Ohne Akku und Netz geht nix
Bauern setzen sich online für ihren Berufsstand ein

Ochtrup -

Die drei Bauern Thomas Ostendorf, Marcus Holtkötter und Bernhard Barkmann machen das, was viele ihrer Kollegen scheuen. Sie surfen in den sozialen Netzwerken und diskutieren auch online mit Verbrauchern, Politikern und anderen Experten über das Thema Landwirtschaft.

Samstag, 20.12.2014, 10:12 Uhr

Immer online (v.l.): Die Bauern Marcus Holtkötter, Thomas Ostendorf und Bernhard Barkmann schlagen im weltweiten Netz so manche Schlacht.
Immer online (v.l.): Marcus Holtkötter, Thomas Ostendorf und Bernhard Barkmann schlagen im weltweiten Netz so manche Informationsschlacht. Foto: Anne Steven

Das Smartphone steht bei Thomas Ostendorf , Marcus Holtkötter und Bernhard Barkmann nie still. Die drei Landwirte aus Ochtrup, Altenberge und Messingen (Emsland) entsprechen damit nicht dem Bild des – wie sie sagen – „typischen Landwirts“. Denn: „Der ist keine Rampensau“, weiß Thomas Ostendorf. „Wir schon“, ergänzt Marcus Holtkötter und grinst. Denn die drei machen das, was sie von allen Landwirten fordern. Sie wollen die Landwirtschaft und damit auch die Bauern ins Rampenlicht rücken, wollen als Landwirte und als Unternehmer wahrgenommen werden. Ganz wichtig ist ihnen der direkte Kontakt zum Verbraucher und zu seinen Fragen. Denn schließlich sind sie beim Thema Landwirtschaft die Experten schlechthin.

„Alle reden über uns, aber keiner mit uns“, ärgert sich Ostendorf. „Wenn ich mir das anschaue, was zurzeit auf die Bauern einprasselt, da kriege ich das kalte Kotzen“, nimmt der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Ochtrup kein Blatt vor den Mund. Regelmäßig würden mit falscher, unsachlicher und überzogener Berichterstattung Ängste bei Verbrauchern geschürt.

„Irgendwann haben wir gesagt, ‚jetzt müssen wir etwas tun’“, erzählt Holtkötter. Der Altenberger Landwirt startete im September dieses Jahres gemeinsam mit zwei Kolleginnen die Facebook-Seite „Frag doch mal den Landwirt“, gleichzeitig schalteten sie den Twitter-Kanal „Bauernwiki“.

Ziel war es, eine Plattform zu schaffen, auf der Verbraucher die Möglichkeit haben, sich mit ihren Fragen direkt an die Experten in Sachen Landwirtschaft zu wenden. In einfachsten Worten, ähnlich wie der Namensvetter „Frag doch mal die Maus“, arbeitet das Team, das mittlerweile aus gut zehn Köpfen besteht, die Fragen zu verschiedensten Themen auf und beantwortet sie. Wer lange Texte erwartet, wird enttäusch. „Wir haben festgestellt, dass Bilder, kurze Texte und Sprechblasen sehr gut geklickt werden“, erzählt Holtkötter. Wichtig ist ihnen, bei allen Diskussionen freundlich und sachlich zu bleiben. „Das ist das Entscheidende. Du musst immer höflich sein, auch wenn dir jemand schief von der Seite kommt. Dann erst recht“, hat Ostendorf gelernt.

Bernhard Barkmann pflichtet ihm bei. Seit 2011 ist der Emsländer in sozialen Netzwerken unterwegs. „Anfangs habe ich in Blogs immer gerne mitgelesen, später dann selbst geschrieben“, erzählt Barkmann. Seit einiger Zeit hat er seinen eigenen Blog. „Da habe ich so manche Schlacht geschlagen“, berichtet er von Beleidigungen gegen ihn und mitunter heftigen Diskussionen. Doch allmählich werde er zum Profi. Er habe sich ein dickes Fell zugelegt. Vor allem sei er heute besser vernetzt als zu Anfang. Der Kontakt zu Ostendorf und Holtkötter entstand – na klar – online. „Manchmal ist der Akku mittags schon leer“, erzählt Ostendorf und weist grinsend in Richtung Holtkötter. Der blickt gleich auf: „Kann ich bei Dir aufladen?“. Klar kann er. Ostendorf rollt das Verlängerungskabel aus, und schon ist sein Kollege wieder online. „Ohne Netz und Akku geht nix“, schmunzelt Ostendorf. Das gilt auch für den Stall.

Neben all der Aktivitäten im Netz müssen die Landwirte auch ihren Betrieb am Laufen halten. Aber genau das sei das Schöne: „Ich kann auch abends vom Sofa aus noch Öffentlichkeitsarbeit leisten“, hat Ostendorf festgestellt. Und Barkmann schreibt seinen Blog nicht selten nachts.

Geld bekommen die drei Landwirte dafür nicht. „Das ist unser Privatvergnügen“, erklärt Holtkötter. Aber viel wichtiger sei es ohnehin, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, Vorurteile abzubauen und vor allem das Gespenst Unwissenheit zu vertreiben.

Ostendorf liegt eine Sache besonders am Herzen. „Alle Bereiche der Gesellschaft dürfen sich technisch weiterentwickeln. Nur in der Landwirtschaft fordern die Leute einen Rückschritt und wollen wieder den Hahn auf dem Mist und das Abrackern von früh bis spät“, lässt der Bauer Dampf ab. Arbeit habe er auch so genug, denn Landwirtschaft müsse einfach immer noch wirtschaftlich sein. „Wir sind doch nicht das Sozialamt. Wir müssen davon leben“, spricht Ostendorf aus, was viele seiner Kollegen denken.

Im Gespräch mit den Verbrauchern kämen oft Aussagen wie „Oh, das habe ich gar nicht gewusst“, oder „Na, wenn das so ist‘“, erzählt Holtkötter. Und das passiert selbstverständlich nicht nur online. Am liebsten ist den drei Technik-Fans übrigens immer noch, wenn die Leute persönlich zu ihnen kommen und sich ihre Bauernhöfe mitsamt den Ställen vor Ort anschauen. „Dann erledigen sich manche Fragen ganz von selbst“, hat Holtkötter gelernt.

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