathaus zusammensitzt, macht die Materialsammlung von Karin Schlesiger die Runde. Kopien von Geburtsurkunden, Meldekarten und jede Menge Fotos finden sich darin. „Ich habe auch noch einige Dokumente aus der Zeit. Sind Sie daran interessiert?“, fragt Ephraim Gottschalk die Archivarin. Sie ist – und wie. Schnell sind die E-Mail-Adressen ausgetaucht. Der deutsch-israelische Austausch geht weiter.

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