Dominikus Böhm hat viele Spuren hinterlassen
Über das Wirken eines großen Architekten in der Töpferstadt

ochtrup -

Über den bekannten Architekten Dominikus Böhm und seine Familie wurde jüngst ein Film in ausgesuchten Kinos gezeigt. Auch in Ochtrup hat der Kirchenbauer einige Spuren hinterlassen – darunter die Marienkirche. Das als „böhmscher Rundbau“ bekannte ehemalige Textillager der Firma Laurenz baute aber ein anderer.

Freitag, 10.04.2015, 17:04 Uhr

Eindeutig Böhm: Die Marienkirche wurde von dem Kirchenbauer Dominikus Böhm geplant. Aktuell läuft in ausgesuchten Kinos ein Film über die berühmte Architektenfamilie. Der Ochtruper Guido Dahl hat sich mit der Architektur des Gotteshauses befasst.
Eindeutig Böhm: Die Marienkirche wurde von dem Kirchenbauer Dominikus Böhm geplant. Aktuell läuft in ausgesuchten Kinos ein Film über die berühmte Architektenfamilie. Der Ochtruper Guido Dahl hat sich mit der Architektur des Gotteshauses befasst. Foto: Anne Steven

Es ist später Nachmittag. Während sich in Ochtrup ein trubeliger erster Frühlingstag mit viel Sonnenschein dem Ende entgegenneigt, ist es in der Marienkirche still. Die Sonne strahlt durch die mit tausenden kleinen, bunten Glasfragmenten geschmückte Rosette am Langhaus und malt bunte, flirrende Lichtflecken auf den Fußboden. Während die meisten Kirchenbesucher gerade dieses Bild unglaublich fesselt, begeistert Guido Dahl vielmehr die Architektur des Gotteshauses.

Nur eine Idee Dominikus Böhms:  Der Böhmsche Rundbau am FOC wurde nicht von dem berühmten Architekten gebaut. Den Bauantrag unterschrieb 1948 Willy Diening.

Nur eine Idee Dominikus Böhms:  Der Böhmsche Rundbau am FOC wurde nicht von dem berühmten Architekten gebaut. Den Bauantrag unterschrieb 1948 Willy Diening. Foto: Anne Eckrodt

„Das Volk Israel führte früher ein Nomadendasein“, erzählt Dahl und beginnt damit ganz am Anfang. Doch er ist schnell in der Gegenwart angelangt, denn die schmalen Säulen in der Marienkirche und das zeltartige Dach erinnern genau an diese Zeit. „Die Zeltstangen verweisen auf die pilgernde Kirche“, stellt der Experte einen Bezug her. Erdacht hat die Konstruktion der bekannte Architekt Dominikus Böhm , über dessen Familie derzeit in ausgesuchten Kinos ein Film zu sehen ist. Böhms Zeichenungen wurden 1952/53 in Och­trup in die Tat umgesetzt. Mit tatkräftiger Unterstützung der Bevölkerung. „Die Gemeinde war gewachsen“, erläutert Dahl den Kirchenbau. Das geht auch aus der Festschrift zur Weihe des neuen Gotteshauses hervor: „Bedingt durch die in den letzten Jahrzehnten aufwärts schreitende industrielle Entwicklung der Stadt und durch das Anwachsen der Seelenzahl auf über 11 500, das insbesondere durch die Zuweisung von mehr als 1500 Ostvertriebenen gegeben war, war der Bau dieser zweiten Kirche notwendig geworden“, heißt es dort.

Wie es kam, dass der berühmte Kirchenbaumeister Böhm im kleinen Ochtrup ein Gotteshaus plante, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Tatsache ist, dass er bereits in den 1930er- oder 1940er-Jahren in Ochtrup wirkte. In dieser Zeit muss auch der Kontakt mit dem Textilunternehmen der Gebrüder Laurenz entstanden sein. „Das waren keine stumpfen Industriellen“, unterstellt der ehemalige wissenschaftliche Referent bei der LWL-Denkmalpflege, Christian Höbel , der Unternehmerfamilie eine gewisse Affinität zur Architektur. Er ist mittlerweile im Ruhestand, weiß aber, dass Böhm das laurenzsche Areal überplant hat. Das beweisen alte Zeichnungen des Architekten. Eigentlich hatte sich der Kölner dem Bau von Kirchen verschrieben. Industriebauten wie in Ochtrup soll er nur einige wenige entworfen haben.

Doch in die Tat umgesetzt wurden Böhms Laurenz-Pläne zunächst nicht. Wäre dem so gewesen, würde es heute beispielsweise das ehemalige Verwaltungsgebäude der Textilfirma Laurenz, den sogenannten Beltman-Bau, gar nicht mehr geben. Das von Architekt Gerrit Beltman aus Enschede um 1893 mit Stilelementen der Gründerzeit und ganz in der Architektursprache der Wilhelminischen Kaiserzeit entworfen Gebäude schätzte Böhm offenbar nicht für erhaltenswert ein. „Er hatte diesen Teil überplant“, erzählt Höbel von den Abrissplänen des Architekten.

Erst nach einem Großbrand, der 1947 sämtliche Lagerräume des Unternehmens vernichtete, kamen die Zeichnungen Böhms vermutlich wieder auf den Tisch. Doch dienten sie nun eher als Grundlage. Denn eines geht aus den Bauunterlagen definitiv hervor: Dominikus Böhm hat den in Ochtrup als Böhmschen Rundbau bekannten ehemaligen Lagerraum der Firma Laurenz nicht gebaut. Den Bauantrag unterschrieben hat 1948 ein anderer: Architekt Willy Diening aus Nordhorn. FOC-Betreiber Thomas Dankbar stieß vor einiger Zeit auf diese Dokumente. „Ich glaube schon, dass Böhm die Gestaltung des Rundbaus beeinflusst hat. Aber tatsächlich gebaut hat er ihn nicht“, stellt Dankbar klar. Er richtete damals eine schriftliche Anfrage an die Familie Böhm und bat um Klärung dieser Frage. Sie blieb jedoch ohne Antwort.

Klarheit herrscht hingegen bei der Eingangshalle des heutigen Cafés Laurenz. Unter dem Bauantrag aus dem Jahr 1950 für das Gebäude prangt eindeutig die Unterschrift des Kirchenbaumeisters Böhm. „Ob er später noch einmal über die Pläne seines Kollegen für den Rundbau geschaut hat, erschließt sich aus der Akte nicht“, kann Höbel letzte Zweifel nicht ausräumen.

Bei der Erweiterung des Rundbaus 1951 hatte wiederum ein anderer Architekt aus Rheine die Finger im Spiel. Dieser Gebäudeteil unterscheidet sich vom Rest des Rundbaus vor allem durch die Holzfenster – im vorderen Teil sind es Betonfenster – und die abweichenden Dachöffnungen, aber auch durch die unterschiedlichen Tiefen.

Die böhmsche Eingangshalle fügte sich 1950 als Verbindungsstück zwischen Rund- und Beltmanbau ein. Die Halle ist von einer riesigen Kuppel überdacht. Das einfallende Licht setzt die ebenfalls von Böhm entworfene Rosette am Boden besonders in Szene. Doch bei all den Architekten, „es wirkt trotzdem alles harmonisch“, findet Dankbar. Und welcher Architekt nun welchen Teil erbaut, erdacht oder geplant hat, spielt, wenn das Gesamtkunstwerk passt, wohl nur eine untergeordnete Rolle. Für Ochtrup sind alle Gebäudeteile ein Gewinn.

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