Serie „Landwirtschaft im Wandel“
Vom Praktikanten zum Angestellten

Ochtrup -

Marvin Hardt ist ein Kind des Ruhrgebiets. In Witten aufgewachsen, hatte er bis zu seinem 14. Lebensjahr mit Landwirtschaft nichts am Hut. Das änderte sich durch ein Praktikum auf dem Hof der Familie Ostendorf in Ochtrup. Heute arbeitet der 23-Jährige wieder für den Betrieb sowie den von Bernd Schlattmann – als Agrarbetriebswirt.

Freitag, 01.08.2014, 10:08 Uhr

Alles andere als ein Spagat: Marvin Hardt arbeitet jeweils zur Hälfte für die Betriebe von Thomas Ostendorf und Bernd Schlattmann. Und das klappt reibungslos.
Alles andere als ein Spagat: Marvin Hardt arbeitet jeweils zur Hälfte für die Betriebe von Thomas Ostendorf und Bernd Schlattmann. Und das klappt reibungslos. Foto: Anne Eckrodt

Besser kann ein Praktikum nicht laufen: Als Marvin Hardt über den Verein „Stadt und Land“ auf den Hof der Familie Ostendorf kam, hatte er keinerlei berufliche Perspektive. Das war im Sommer 2005. Heute ist der 23-Jährige staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt und wieder bei den Ostendorfs in der Wester-Bauerschaft, zumindest zur Hälfte. Denn Thomas Ostendorf teilt sich mit Bernd Schlattmann, der ein paar 100 Meter entfernt ebenfalls einen Hof bewirtschaftet, den Angestellten. „Marvin ist ein absoluter Glücksfall für uns“, schwärmen die beiden Cousins unisono.

Dabei hatte Hardt bis zu seinem Praktikum mit Landwirtschaft rein gar nichts am Hut. Im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, gab es keinerlei Berührungspunkte. Sein Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Physiotherapeutin. „Und mein Opa war Kfz-Mechaniker“, erzählt der 23-Jährige. Das Landleben gefiel ihm auf Anhieb – und zwar so gut, dass er fortan in den Ferien immer wiederkam. Irgendwann ist dann damals die Entscheidung in ihm gereift, selbst Bauer zu werden. „Einen bestimmten Punkt gab es nicht, mir hat das Ganze einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Außerdem passte hier bei Familie Ostendorf alles“, sagt Hardt. Sein damaliger Gastgeber meint dagegen sehr wohl den entscheidenden Moment ausgemacht zu haben. „Marvin stand eines Tages bei mir in der Küche und fragte mich, ob er auch Landwirt werden könne“, erinnert sich der 38-Jährige.

Überhaupt, die Küche: Bei einem der vielen Ferienaufenthalte saß dort die ganze Familie zusammen. Hardt hatte an dem Tag Besuch von seinen Eltern. „Da haben wir dann auch mal darüber gesprochen, wie es wäre, Bauer zu werden“, erinnert er sich. Entsprechend wenig überrascht waren seine Eltern von der Berufswahl des Sohnes. „Sie haben mir nie Steine in den Weg gelegt“, freut sich der Agrarbetriebswert. Auch im Bekanntenkreis gab es keine komischen Kommentare oder Frotzeleien. Landwirtschaft ist eben sein Ding. Selbst seine Freundin hat er darüber kennengelernt – als Praktikantin an der Höheren Landbauschule.

Es ist die Bandbreite der Aufgaben, die Hardt an dem Beruf reizt. Außerdem schätzt er es, dass seine Chefs ihm den Freiraum lassen, sich selbst auszutesten. „Natürlich gibt es einen festen Plan, wann Marvin wo arbeitet“, sagt Schlattmann. Der 33-Jährige betreibt nicht nur seinen Hof, sondern hat mit einem Kompagnon in Heek eine deutschlandweit agierende Vermarktungsfirma für Jungsauen. „Wir haben früher auf dem Hof viel mit Aushilfen gearbeitet. Da kommt es mir jetzt sehr entgegen, dass man Marvin als ausgebildetem Agrarbetriebswirt wesentlich mehr Verantwortung übertragen kann“, betont Schlattmann. Und Ostendorf, der auch Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes (LOV) Ochtrup ist, fügt hinzu: „Das erwarte ich von einem Angestellten wie ihm aber auch, schließlich ist er kein Auszubildender mehr.“

Wer dem Trio zuhört, spürt, dass da mehr ist als das reine Chef-Mitarbeiter-Verhältnis. Die drei Männer gehen eher freundschaftlich miteinander um. Schlattmann und Hardt haben sogar ein gemeinsames Hobby: Kiten, nicht auf dem Wasser, sondern ganz bodenständig auf der eigenen Scholle.

Alle drei – die Chefs ebenso wie der Angestellte – sind sich der neuen Situation bewusst. „Marvin wächst da rein und wir als Arbeitgeber auch“, ist Schlattmann überzeugt. Und Hardt fügt hinzu: „Ich bin gespannt, welche Aufgaben mir noch übertragen werden.“

Ambitionen, eines Tages einen eigenen Hof zu führen, hat der gebürtige Ruhrgebietler nicht. „Mir fehlt schlichtweg das nötige Kapital, um einen Betrieb zu kaufen“, sagt er. Doch das ist es nicht alleine. Hardt gefällt seine Situation als Angestellter. „Ich möchte gar nicht die Gesamtverantwortung für so ein Unternehmen tragen.“

Seine beiden Chefs hören das gerne, denn qualifizierte Mitarbeiter sind sehr schwer zu finden. „Wir geben uns deshalb auch nicht der Illusion hin, dass Marvin hier alt wird“, räumt Ostendorf ein. „Wir hätten aber auch nichts dagegen“, beeilt sich Schlattmann zu betonen.

Dafür, dass es möglichst lange so bleibt, tun die beiden Arbeitgeber einiges. So wird auf dem Hof Ostendorf jetzt eine Wohnung für Hardt und seine Freundin umgebaut. Zurzeit leben die beiden noch bei Schlattmanns. Mit Familienanschluss.

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