Irgendwie genau sein Ding
Marvin Woltering ist Segelkunstflieger und wurde jetzt in die Nationalmannschaft berufen

Ochtrup -

Der Ochtruper Marvin Woltering liebt das Segelkunstfliegen. Jetzt ruft die sogar die Nationalmannschaft.

Dienstag, 12.05.2015, 10:05 Uhr

„Wenn ich mit meinem Programm durch bin, wackel’ ich mit den Flügeln und brülle vor Erleichterung die ganze Pilotenkanzel zusammen. Da oben hört mich ja keiner.“ Der Ochtruper Marvin Woltering ist Flieger und steht trotzdem mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen.

Der jetzt 20-Jährige hat mit dem Segelfliegen begonnen, als er gerade mal 13 Jahre alt war. Die Begeisterung für diesen luftigen Sport hat er von seinem Vater Karsten geerbt, der ihm die Türen zur Luftsportgemeinschaft Steinfurt ( LSG ) öffnete. Jetzt kann der Vater zusehen und sich mächtig freuen, dass der Sohnemann in die deutsche Nationalmannschaft für Segelkunstfliegen berufen wurde. Was ist das bitte, fragt man sich. „Nun, wenn man es etwas frech formuliert, machen die normalen Segelflieger Strecke und wir eben Kunst“, erklärt Woltering schmunzelnd. Das hört sich wesentlich schlichter an, als es tatsächlich ist. „Wir werden mit einer Motormaschine mit unseren speziellen Kunstsegelfliegern auf eine Höhe von 1200 Metern gezogen und dann ausgeklinkt. Und spätestens dann wird es richtig ernst“, erläutert der Fachmann. Er hat dann einen Luftkorridor von einem Kubikkilometer, der sogenannten Box, vor sich, in dem er in einem bestimmten Programm zehn Figuren absolvieren muss. Fünf Programme gehören zu jedem Wettbewerb, nur zwei lassen sich vorher trainieren, die übrigen drei sind für die Sportler eine Überraschung. Beim Blick auf die skizzierten Aufgaben wird dem Laien schon beim bloßen Betrachten der Wendungen, Loopings und Fliegemanöver schlecht. Ganz abgesehen von der Angst. Immerhin kommt der Erdboden in Wirklichkeit ja immer näher. „Angst hat immer etwas mit Kontrollverlust zu tun. Wir Kunstsegelflieger müssen genau wissen, was wir da mit unseren Maschinen machen und was die Maschinen mit uns machen“, sagt Woltering. Da müsse jede Gewichtsverlagerung und jeder Griff am Steuerknüppel sitzen. Üben und immer wieder die Figuren im Kopf durchgehen, mit geschlossenen Augen in Gedanken durchfliegen. „Ohne Quatsch, das sieht für Außenstehende manchmal bekloppt aus, wenn wir die Übungen regelrecht durchtanzen. Aber jede Wendung muss in Fleisch und Blut übergegangen sein, damit sie im Flieger auch annähernd klappt.“

Nachdem der Ochtruper das Kunstfliegen im Schwebezustand einmal für sich entdeckt hat, hat es ihn nicht wieder losgelassen – und irgendwie war das auch genau sein Ding. Beim Weg durch die einzelnen Leistungsklassen konnte der Ochtruper sogar Stufen überspringen und fiel auch national auf. Mit sechs weiteren Mannschaftsmitgliedern bereitet er sich vor allem auf die vom 5. bis 15 August in Tschechien stattfindenden Weltmeisterschaften in Zbraslavize vor, einem internationalen Mekka des Flugsports. Seitdem klar ist, dass er dabei ist, wachsen der Trainingsaufwand und die Vorbereitungswettbewerbe. Eine Spezialmaschine mit der Typenbezeichnung SZD-59 steht mittlerweile im Hangar in Borghorst-Füchten, dem Flughafen der LSG. Die Maschine wirkt im Gegensatz zu normalen Segelflugzeugen gedrungener, die Flügel sind kürzer.

Dass Wolterings Berufswunsch feststeht, dürfte kaum überraschen. Er will Pilot werden, hat mittlerweile das knallharte Auswahlverfahren bei der Lufthansa absolviert und gepackt. „Dagegen war mein Abitur ein Sommerspaziergang“, meint der Ochtruper. Wenn er Glück hat, kann er in zwei Jahren mit der Ausbildung beginnen – vorher wird er aber noch viel tanzen und brüllen.

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