Clearinghaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
Startrampe ins neue Leben

Ochtrup -

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbergen sich schreckliche Schicksale junger Menschen, die ihre Heimat aus der größten Not heraus verlassen mussten. Das Clearinghaus, das die Evangelische Jugendhilfe Münsterland seit vergangenem Oktober in Ochtrup eingerichtet hat, bietet acht Jugendlichen die Möglichkeit, gemeinsam mit Fachpersonal zu überlegen, wie es für sie weitergehen soll.

Dienstag, 21.04.2015, 12:04 Uhr

Die Evangelische Jugendhilfe, hier Martina Bibow und Wolfgang Puhe, hilft unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge beim Start in ein neues Leben.
Die Evangelische Jugendhilfe, hier Martina Bibow und Wolfgang Puhe, hilft unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge beim Start in ein neues Leben. Foto: Heidrun Riese

Krieg, Verfolgung und Gewalt haben sie dazu getrieben, ihre Heimat, ihre Familien, ihr komplettes bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Sie sind völlig alleine, in einem fremden Land. Ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Die Rede ist von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, kurz UMF. Einige leben derzeit in Ochtrup , in einem so genannten Clearinghaus . Die Einrichtung, deren Trägerin die Evangelischen Jugendhilfe Münsterland ist, soll für die oft schwer traumatisierten Jugendlichen eine Startrampe in ein neues Leben sein.

Im Oktober vergangenen Jahres haben Projektleiter Wolfgang Puhe und sein Team, zu dem sieben pädagogische Mitarbeiter mit unterschiedlichen Stellenanteilen sowie eine Hauswirtschaftskraft gehören, die Arbeit in der Töpferstadt aufgenommen. „Es muss immer jemand für die Jugendlichen da sein – rund um die Uhr, jeden Tag in der Woche“, erklärt der erfahrene Sozialpädagoge. Acht Plätze stehen in dem umgebauten Einfamilienhaus zur Verfügung. „In Ballungsgebieten gibt es auch größere Häuser“, berichtet Martina Bibow , pädagogische Leiterin der Evangelischen Jugendhilfe. „Aber es macht Sinn, solche Einrichtungen möglichst klein zu halten“, weiß Puhe.

Jeder Einzelne hat seine eigene Geschichte. Die Heranwachsenden, die sich derzeit in Ochtrup aufhalten, sind alle zwischen 14 und 18 Jahre alt. Sie kommen aus dem Kosovo, Albanien, dem Irak, Marokko, Mali, Äthiopien und Afghanistan. „Nicht ohne Grund“, betont der Projektleiter. Die blanke Angst um ihr Leben hat die jungen Flüchtlinge in die Fremde getrieben. „Der Vater eines Jugendlichen gehörte der Opposition an und wurde getötet“, beschreibt Puhe das Schicksal eines seiner Schützlinge. Die Tragödie endet häufig nicht mit dem Verlassen des Heimatlandes. Auf überfüllten Booten, als blinder Passagier eines Lasters und sogar zu Fuß machen sich die jungen Menschen auf eine gefährliche Reise. „Viele Flüchtlinge sind bis zu neun Monate unterwegs“, weiß Bibow. In Deutschland werden sie oft bei Fahrzeugkontrollen auf der Autobahn aufgegriffen und dann innerhalb weniger Tage an eine Einrichtung vermittelt.

Damit beginnt der Prozess, dem die Clearinghäuser ihren Namen zu verdanken haben. „Wir klären zusammen mit den Jugendlichen, welcher weitere Weg für sie sinnvoll ist“, erklärt Puhe. Neben zahlreichen Gesprächen mit Sozialarbeitern und Psychologen stehen auch ärztliche Untersuchungen an. „Die Jugendlichen werden komplett auf den Kopf gestellt“, informiert der Projektleiter. Außerdem geht es um Aufenthaltsregelung und, weil die Flüchtlinge noch minderjährig sind, um Vormundschaft.

Zum Clearingprozess gehört auch das Erlernen und Erleben eines neuen Alltags. „Das funktioniert hier wie in einer Familie“, sagt Puhe. Gegen 7 Uhr stehen die Jugendlichen auf und gehen zur Schule. Die Evangelische Jugendhilfe kooperiert an dieser Stelle mit der städtischen Hauptschule, an welcher die Flüchtlinge in der Regel die Eingangsklasse besuchen. Dem gemeinsamen Mittagessen folgen verschiedene Aktivitäten. Montags putzen die Jugendlichen beispielsweise ihre Zimmer und erledigen andere Aufgaben, dienstags arbeiten sie in der hauseigenen Fahrradwerkstatt an ihren Drahteseln, donnerstags büffeln alle zusammen im Deutschkursus und samstags spielen sie gerne Fußball. Programm gibt es für jeden Tag. „Aber natürlich haben die Jungs am Wochenende auch mal die Gelegenheit auszuschlafen“, verrät der Sozialpädagoge. „Hier wird viel gelacht“, berichtet er, „aber auch viel geweint – aus Heimweh, Sehnsucht, aber auch aus Angst vor der Zukunft oder beim Versuch, die Vergangenheit zu bewältigen.“

Nach drei bis sechs Monaten ist der Clearingprozess beendet. Dann entscheidet das Jugendamt, wie es weitergeht. „Einen jungen Mann konnten wir bereits in eine Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe vermitteln“, berichtet Puhe und hofft, noch weiteren jungen Menschen helfen zu können. Mit allen seinen Schützlingen passgenaue Angebote zu erarbeiten, um zumindest einen Teil der Not zu lindern und Perspektiven zu eröffnen, das ist das Ziel des Sozialpädagogen. „Am liebsten“, sagt er, „wäre mir natürlich, wenn sie gar nicht erst fliehen müssten.“

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